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Klaus und Violet Baudelaire sind auf der Flucht vor Graf Olaf. - © Joseph Lederer / Netflix
Klaus und Violet Baudelaire sind auf der Flucht vor Graf Olaf. | © Joseph Lederer / Netflix

Serie "Eine Reihe betrüblicher Ereignisse": Was diese Kinderserie mit Trump zu tun hat

Auf Netflix ist die zweite Staffel der Serie mit "Graf Olaf" gestartet. Die Handlung wirkt wie ganz normale, vielleicht etwas verrückte Familienunterhaltung - aber nur auf den ersten Blick.

Matthias Schwarzer
14.04.2018 | Stand 16.04.2018, 15:13 Uhr

Eigentlich wollten Violet, Klaus und Sunny Baudelaire nur einen Ausflug an den Strand machen. Doch dieser endet mit grauenhaften Neuigkeiten: Während ihrer Abwesenheit haben die drei Geschwister bei einem Großbrand nicht nur ihr Haus sondern auch ihre Eltern verloren. Künftig müssen sie bei ihrem neuen Vormund Graf Olaf (Neil Patrick Harris) unterkommen - und "eine Reihe betrüberlicher Ereignisse" nimmt ihren Lauf. Die Handlung der Netflix-Serie basiert auf der gleichnamigen Buchreihe von Lemony Snicket (alias Daniel Handler) - und klingt erst mal nach ganz gewöhnlicher Familienunterhaltung. Graf Olaf ist nämlich gar kein echter Verwandter, sondern ein Gauner, der sich nur das Erbe der Waisen unter den Nagel reißen will. Dafür lässt er sich allerhand Tricks (und vor allem: ziemlich viele Verkleidungen) einfallen, täuscht immer wieder andere Leute und findet immer einen neuen Weg, dem Knast zu entkommen. Die Machart der Serie ist allerdings (man kann es nicht anders sagen): ziemlich durchgeknallt. Zum einen wäre da diese düstere grau-in-grau Bildsprache - und zum anderen Erzähler Lemony Snicket. Der empfiehlt seinen Zuschauern gleich zu Beginn jeder Episode, doch besser sofort abzuschalten. Die folgenden Ereignisse seien schließlich so grauenhaft und abscheulich, dass sie niemand ertragen würde. Und dann dieses Baby "Sunny Baudelaire", das so scharfe Zähne hat, dass es Steine schleifen kann. Und dann wäre da noch dieser furchbar durchgeknallte Gauner Graf Olaf, der sich von Folge zu Folge mal als Kapitän, mal als Polizist und mal als Sportlehrer ausgibt - und wirklich nie nie niemals mit seiner Tarnung auffliegt. Die einzige vernünftige Konstante in dieser völlig irren Welt: Die drei Baudelaire-Waisen, die jeden Trick von Graf Olaf sofort durchschauen - von allen Erwachsenen aber stets im Stich gelassen werden. Graf Olaf im Weißen Haus Und ja, irgendwie ist diese ganze Handlung völlig verrückt und total krank. Aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, das alles schon mal irgendwo gesehen zu haben. Und je mehr Folgen man sieht, desto klarer wird: All das ist irgendwie echt. Die erste Staffel der Serie ist eine Woche vor der Amtseinführung von Donald Trump erschienen. Und sie zieht ziemlich treffende Analogien zu der Welt, wie wir sie heute kennen. Eine Welt, die manchmal völlig durchzudrehen scheint. Dieser Graf Olaf, den nicht mal der größte Fehltritt stoppen kann. Der es immer wieder schafft, Menschen zu manipulieren - und niemand weiß so recht warum. Und diese Kinder, die in einer Welt voller Ignoranz und Intoleranz aufwachsen müssen, immer getrieben von einem wütenden Mob. Die Kinderserie zeigt in Perfektion, wie eigentlich Populismus funktioniert - ohne das direkt auszusprechen. Besonders eindrucksvoll sieht man das in der Folge "Das düstere Dorf", in der Gauner Graf Olaf eine ganze Dorfgemeinschaft beinahe dazu bringt, gleich mehrere Kinder lebendig zu verbrennen. Nur durch einen Zufall kann das am Ende verhindert werden. Bei nahezu jeder Folge möchte man seinen Fernseher schütteln und die Protagonisten fragen: "Was stimmt denn mit euch nicht?". Schon Spongebob hat uns gewarnt Erstaunlich ist: Die Vorlage zur Serie von Daniel Handler ist schon ein paar Jahre alt. Zu dieser Zeit hätte eigentlich niemand wissen können, dass tatsächlich mal so ein Graf Olaf im Weißen Haus sitzen könnte. Aber es ist ja nicht die erste Kinderserie, die uns vor solch "betrüblichen Ereignissen" gewarnt hätte. In "Spongebob Schwammkopf" beispielsweise werden Themen wie Manipulation und Populismus auch immer wieder angerissen. Kinder mögen das noch nicht verstehen - wer die Serie als Erwachsener guckt, dürfte von dem bekloppten Schwamm und seinem Seestern-Freund Patrick allerdings ziemlich beeindruckt sein. Und nicht zuletzt wären da noch die Produzenten der Serie "Die Dinos", die schon in den Neunzigern so viel Gesellschaftskritik in eine Kinderserie packten, dass man sie zum Ende sogar absetzte. Seit dem 30. März ist die zweite Staffel der "betrüblichen Ereignisse" bei Netflix zu sehen. Auf Lemony Snicket sollten Sie keinesfalls hören. Die Serie ist nämlich sehr sehenswert - und nur so grauenhaft und abscheulich wie auch die Realität.

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