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Ein Mann, ein Speibecken: „Henry“ Barlage zeigt im Chamäleon (ehemals Tangente) an der Mühlenstraße das Speibecken. „Das wird schon noch benutzt – wenn der Gast denn weiß, wofür es hier hängt.“ - © FOTO: ANDREAS FRÜCHT
Ein Mann, ein Speibecken: „Henry“ Barlage zeigt im Chamäleon (ehemals Tangente) an der Mühlenstraße das Speibecken. „Das wird schon noch benutzt – wenn der Gast denn weiß, wofür es hier hängt.“ | © FOTO: ANDREAS FRÜCHT

Mitte Speibecken für Brech-Burschen

In einigen wenigen Lokalen gibt es sie noch auf der Toilette

Kurt Ehmke
06.02.2015 | Stand 05.02.2015, 21:44 Uhr

Mitte/Heepen. Sie sind Kulturgeschichte. Vielleicht ein etwas unappetitlicher Teil unserer Kultur – gehalten aber haben sie sich vereinzelt bis heute: Speibecken. Meist sind sie auf Herrentoiletten zu finden, seltener auf Damenklos. Es sind große Schüsseln, die auf Hüfthöhe hängen und dem schwankenden Gast erlauben, sich mit ein wenig Komfort zu übergeben. In Bielefeld gibt es noch eine Handvoll der merkwürdigen Schüsseln. Chrompolierte Griffe links und rechts – wenn es am Speibecken zum Eklat kommt, soll sich der Gast gut festhalten können. Immer wieder stolpern vor allem jüngere Gäste in Kneipen wie dem Chamäleon (ehemals Tangente) und Gaststuben wie Gromoll und Bartsch über die bizarren Keramikschüsseln. Carsten Nobse Hübner, Chef des Chamäleons, grinst sich einen und sagt: „Wenn wir es ernst rüberbringen, kann man jungen Leuten erzählen, es sei ein spezielles Behinderten-Klo.“ Er nennt das Speibecken Papst – „weil sich da jeder verbeugt“. Das Wort Papst aber hat einen anderen Hintergrund: Für das Speibecken eingeführt haben es vermutlich Burschenschaften, in denen die Becken besonders verbreitet waren. Das lateinische Verb pabere bedeutet so viel wie spucken – in einigen Regionen wird das „Sich-Erbrechen“ auch „papsten“ genannt. Thomas Bartsch im 1897 gegründeten Gasthaus Bartsch erinnert sich noch, „dass unser Speibecken Anfang der 60er Jahre eingebaut worden ist“. Damals, in der Wirtschaftswunderzeit, sei einfach mehr gegessen und viel mehr getrunken worden – „da gehörte der Schnaps zum Bier“. Mit verheerenden Folgen: Das Erbrechen gehörte zu mancher heiteren Herrenrunde einfach dazu. „Entweder, weil den Leuten schlecht wurde – oder absichtlich, um schnell weitertrinken zu können“. Noch heute werde das Becken manchmal genutzt – „bei Betriebs- und Weihnachtsfeiern“. Doch längst sei auch bei seinen Gästen nicht jedem klar, wofür das Becken sei: „Manche fragen, ob das ein Klosett für Riesen ist“, sagt Bartsch (58). In sehr spezieller Erinnerung habe seine kleine Schwester Katrin das Speibecken: „Als sie so sieben Jahre alt war, hatte ein Gast seinen Zahnersatz aus Versehen mit ausgespuckt – und weil sie den dünnsten Arm hatte, musste sie das Ding wieder herausholen aus dem Abfluss.“ Er schüttelt sich, als er das erzählt. So ranken sich die wildesten Geschichten um die Becken – und wunderbare Begriffe: Neben „Papst“ gibt es auch „großes weißes Telefon“ als Bezeichnung für die kleine Hand-Dusche, die früher immer neben den Speibecken hing – fürs Nachspülen.

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