0
Verschiedene Verkehrsteilnehmer, verschiedene Bedürfnisse: Um die „Vision Zero" im Straßenverkehr zu verankern, sind laut Experten besonders innerorts strikte Trennungen der Verkehrsträger wichtig. Denn gerade in der Stadt sterben besonders ungeschützte Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radfahrer.:  - © istock
Verschiedene Verkehrsteilnehmer, verschiedene Bedürfnisse: Um die „Vision Zero" im Straßenverkehr zu verankern, sind laut Experten besonders innerorts strikte Trennungen der Verkehrsträger wichtig. Denn gerade in der Stadt sterben besonders ungeschützte Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radfahrer.:  | © istock
Verkehr

Die sichere Nullnummer

Statistisch gesehen, stirbt alle 5,5 Stunden eine Person im Straßenverkehr. Ein hoher Preis für unsere Mobilität. Jetzt will die Bundesregierung die Zahl der Verkehrstoten auf Null drücken. Was es mit der „Vision Zero“ auf sich hat.

Sebastian Fobbe
29.09.2021 | Stand 28.09.2021, 14:44 Uhr

Manchmal erklärt eine einzige Zahl alles: Jeden Tag sterben laut Deutschem Verkehrssicherheitsrat zehn Personen im Straßenverkehr. So war es zumindest vor der Corona-Pandemie. Im Lockdown-Jahr 2020 haben „nur" sieben Menschen pro Tag ihr Leben auf Deutschlands Straßen verloren. Am Jahresende meldete das Statistische Bundesamt insgesamt 2.719 Verkehrstote.

Diese erschreckenden Zahlen führen nun zum Umdenken: Die Bundesregierung hat im Mai 2021 beschlossen, die sogenannte „Vision Zero" als Leitgedanken in der Straßenverkehrsordnung zu verankern. Die Strategie legt ein ambitioniertes Ziel fest: Der Straßenverkehr soll idealerweise unfallfrei werden und keine Leben mehr kosten. Statt „Freie Fahrt für freie Bürger" oder Klimaschutz soll maximale Sicherheit das oberste Ziel der Verkehrspolitik sein.

Das mag utopisch wirken, ist aber andernorts gelebte Realität: Das Land Schweden versucht seit den 1990er Jahren, die Zahl der Verkehrstoten auf Null zu drücken. Gelungen ist das bisher nie, trotzdem trägt die „Vision Zero" Früchte, denn das schwedischste Straßennetz gilt als das sicherste in Europa, wenn nicht sogar weltweit. Im Vor-Corona-Jahr 2019 hatte das einwohnerstärkste Land Skandinaviens 22 Unfalltote auf eine Million Einwohner zu beklagen, Deutschland hingegen 37.

Für Heiner Sothmann, Pressesprecher der Deutschen Verkehrswacht, verdeutlicht der Erfolg aus Schweden, wie wichtig die „Vision Zero" als Ideal im Straßenverkehr ist. Zwar habe sich die Verkehrssicherheit seit Jahrzehnten positiv entwickelt, doch die Motivation lasse nach, den Straßen ihre Gefahren zu nehmen, kritisiert Sothmann: „An zehn Verkehrstote am Tag darf man sich niemals gewöhnen", sagt er. Diesen Eindruck könnte aber ein Blick in die Statistik vermitteln, denn vor Corona hat sich die Zahl der Verkehrstoten seit 2012 auf mehr als 3.000 Getötete pro Jahr eingependelt.

Vor 40 Jahren war die Lage jedoch noch dramatischer: Kamen 1970, dem tödlichsten Jahr der deutschen Verkehrsgeschichte, mehr als 21.000 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben, sorgten diverse Gesetzesänderungen wie die Gurtpflicht, die Helmpflicht auf motorisierten Zweirädern, das Herabsetzen der Promillegrenzen und Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Landstraßen für mehr Sicherheit auf den Straßen. Aber: „Die Etappensiege allein reichen nicht aus, denn der Positivtrend verlangsamt sich. Jetzt ist es an der Zeit, größer zu denken", sagt Sothmann.

Nachholbedarf bestünde in praktisch allen Feldern der Verkehrspolitik, besonders gut lasse sich das mit Blick auf Alkohol und Drogen am Steuer beobachten, sagt Sothmann. Aktuell liegt die Promillegrenze laut Bußgeldkatalog bei 0,5 Promille Alkohol im Blut, was mit 500 Euro Strafe, zwei Punkten und einem Monat Fahrverbot geahndet wird. Zu lasch, findet Sothmann: „Auf Alkohol im Straßenverkehr gibt es eine einfache Antwort: verbieten. Wer trinkt, fährt nicht, und wer fährt, trinkt nicht."

