Bielefeld Was ist mit Amerika los? Eine Bielefelderin erklärt

Warum die Vereinigten Staaten so widersprüchlich sind, woher der Patriotismus kommt, wie es zu Trump kam und warum das Land trotz allem so faszinierend ist

Frau Roth, Sie forschen in Süd- und Nordamerika. Sind die USA das spannendste Land? Julia Roth: Es ist definitiv eines der widersprüchlichsten und deswegen spannendsten Länder des Kontinents. Woher kommt die Widersprüchlichkeit? Roth: Es kamen ganz unterschiedliche Einwanderer nach Amerika und später in die USA. Viele Zuwanderer aus Europa kamen selbst aus Unterprivilegierten Milieus und haben die Herrschafts- und Unterdrückungskulturen in den USA reproduziert. Eng verknüpft mit der Eroberung durch Europäer sind außerdem der transnationale Sklavenhandel und die Plantagenwirtschaft. Sie sind ein Grund für den Reichtum des Landes wie auch Europas und haben das kapitalistische System mit etabliert. Zugleich ist durch die Sklaverei eine rassistisch begründete zweigeteilte Gesellschaft auf der Grundlage weißer Vorherrschaft entstanden, die bis heute starke Fortwirkungen zeigt. Obwohl die Sklaverei vor mehr als 150 Jahren abgeschafft wurde? Roth: Bis 1964 gab es Segregation, also die sogenannte Rassentrennung, in den Südstaaten. Die Sklaverei ist zwar 1865 durch den 13. Zusatzartikel in der Verfassung abgeschafft worden, die rassistische Segregation bestand aber weiter. Afroamerikaner durften faktisch nicht wählen, weil die Bedingung dafür war, dass man Lesen und Schreiben konnte und ein gewisses Vermögen hatte. Schwarze und Weiße durften nicht heiraten, sie waren getrennt in den Schulen und vieles mehr. „Getrennt, aber gleich" lautete die Losung. Aber das „gleich" würde ich in Abrede stellen. Bis heute wirken die daraus entstandenen Traumata, Ungleichheiten und Konflikte nach. Der Konflikt 
zwischen 
Nord und Süd 
bricht wieder auf Hat sich die Ungleichheit konserviert? Roth: Bis in die Gegenwart sind Afroamerikaner tendenziell ärmer und schlechter gebildet, dafür überproportional häufig in Gefängnissen eingesperrt aufgrund von Vorurteilen und verfestigten Ungleichheitsstrukturen. Neu eingewanderte Schwarze in den USA haben laut Studien weniger Probleme als Alteingesessene. Sie schaffen sogar oft den Aufstieg. Ist das ein Hinweis darauf, dass nicht immer Rassismus der Grund sein muss? Roth: Natürlich reproduzieren sich über viele Jahrzehnte benachteiligte und bildungsferne Schichten. Doch gerade, als in Folge der harten Kämpfe der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er und 1970er Jahren zwischen Schwarz und Weiß einige Fortschritte erkämpft worden waren, erfolgten in der Reagan-Ära krasse Kürzungen bei Bildungs- und Sozialprojekten, die vor allem afroamerikanische und puertorikanische Communities getroffen haben. Gibt es nach wie vor Differenzen zwischen Nord- und Südstaaten, die sich im 19. Jahrhundert in einem Bürgerkrieg bekämpften? Roth: Ja, gerade jetzt im Zuge des Erfolgs der Ultrarechten bricht der Konflikt wieder auf. Zum Beispiel bei den Auseinandersetzungen um die Denkmäler für die Konföderierten, also „Kriegshelden" aus den 13 Staaten im Süden, die sich separierten, weil sie die Sklaverei aufrechterhalten wollten. Gegner wollen heute endlich die Denkmäler entfernen, die Ultrarechten wollen sie behalten. Es geht dabei um das kollektive Gedächtnis und die Deutungshoheit. Da ist das Land wieder mal tief gespalten. Ist die Geschichte nicht richtig aufgearbeitet worden? Roth: Viele afroamerikanische Autorinnen und Autoren thematisieren das Trauma der Sklaverei und des Rassismus für alle Amerikaner schon sehr lange. Doch die Jahrhunderte dauernde Sklavenwirtschaft, die den versklavten Afrikanern keine Menschenrechte zugestanden hat, lässt sich nicht schnell und einfach aufarbeiten, zumal die Segregation – wie gesagt – noch nicht so lange her ist. Schwarze und Weiße sind in sich keine homogenen Gruppen. Ist das Land denn mehr als die Summe von unterschiedlichen Ethnien und Kulturen? Roth: Das spannende an den USA ist ja, dass es so ein wahnsinnig diverses Land ist. Vielfalt ist dort ganz selbstverständlich. In den USA wird man selten gefragt: Wo kommst du her? Eher sagen die Menschen: Toll, du bist aus Deutschland, ich habe Vorfahren aus Polen. Über Vielfalt definiert sich das Land sogar, auch wenn sie historisch immer wieder auf blutigste Weise erkämpft worden