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In NRW-Gefängnissen herrschen zum Teil katastrophale Verhältnisse. - © Symbolfoto dpa
In NRW-Gefängnissen herrschen zum Teil katastrophale Verhältnisse. | © Symbolfoto dpa

Bielefeld Bielefelder JVA-Leiter spricht über gesteuerte Randale

Interview: Aggressive Häftlinge sorgen für Probleme in den Gefängnissen

Jens Reichenbach
12.10.2016 | Stand 07.12.2016, 10:25 Uhr

Bielefeld. In den Gefängnissen in NRW macht seit einen guten Jahr ein neuer Typ Häftling enorme Probleme. Ende Juni berichtete Justizminister Thomas Kutschaty von randalierenden Insassen, die auch vor Selbstverletzungen und der Einschüchterung des Personals nicht zurückschrecken. Und die Zahl dieser aggressiven und verhaltensauffälligen Häftlinge steigt. Uwe Nelle-Cornelsen, Leiter der Justizvollzuganstalt Bielefeld-Brackwede, hat deswegen jetzt die erste Integrationsbeauftragte im NRW-Justizvollzug eingestellt. Herr Nelle-Cornelsen, was ist seit Kurzem los in Ihrem Gefängnis? Uwe Nelle-Cornelsen: Wir haben besonders mit dem arabisch sprechenden Teil unserer Gefangenen große Probleme. Und damit sind nicht nur Kommunikationsprobleme gemeint. Viele dieser Insassen verhalten sich sehr auffällig und akzeptieren keinerlei Regeln. Die Qualität dieser Verhaltensauffälligkeit ist neu. Was machen die Männer? Nelle-Cornelsen: Ruhestörung, Randalieren, sehr große Auflehnung gegen die Justizbeamten, auch Einschüchterung bis hin zur massiven Selbstverletzung. Können Sie das erklären? Nelle-Cornelsen: Wir haben zwei Phänomene ausgemacht. Viele der Nordafrikaner sind hochgradig suchtanfällig, weil sie in ihrer Heimat als Droge ein Antiepileptikum nehmen, das bei uns nicht gebräuchlich ist. Das führt zu massiven Entzugserscheinungen mit teilweise psychotischen Folgen. Zum anderen wird erzählt, dass man in anderen Ländern mit so einem Verhalten aus der Haft kommen konnte. Diese Männer verhalten sich wie Wahnsinnige und hoffen dadurch auf ihre Entlassung? Nelle-Cornelsen: Wir wissen nicht, ob die Geschichte mit den Entlassungen stimmt. Aber die Betroffenen halten diese Form der Auffälligkeit über Monate aufrecht. Sie eskalieren sogar bei den Selbstverletzungen. Manche haben sich selbst den Bauch oder die Kehle aufgeschnitten. So etwas ist seit einem guten Jahr bei uns Alltag. Ist das Verhalten nicht durch seelische Krankheiten oder Traumata zu erklären? Müssen diese Menschen nicht ins Haftkrankenhaus? Nelle-Cornelsen: Das prüfen wir natürlich. Aber oft ist dieses Verhalten nicht psychotisch. Haben Sie ein Beispiel? Nelle-Cornelsen: Bei uns sitzt derzeit wegen einer schweren Vergewaltigung ein Iraker. Der schlägt selbst im "besonders gesicherten Haftraum" - im Volksmund auch Gummizelle genannt - immer wieder seine Nase gegen die Wand. Das Blut verschmiert er dann mit Urin vermengt im gesamten Zellentrakt und schreibt damit arabische Schriftzeichen an die Wand. Unser Psychiater sagt, dass er nicht psychotisch agiere, sondern schwerst dissozial. Sein Verhalten ist nach seiner Ansicht zweckgesteuert. Welcher Zweck heiligt solche Selbstverletzungen? Nelle-Cornelsen: Er forderte mehrfach seine Entlassung oder wollte mit Verwandten in den USA telefonieren. Letzteres wäre sogar