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Entspannung und Sport: Yoga mal anders. Warum an Land Sport treiben, wenn man den Ozean direkt vor der Tür hat. - © Michael Juhran
Entspannung und Sport: Yoga mal anders. Warum an Land Sport treiben, wenn man den Ozean direkt vor der Tür hat. | © Michael Juhran

Malediven Die neuen Malediven

Der Inselstaat öffnet sich neuen Zielgruppen. Das kündigte der Tourismusminister bereits im März auf der Internationalen Tourismusmesse in Berlin an. Hotelketten setzen dafür neue Konzepte um

Michael Juhran
07.09.2019 | Stand 05.09.2019, 16:39 Uhr

Türkisfarbenes Meer, strahlend weiße Strände, eine bunte Korallenwelt voller exotischer Fische – seit den Siebzigerjahren sind die Malediven ein Traumziel, das aufgrund der stolzen Übernachtungspreise in luxuriösen Villen für viele ein Traum blieb. Geht es nach den ambitionierten Expansionsplänen des Tourismusministeriums, so soll sich dies ändern. Sie sehen vor, hundert bislang ungenutzte Inseln in den kommenden Jahren für den Fremdenverkehr zu erschließen und die Zahl der Besucher von 1,4 Millionen (2018) auf 2,5 Millionen in den nächsten fünf Jahren zu erhöhen. Neben den hochpreisigen Exklusivresorts soll „erschwinglicher Luxus" das Wachstum beschleunigen. Als wichtigstem Erwerbszweig des Inselstaates ist dem Tourismus die Rolle zugedacht, die Wirtschaft anzukurbeln. In den beiden erst kürzlich eröffneten Riu-Hotels auf dem Dhaalu-Atoll begegnet man dem neuen Malediven-Konzept bereits. Die Überwasser- und Strandvillen, Apartments und Restaurants sind in nüchternem weißen Beton gehalten, die Auswahl an Aktivitäten ist groß, die Preise ab 150 US-Dollar pro Nacht auch für den kleineren Geldbeutel erschwinglich. Den unterschiedlichen Wünschen und Ansprüchen der Kunden wird mit einem Vier-Sterne- und einem Fünf-Sterne-Resort entsprochen. Hier trifft man gerade junge Leute und Paare mittleren Alters an, die zwar auch nicht auf die romantischen Sonnenuntergänge verzichten möchten, aber ein wenig mehr Abwechslung im Inselparadies durchaus willkommen heißen. Urlauber haben die Wahl zwischen Stand-up-Paddling und Kajakfahrten, Schnorcheln und Tauchen, Fitnessraum und Volleyball, Yoga und Wellness-Center. Aber die spanische Hotelkette bringt mit Animation, Live-Musik, Disko-Klängen und einer 24-Stunden-Sportsbar auch das mit, was man bislang eher nicht mit einer einsamen Insel im Indischen Ozean assoziierte. Mit aller Konsequenz setzt sie zudem ihr bekanntes All-Inklusive-Angebot durch. Exzellente Restaurants sorgen auch an den langen Abenden für eine Rundum-Wohlfühlatmosphäre. Für die Bewohner der umgebenen Inseln bringen die neuen Resorts vor allem Arbeitsplätze – rund 45 Prozent der derzeit 355 Beschäftigten kommen von den Malediven. Noch sind es mehrheitlich einfache Arbeiten, aber für die Zukunft ist qualifiziertes Personal gefragt. Da trifft es sich gut, dass auf dem Nachbareiland Kudahuvadhoo die sechstgrößte Schule des Inselstaates beheimatet ist. 780 Schüler von der ersten bis zur zwölften Klassenstufe erhalten hier nach Cambridge-Lehrplänen Unterricht in englischer Sprache. Auf dem Programm stehen neben Mathe, Physik, Chemie und Biologie auch Rechnungswesen und Wirtschaft. In der modernen Schule sitzen Jungen und Mädchen gemischt nebeneinander, alle Unterrichtsräume sind mit Beamer und PC ausgestattet und jeder Schüler erhält vom Staat ein Tablet. Schulleiter Hamzath gibt sich optimistisch: „Wir hoffen, dass durch die neuen Arbeitsmöglichkeiten mehr qualifizierte junge Leute auf unserer Insel bleiben oder nach dem Studium zurückkehren." Die Nachfrage nach qualifiziertem Personal in den Resorts wird auch deshalb steigen, weil die Inselwelten inmitten der Ozeane vor immensen Herausforderungen stehen. Die Bedrohung ihres fragilen Ökosystems ist nur mit meeresbiologischen und komplexen Umweltkenntnissen zu erfassen und zu lindern. Bereits 1998 und 2016 führte das Klimaphänomen El Niño in weiten Teilen des Indischen Ozeans und des Pazifiks zur Korallenbleiche. Vor allem das Great Barrier Reef, aber auch die oberen Wasserschichten rund um die Malediveninseln waren von der Erwärmung des Meereswassers betroffen. Klimaforscher befürchten, dass El Niño in diesem Jahr neue Hitzerekorde im Meereswasser mit verheerenden Folgen für die Korallenriffe bringen könnte. Sterben die „Wälder der Meere", wie Jacques Cousteau die Korallenriffe nannte, so verschwindet der Brut- und Lebensraum für viele Fische. Noch gibt es im Riu-Resort ein lebendiges Hausriff, an dem Schnorchler intakte Korallen mit bunten Falter-, Halfter-, Papageien- und Drückerfischen sowie kleinen Riffhaien bewundern können. Weichkorallen sind relativ anpassungsfähig, aber für die riffbildenden Steinkorallen ist es bei den anhaltenden hohen Temperaturen schwierig, sich in den oberen Wasserschichten zu erholen und zu reproduzieren. Juan Blanco vom „Scuba Caribe"-Tauchzentrum der Insel plant daher die künstliche Anpflanzung wärmeresistenterer Korallenarten, um den Wiederaufbau des artenreichsten maritimen Lebensraumes zumindest lokal zu unterstützen. Eine Methode, die andernorts bereits erfolgversprechende Resultate erbrachte. Starke Meeresströmungen bieten beste Voraussetzungen für eine reichhaltige Nahrungszufuhr an Planktonorganismen und damit für ein schnelles Wachstum der Korallen. „Wir wollen mit dem Projekt aber auch die Menschen sensibilisieren", betont Blanco, der zugleich dem Plastikmüll auf den Meeren den Kampf ansagt. Ob die künstlichen Riffe jedoch einer weiteren Temperaturerhöhung, zunehmenden Wetterextremen und Urlauberzahlen standhalten können, ist ungewiss. Das Korallensterben bringt auch eine Gefahr für die einst aus Kalkablagerungen der Steinkorallen entstandenen Inseln selbst mit sich. Nur lebendige Korallenriffe bieten den Inseln Schutz. Regeneriert sich die einzige natürliche Schutzbarriere für die Inseln nicht selbst, sind diese den tosenden Wellen des Meeres ausgeliefert. Stärker werdende Erosionskräfte, gepaart mit dem weltweiten Anstieg des Meeresspiegels würden dazu führen, dass das Inselparadies Jahr für Jahr kleiner wird. 99 Prozent der Fläche der Malediven sind von Wasser bedeckt und von den gerade einmal 298 Quadratkilometern Landmasse ragt ein Großteil lediglich einen Meter aus dem Meer hinaus.

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