Die Noise-Cancelling-Kopfhörer sind immer dabei - damit sie auch mal ihre Ruhe hat: Leonie Müller am Frankfurter Hauptbahnhof. - © Gaby Gerster
Die Noise-Cancelling-Kopfhörer sind immer dabei - damit sie auch mal ihre Ruhe hat: Leonie Müller am Frankfurter Hauptbahnhof. | © Gaby Gerster

Bielefeld Wohnung gekündigt: Bielefelderin lebt 18 Monate im Zug

Dauerreisende: Leonie Müller (25) hat ihre Wohnung gegen eine BahnCard 100 getauscht. In einem Buch erzählt sie nun von ihrer Zeit auf der Schiene. Damals gab's auch Kritik

Ariane Mönikes

Bielefeld. 2.000 Kilometer hat sie in einer Woche zurückgelegt - auf der Schiene: Für eineinhalb Jahre lebte die Bielefelderin Leonie Müller in Zügen, tauschte ihr WG-Zimmer in Stuttgart gegen eine BahnCard 100. Mit dabei hatte sie nur einen 40-Liter-Rucksack. Über diese Zeit hat Müller ein Buch geschrieben, das jetzt erschienen ist. "Tausche Wohnung gegen BahnCard" heißt das. Ein Jahr lang hat sie daran gearbeitet, alles neben dem Studium. "Ich habe unterwegs schon Tagebuch geschrieben", erzählt Müller. Ihre Notizen musste sie dann nur noch zusammentragen. Von Mai 2015 bis Oktober 2016 war Müller in Zügen zu Hause: Sie hatte damals Stress mit ihrem Vermieter und kündigte ihr WG-Zimmer in Stuttgart. Statt 400 Euro im Monat für die Miete aufzubringen, kaufte sie sich damals für 4.090 Euro pro Jahr die BahnCard 100. Die meiste Zeit schlief Müller bei Freunden auf dem Sofa Ab und an schlief Müller im Zug, die meiste Zeit aber bei Freunden auf dem Sofa. Auf ihrem Internet-Blog hatte es damals auch vereinzelt Kritik gegeben - sie sei eine Schmarotzerin, hieß es da. Das sieht Müller anders. "Wenn es meinen Freunden nicht passte, habe ich mir was anderes gesucht", sagt sie. Es sei während der Zeit im Zug nicht eine Freundschaft in die Brüche gegangen. Häufig war sie auch bei ihrer Mutter in Berlin oder ihrer Oma in Bielefeld. Sie kümmert sich auch heute noch so oft es geht um die 96-Jährige. Bei ihr hatte sie auch ein paar Sachen untergebracht, für die im Rucksack kein Platz war. Ständige Begleiter waren ihr Laptop, ein paar Klamotten, Kopfhörer und eine Kulturtasche. Geduscht habe sie meistens bei Freunden, ab und an aber auch mal im Zug die Haare gewaschen - im Sommer. "Dort gibt's nämlich nur kaltes Wasser", erklärt sie. Gegessen hat Müller meistens am Bahnhof, ging es nicht anders, setzte sie sich auch schonmal ins Bahn-Bistro. "Pfannkuchen mit Kirschkompott kann ich empfehlen." Gemeldet war sie während der Zeit bei einem Freund, ihre Post ließ sie bei der Firma Dropscan digitalisieren und sich per E-Mail zuschicken. Die 25-Jährige hat jetzt ein WG-Zimmer in Köln Die Deutsche Bahn führt keine Statistik über die Zahl von Bahn-Card-Inhabern, die die Züge des Fernverkehrs zum Wohnen nutzen, erklärt eine Sprecherin auf Nachfrage der NW. Eine derartige Nutzung der Bahn-Card sei auch nicht vorgesehen. Dennoch habe sie viele Menschen getroffen, die wie sie viel Zeit im Zug verbracht haben, sagt Müller. Probleme habe sie mit der Bahn nie gehabt - im Gegenteil. "Viele schimpfen über die Bahn", erzählt sie. "Ich kenne aber kein anderes Land, in dem es so ein gutes Bahn-System wie in Deutschland gibt." In den 18 Monaten habe sie auch viele interessante Gespräche gehabt, auf einer Fahrt zwischen Hannover und Bielefeld habe sie sogar einen alten Schulfreund wiedergetroffen. Die 25-Jährige studiert heute im Master-Studiengang Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leipzig und hat ein WG-Zimmer in Köln. Sie hat immer noch eine BahnCard 100, pendelt oft von ihrer Mutter in Berlin nach Leipzig. Wenn sie ihre Master-Arbeit abgegeben hat, kann sie sich vorstellen, zu reisen und zu schreiben. Vielleicht auch wieder ohne Wohnungsschlüssel und nur mit BahnCard 100, sagt sie. Ein Kapitel in ihrem Buch ist übrigens auch Bielefeld gewidmet: "In letzter Zeit erscheint mir Bielefeld wie diese Jugendliebe, die man gefühlte Jahrzehnte später wiedertrifft und die auf einmal überraschend cool geworden ist", schreibt sie da.

realisiert durch evolver group