möglich, wenn er sich an die Regeln halten würde. Diese Ausfälle haben schon die Kollegen vor Monaten in den Anstalten Hamm und Bochum berichtet. Diese Männer haben kein Leidensdruck, die hören nicht auf. Ein anderer Häftling hat seine ganze Zelle eingekotet, aber gezielt nur die Tür. Damit will er die Angestellten ärgern, das passiert nicht im Wahn. Was machen Sie dagegen? Nelle-Cornelsen: Am Anfang standen wir fassungslos vor der Problematik. Aber wir waren uns schnell einig, dass wir nicht verhandeln dürfen und konsequent bleiben müssen. Das zeigte durchaus Erfolg. Eine ganze Reihe der Inhaftierten, die Ende 2015 kamen, sind jetzt ruhig. Die Probleme machen die neuen. Im Bericht des Ministeriums ist von einem starken Anstieg der ausländischen Gefangenen die Rede. 2010 lag der Anteil im NRW-Vollzug noch bei 28 Prozent, im Mai 2016 sind es 34,8. Wie ist das in Bielefeld? Nelle-Cornelsen: Auch unser Ausländeranteil ist erheblich gestiegen. Wir sind inzwischen bei 39 Prozent angekommen. Dazu kommen 17,7 Prozent Deutsche mit ausländischen Wurzeln. Knapp 60 Prozent der Insassen sind nicht in Deutschland geboren. Ist das allein durch die jüngste Flüchtlingswelle aus dem arabischen Raum zu erklären? Nelle-Cornelsen: Nein, in der JVA Brackwede sind 45 Staaten vertreten. Einen großen Anteil machen bei uns Berufskriminelle aus Georgien und Litauen aus. Die sind subkulturell aktiv, agieren - wie die Russen - in internen Hierarchien und setzen teilweise andere unter Druck. Darauf müssen wir achten, aber die Gruppe ist zu Absprachen fähig und tritt nicht gegen den Vollzug an. Neu ist die Gruppe, die eine Gewaltsozialisation erlebt hat, die uns bisher unbekannt ist. Was meinen Sie damit? Nelle-Cornelsen: Neuerdings haben wir auch größere Gruppen aus westafrikanischen Ländern bei uns. Da sind ehemalige Kindersoldaten darunter. Probleme soll auch die Nichtakzeptanz weiblicher Justizbeamter bereiten. Warum stellen Sie dann ausgerechnet eine Frau als Integrationsbeauftragte ein? Nelle-Cornelsen: In Bielefeld ist das Problem nicht so groß. Allerdings setzen wir unsere Frauen nicht oder nicht alleine im besonders betroffenen U-Haft-Bereich ein. Unsere Integrationsbeauftragte Ikram Chemlal war im Jugendbereich tätig und kennt die Schwierigkeiten bereits. Wir versprechen uns einen guten Zugang durch ihre arabischen Sprachkenntnisse. War arabisch in der JVA vorher kein Thema? Nelle-Cornelsen: Der arabische Sprachraum spielte vor 18 Monaten bei uns noch keine große Rolle. Jetzt haben wir regelmäßige Dolmetscher-Termine eingerichtet. Das hat sich sehr bewährt. Neu ist auch ein Koran-Lesekreis. Nach so etwas hatte jahrelang niemand gefragt. Das Justizministerium legt großen Wert auf Prävention gegen radikale Tendenzen. Nelle-Cornelsen: Natürlich, wir haben bei uns inzwischen vier IS-Kämpfer, die aus Syrien zurückgekehrt sind. Drei davon sind immer noch hardcore-überzeugt und tun sich hervor. Sie haben unter den Gefangenen zum Teil auch einen gewissen Status, weil sie in IS-Videos zu sehen waren. Unser Koran-Lesekreis mit einem modernen, moderaten Islamverständnis soll ein Alternativangebot zu den missionarischen Versuchen dieser Häftlinge bieten.

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