Bei der Arbeit: Marcus und Helen Knauf vor Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“, das gerade aufgetragen wird. - © Andreas Zobe
Bei der Arbeit: Marcus und Helen Knauf vor Eugen Gomringers Gedicht „avenidas“, das gerade aufgetragen wird. | © Andreas Zobe

Bielefeld "Sexistisch": Bielefelder lassen umstrittenes Gedicht auf ihre Hauswand malen

Aktion: Helen und Marcus Knauf haben die Verse von Eugen Gomringer auf der Fassade ihres Hauses im Westen auftragen lassen

Bielefeld. Demnächst wird die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin Eugen Gomringers Gedicht „avenidas" übermalen lassen. Weil es Frauen angeblich zu Objekten mache und deswegen sexistisch sei, hatten die Studentinnen und Studenten sich mehrheitlich für diesen bundesweit heftig debattierten Schritt ausgesprochen. In Bielefeld hingegen ist es ab sofort zu sehen. Helen und Marcus Knauf haben es auf der Fassade ihres Hauses an der Dorotheenstraße 7 im Bielefelder Westen auftragen lassen. Statement für die Freiheit der Kunst Das Ehepaar möchte sein Engagement für das Gedicht des 93-jährigen Poeten „als Statement für die Freiheit der Kunst und wider die Zensur" verstanden wissen. „Wir empfinden den Umgang mit dem Dichter und seinem Gedicht als empörend und für eine Hochschule, die für die Freiheit der Wissenschaft stehen sollte, als sehr problematisch", betont Helen Knauf, die als Professorin für frühkindliche Bildung an der Hochschule Fulda lehrt. Diplom-Holzwirt Marcus Knauf sieht in der Übermalung des Gedichts zudem einen Angriff auf die Moderne, „dem es entgegenzutreten gilt". Knauf: „Die Moderne gerät derzeit von Rechts als auch von gewissen linken Kreisen unter Druck. Auch dem wollten wir mit unserer Aktion entgegentreten." Zudem sei es einfach ein schönes Gedicht, das mit nur wenigen Worten sehr viel sage, eine intensive Stimmung schaffe. „Wir möchten damit auch der Poesie in der Öffentlichkeit einen Raum geben", betont das Ehepaar und sagt zudem: „Wir haben bisher nur Zustimmung zu unserer Initiative erhalten." Honorar für den Dichter Bereits im November, als die Debatte um das Gedicht des experimentellen Lyrikers aufkam, hatten die beiden Gomringer schriftlich angeboten, sein Gedicht auf ihrer Fassade auftragen zu lassen. „Vor ein paar Wochen erhielten wir dann das Okay von Eugen Gomringer und seiner Tochter Nora mit genauen Vorgaben für den Zeilenfall und die Schrift." Ein Honorar habe der Dichter auch erhalten. Am Mittwoch nun brachte Franz Pawlik von der gleichnamigen Herforder Beschriftungsfirma das Gedicht mit Hilfe von Folien in einer mehrstündigen Aktion auf der weißen Fassade der Stadtvilla in Nähe des Ostwestfalendamms an. „Als ich von dem Vorhaben gelesen hatte, habe ich sofort angeboten, das Aufbringen zum Selbstkostenpreis zu übernehmen, denn ich empfinde es als Frechheit, dass dieses Gedicht übermalt werden soll", betont Franz Pawlik und klettert auf das Gerüst, um dann weiter die Verse auf die Wand links neben der Haustür anzubringen. Und ein Radler ruft im Vorbeifahren „Tolle Aktion."

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