ist. Geprägt wurde das Land von Anfang an vor allem durch den Geist arbeitsamer, protestantischer Christen. Welche Spuren hat das hinterlassen? Roth: Die frühen Siedler waren Puritaner, die mit ihrer Idee des Sich-Neu-Erfindens das Land prägen, was Teil der amerikanischen Kultur geworden ist. Auch deshalb wählen US-Amerikaner viel schneller als Europäer auch mal einen ganz anderen Typ als den Vorgänger zum Präsidenten. Hinzu kommt das puritanische Selbstverständnis des Auserwählt-Seins. Dahinter steckt die Vorstellung, dass ihnen, die in Europa verfolgt wurden, dieses Land von Gott geschenkt wurde. Daher rührt auch das typisch amerikanische Überlegenheits- und Sendungsbewusstsein. Wie stark schätzen Sie den Widerstand innerhalb des Landes genau dagegen ein? Roth: Also, ich muss sagen, dass ich die USA politisch immer als ein sehr widersprüchliches Land erfahre. Ich bin viel an Universitäten, und es ist faszinierend zu sehen, wie viele kritische Stimmen sich dort mit erstaunlicher Klarheit versammeln. Es gibt eine sehr starke Selbstkritik, übrigens auch in der Kunst, in Filmen und Romanen. Es heißt, Amerikaner sind staatsferner als Europäer eingestellt. So wollen so wenig Eingriff wie möglich. Stimmt das? Roth: Die eher linken Intellektuellen, die Europa kennen, wollen das Sozialsystem schon verändern. Für sie ist es wichtig, dass zum Beispiel alle eine staatliche Gesundheitsversorgung haben. Aber für andere grundlegende Dinge und soziale Absicherungen, die wir für selbstverständlich halten, wird nicht gekämpft, etwa eine für alle erschwingliche Kita-Betreuung, Arbeitslosengeld, angemessener Urlaub oder Elternzeit. Die gibt es so nicht, das wird akzeptiert. Eint trotz aller Widersprüche und Kämpfe der Patriotismus alle Amerikaner? Roth: Patriotismus ist generell ein starkes Leitmotiv in den USA. Man ist stolz, Amerikaner zu sein. Die allermeisten, auch die größten Kritiker des eigenen Landes, sind Patrioten. Deswegen schämen sie sich für ihr Land so sehr, wenn Dinge passieren, mit denen sie nicht einverstanden sind. Nach der Wahl von Trump waren in einem meiner Kurse Amerikaner den Tränen nah. Ist Trump die Kehrseite genau dieser Eigenschaft? Schließlich zeigt sich durch seine Wahl eine Bereitschaft zu einem Wagnis. Roth: Ich habe mich vor der Wahl gewundert, dass sogar Gebildete und Wohlhabende sich nicht eindeutig positionieren wollten. Und wenn, dann sagten sie, Clinton auf keinen Fall wählen zu wollen. Vielleicht Trump, lieber aber Bernie Sanders. Diese Logik habe ich nicht verstanden. Aber sie zeigt wie ungewöhnlich groß der Frust auf das Establishment derzeit ist, aber auch die Bereitschaft Protest auszudrücken und Neues zu wagen, das alte Diktum des „making it new". Sie haben 
die größte Kulturindustrie entwickelt Die USA sind nicht nur politisch und militärisch eine Weltmacht, sondern auch kulturell. Welche Erklärung haben Sie dafür? Roth: Durch die Einwanderungsgeschichte sind verschiedenste Einflüsse zusammengekommen. Daraus sind viele kreative Formen entstanden. Dazu muss man beachten, dass die USA die weltweit größte Kulturindustrie entwickelt hat. Es geht in dem System immer auch darum, die Dinge gut zu verkaufen sowie sie weltweit zu vermarkten. Es ist offensichtlich gelungen, eine massenkompatible Ausdrucksform zu finden. Roth: Es gibt durch die Erfahrungen der Einwanderer aus Europa eine Tradition des Antiintellektualismus. Daraus hat sich eine Erzählart zur Kunstform entwickelt, die gut verständlich ist und mitunter auf Effekte aus ist, damit sie massenhaft verkauft werden kann. So sind etwa die Schreibschulen dort anders ausgerichtet. Schließlich müssen die Schriftsteller von ihren Texten leben können. Sie sollten also lesbar sein. Kultur und Kommerz sind in den USA nicht unbedingt Gegensätze. Aber sind nicht auch Emotionalität und Pathos Gründe für den Erfolg? Roth: Hollywood beweist, dass das so ist. Eines meiner Forschungsprojekte untersucht Hip-Hop. Interessant ist, dass dieser musikalische Ausdrucksstil weltweit von benachteiligten Jugendlichen aufgegriffen wird, ohne dass diese die amerikanischen Texte unbedingt verstehen können. Aber diese spezielle Form, ihre Geschichten zu erzählen, spricht sie an. Hip-Hop ist in gewisser Weise „Ghetto-Kompatibel". Man braucht keine teuren Instrumente. Rappen lernen kann jeder.

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