Auch sei Deutschland bei Sanktionen in vielerlei Hinsicht „Dumping-Land", kritisiert er. Das treffe etwa auf Raserei zu. „Die Geschwindigkeit ist eine große Stellschraube in der Verkehrssicherheit. Hier braucht es klare Signale, das Tempo anzupassen", sagt Sothmann. Heißt im „Vision Zero"-Antrag der Bundesregierung: innerorts Tempo 30, auf schmalen Landstraßen Tempo 80 erleichtern. Heißt aber auch: mehr Verkehrskontrollen, hierfür fehlt aber oft das nötige Personal bei der Polizei.

Das Tempolimit auf deutschen Autobahnen klammert der Antrag der Bundesregierung aus, Deutschland ist bisher das einzige Land Europas, in dem keine Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn gilt. Verkehrswacht-Pressesprecher Sothmann sieht das pragmatisch: „Das Tempolimit auf der Autobahn ist eine hitzige Debatte, die die Verkehrswacht mit einem Feldversuch auf eine wissenschaftliche Basis stellen will." Danach sei eine eindeutige Position möglich.

Außer Frage stünde dagegen die sichere Gestaltung der Straßen. Beispiel Baumunfälle auf Landstraßen: „Da gibt es wenig Möglichkeiten auf unfallbelasteten Abschnitten: Tempo drosseln, Leitplanken aufstellen oder notfalls abholzen", sagt Sothmann. Hilfreich sei aber vor allem die strikte Trennung der Verkehrsträger, was besonders in der Stadt wichtig ist. Denn innerorts sterben besonders ungeschützte Personen – sprich: Fußgänger und Radfahrer – im Verkehr. „Oft sind Vorhaben wie geschützte Fahrradstreifen nicht zu Ende gedacht, weil die Zuständigkeiten verschwimmen", bemängelt Sothmann. Neben dem Ausbau des Radverkehrsnetzes helfe hier ein besseres Aufeinanderabstimmen.

Aber auch technische Lösungen könnten den Stadtverkehr sicherer machen. Häufigste Unfallursache sind innerorts schließlich Abbiege-Situationen. Die Bundesregierung plädiert daher in ihrem „Vision Zero"-Antrag für einen stärkeren Einbau von Fahr-, Abbiege- und Notbremsassistenten in motorisierten Fahrzeugen. Das müsse allerdings auf die Fahrer abgestimmt werden, Aufklärung und Verkehrserziehungen müssten also in diesem Zuge eine größere Rolle spielen: „Wenn man in einem modernen Auto sitzt, hat man zum Teil das Gefühl, in einem Flugzeug-Cockpit Platz zu nehmen. Das kann den Fahrer kognitiv überfordern oder schnell ablenken", führt Sothmann aus.

Die Alternative zum Selbstfahren im Hightech-Auto wäre simpel: einfach umsteigen in den Bus oder in die Bahn. Sicherer ist der ÖPNV allemal: 2019 sind sieben Fahrgäste bei Busunfällen ums Leben gekommen, bei Zugunfällen nur eine Person, bei Unfällen mit der Straßenbahn kam sogar niemand ums Leben. Nur ganz so einfach ist der Umstieg in den ÖPNV nicht, findet Sothmann: „Mobilität sollte immer sinnvoll, bequem und sicher sein. Auf vielen Strecken ist das Auto nach wie vor die komfortabelste Lösung, zum Beispiel wenn Radwege schlecht ausgebaut sind oder die Bahn am Limit fährt."

Härtere Gesetze, mehr Kontrollen, sicherere Wege und Fahrzeuge, vielseitigerer Mobilitätsmix, vor allem in der Stadt: Ein Verkehrslockdown wäre die „Vision Zero" nicht. Im Gegenteil, sie ist nicht das Ziel, sondern der Weg zu einem unfallfreien und sicheren Straßenverkehr. „Ein Verkehrsopfer beeinflusst das Leben von 113 Menschen, wie der Deutsche Verkehrssicherheitsrat errechnet hat. Allein deshalb muss die ,Vision Zero‘ der Anspruch sein", sagt Heiner Sothmann. Ein Getöteter, 113 Betroffene. Wieder eine Zahl, die alles erklärt.

Mehr zum Thema

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken