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Jacob Lee (Hollywoodstar Josh Duhamel) hat einen richtig bescheidenen Tag erwischt. - © Krafton
Jacob Lee (Hollywoodstar Josh Duhamel) hat einen richtig bescheidenen Tag erwischt. | © Krafton

Games "The Callisto Protocol" im Test: Schön schaurig, aber unnötig stumpf

Der Erfinder des Sci-Fi-Grusels "Dead Space" setzt in seinem neuesten Streich auf Splatter statt Horror. Das funktioniert – zumindest eine Weile.

David Wellenfang
09.12.2022 | Stand 09.12.2022, 20:01 Uhr

Sorry, Leute, aber die Wahrheit darf auch mal wehtun. Nein, "The Callisto Protocol" ist trotz desselben Kreativkopfes am Steuer kein neues "Dead Space". Es ist auch kein außergewöhnliches Horror- oder Action-Erlebnis. Es ist nicht einmal ein besonders besonderes Spiel. Und trotzdem kann man damit ganz ordentlich Spaß haben. Wenn der Doktor die richtige Dosis verschreibt.

Für den Hoffnungsträger des Gaming-Winters darf man das eine ziemliche Enttäuschung nennen. Denn was hatten wir uns gefreut! Endlich wieder zum Klang kratzender Klauen durch finstere Gänge einer verlassenen Raumstation schleichen (diesmal auf dem Jupitermond Callisto) und zwei Handbreit aus dem Sofa abheben, wenn uns mal wieder ein Monster überrascht. Die Anlagen dafür hat "The Callisto Protocol" durchaus. Doch es hat sich entschieden, einen anderen Gameplay-Weg zu gehen. Und der ist trotz der guten Idee leider alles andere als gruselig.

Worum geht’s?

So sieht also "Evolution" aus. Immerhin: Die Details sind bemerkenswert. Im Kampf sieht man die aber eher selten. - © Krafton
So sieht also "Evolution" aus. Immerhin: Die Details sind bemerkenswert. Im Kampf sieht man die aber eher selten. | © Krafton

Zur Story: Der Transporter-Pilot Jacob Lee wird im Orbit von Raum-Terroristen angegriffen, kann sein Schiff gerade so notlanden und verliert dabei seinen Co-Piloten – und wenig später auch seine Freiheit. Als klassischer Fall von „mitgefangen, mitgehangen“ lässt die Space-Polizei lieber gleich alle Überlebenden ins Hochsicherheitsgefängnis Black Iron einfahren, Terroristen oder nicht.

Dort allerdings zeigt sich bald, dass es hier neben den kalten Metallbetten noch ganz andere Gefahren für die Gesundheit gibt. Teile der Crew und der unfreiwilligen Gäste in den Zellen hat offenbar ein Virus erwischt – und wir müssen unseren Ausbruchsversuch und die Suche nach Antworten irgendwie drumherum planen. So weit, so "Dead Space".

Und die Atmosphäre hat das Team der Striking Distance auch formidabel hinbekommen. Gerade mit Kopfhörern spielt sich in den Eingeweiden des Stahl-Gefängnisses eine Soundkulisse ab, die uns – obwohl vollkommen unsichtbar – die Fingernägel in den Controllerrücken kneifen lässt. "Dead Space"-Erfinder Glen Schofield, der auch diesmal wieder die Strippen zog, weiß halt, wie’s geht. Womit wir beim größten Problem von "The Callisto Protocol" wären.

Wie spielt sich das?

Hatten wir schon erwähnt, dass dem Spiel bei der Atmosphäre so schnell keiner was vormacht? - © Krafton
Hatten wir schon erwähnt, dass dem Spiel bei der Atmosphäre so schnell keiner was vormacht? | © Krafton

Irgendwo zwischen der Erwartungshaltung, dass hier hoffentlich so viel vom geistigen Vorgänger wie möglich drinsteckt, und der eigenen Vision für das Spiel ist nämlich der Spielspaß ein wenig flöten gegangen. Statt wie in "Dead Space" das Monstervieh mit Plasma-Cuttern aus der Ferne zu Fleischbrei zu verarbeiten, haut Jacob Lee lieber im Nahkampf drauf. Das ist leider so stumpf, wie es klingt.

Denn Jacob steuert sich zwar behäbig, ist aber immer noch ein verdammter Panzer. Wo er hinhaut, wächst keine infizierte Monsterbeule mehr. Das nimmt dem Schrecken der Angreifer schnell die Wucht. Es sorgt sogar eher für Frust. Weil wir erstens über die gesamte Spielzeit von 10 bis 12 Stunden kaum neue Angriffe benutzen können (oder müssten). Und es zweitens kaum Abwechslung bei den Gegnern gibt, die nur immer zahlreicher werden, weswegen wir oft einfach überrannt wurden, ohne eine echte Chance gehabt zu haben, dem Ansturm irgendeine unserer Fähigkeiten oder unser pures Können entgegensetzen zu können.

Das Spiel-Erlebnis entwickelt sich also nicht. Nett: Nebenbei sammeln wir Audiologs und führen Gespräche, die wenigstens kleine Einblicke in die Hintergründe erlauben. Neues fügt der Plot dem Genre aber nicht hinzu. Und so fällt eine weitere Motivation einigermaßen aus.

Fazit

Das Verrückte ist: Spielt man "Callisto" immer nur häppchen-, also kapitelweise, fällt die allgemeine Monotonie weniger auf. Dann erfreut man sich an knapp überlebten Kämpfen oder beißt zumindest weniger schnell in den Tisch, wenn es nicht klappt. Und dann fallen auch die hervorragend animierten, aber inhaltlich unspektakulären Dialoge weniger unschön auf.

Kurz: Man kann mit diesem Spiel durchaus ein paar schaurig-schöne Erinnerungen an "Dead Space" wachrufen. Dann kann es aber passieren, dass ihr "Callisto" lieber ausmacht und einfach auf das "Dead Space"-Remake wartet. Denn nichts, das haben Schofield und sein Team hier – leider – unfreiwillig bewiesen, ist so gut wie das Original. Und dessen Neuauflage erscheint schon im Januar.

"The Callisto Protocol" ist verfügbar für PC, Playstation und Xbox, kostet 60 bis 70 Euro und ist freigegeben ab 18 Jahren.

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