Patrick Jaworek (Kamera), Matthias Goßmann (Lichtwerk), Joe Chantal Murray (Ton) und Filmemacher Max Meis mit dem Premierenpublikum von „Die Würde des Balles" im Lichtwerk-Kino. - © Foto: Christian Weische
Patrick Jaworek (Kamera), Matthias Goßmann (Lichtwerk), Joe Chantal Murray (Ton) und Filmemacher Max Meis mit dem Premierenpublikum von „Die Würde des Balles" im Lichtwerk-Kino. | © Foto: Christian Weische

Bielefeld Professioneller Film über die Wilde Liga Bielefeld gedreht

„Die Würde des Balls“ von Max Meis feiert im Lichtwerk Premiere

Ansgar Mönter

Bielefeld. Mitunter grauenhafter Fußball und miserable Plätze, zugleich fast immer maximaler Spaß und Kameradschaft – das sind die Charaktermerkmale der Wilden Liga Bielefeld seit mehr als 40 Jahren. Doch die ist noch viel mehr: ein nach wie vor anarchisches Projekt, in dem Regeln höchstens als notwendiges Übel akzeptiert werden; ein soziales Dauerexperiment mit Integrationskraft; und vor allem eine prima Gelegenheit, Sport, Bier und Party zu verschmelzen. Max Meis hat über diese subkulturelle Institution Bielefelds einen Dokumentarfilm gedreht. Das professionelle Werk über 90 Minuten Länge feierte jetzt Premiere im Kino Lichtwerk vor rund 140 Zuschauern. Schon vor der Erstaufführung sammelten sich die Gäste im Lichtwerk, darunter zahlreiche Wilde-Liga-Veteranen jenseits des 50. Lebensjahres, viele davon mit Schlackerknien oder sonstigen Wehwehchen, die sie wie Trophäen einer bewegten Zeit mit sich herumschleppen. Andere Ergraute haben es geschafft, einigermaßen schadlos durchzukommen und kicken heute noch, meist gegen Fittere im Sohnesalter. Anekdoten ausgetauscht Anekdoten wurden ausgetauscht aus der Geschichte des Spielbetriebes: über Torhüter, die Fehlschüsse des Gegners durch orientierungslose Hechtsprünge doch noch ins eigene Tor lenkten; über beinharte Verteidiger, die vor dem Spieleinsatz aus Sicherheitsgründen – für den Gegner – mit eigentlich verbotenen Rauchwaren ruhig gestellt werden mussten; über Traumtore von der Mittellinie und endlose Diskussionen über Elfmeter- oder Abseitsentscheidungen. Im Film von Meis findet sich vieles von diesem skurrilen Alltag der Wilden Liga wieder. Genauso beleuchtet er die soziale Funktion, die der Fußballbetrieb abseits des DFB immer schon hatte. In seiner Anfangszeit Mitte der 1970er Jahre gab er Kickern, die entweder wegen ihrer Einstellung, ihrer zu langen Haare oder anderer Unkonformitäten keinen Platz im regulären DFB-Betrieb fanden oder finden wollten, die Möglichkeit zu spielen. Und das ist noch heute so. So berichtet der Film unter anderem von der Mannschaft namens „UMFaller", die aus unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen besteht, die zwar fast jedes Spiel haushoch verlieren, die aber über das Spiel Zugehörigkeit erleben – und Ablenkung dazu. Auf dem Platz sind sie voll integriert. Der Film ist eine Milieustudie im besten Sinn über die Menschen, die seit 40 Jahren dieses soziale und zugleich hedonistische Experiment Wilde Liga tragen und beleben. Aus Oxford zur Premiere Er dokumentiert dessen Attraktivität, die in zahlreichen deutschen Städten Nachahmer gefunden hat und sogar bis nach England ausstrahlt. Aus Oxford waren Bolzer der Truppe „Union Street" extra für die Premiere angereist. Sie pflegen enge Kontakte zum „Vornesitzer" Ralf. Vornesitzer nennen sich die gewählten Organisatoren – nicht zu verwechseln mit Vorsitzende. Hierarchien und Funktionärskasten sind mit dem Freigeist der Wilden Liga, der selbst Schiedsrichter und abgekreidete Plätze als zu einengend abtut, nicht kompatibel. Max Meis ist ein sehr sehenswerter Dokumentarfilm gelungen über ein Bielefelder Phänomen mit allerlei sympathischen Eigenarten.

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