Spielen groß auf: Henriette Nagel (v.l.), Thomas Wehling und Jan Hille. - © Philipp Ottendoerfer
Spielen groß auf: Henriette Nagel (v.l.), Thomas Wehling und Jan Hille. | © Philipp Ottendoerfer

Theater Klassiker im modernen Gewand

„Faust 2“-Premiere: Dariusch Yadzkhastis und Konrad Kästners wort- und bildmächtige Goethe-Inszenierung sorgt in Bielefeld für Begeisterung

Antje Doßmann
31.03.2019 | Stand 31.03.2019, 09:18 Uhr

Bielefeld. „Faust 2" ist ein harter Brocken. Schon als der Tragödie zweiter Teil 1854 erstmalig zur Aufführung kam, gab es reflexhafte Abwehr. Buchstäblich „zu hoch" erschien den meisten der Ritt des Universalgelehrten Goethe durch Existenzphilosophie und Ideengeschichte. Faust im Himmel, Faust am kaiserlichen Hof, Faust auf der Suche nach Helena, Faust im Labor als Zeuge der Erschaffung eines Homunculus, Faust als germanischer Heerführer des herrenlosen Sparta, Faust als Geliebter Helenas und Vater Euphorios’, Faust als Dammbauer und letztendlich Mörder des friedlichen alten Paars Philemon und Baucis. Faust als Greis, von der Bindung an Mephisto weitgehend befreit, aber blind und von der Sorge heimgesucht. Was geht uns der unglückselige Faust heute noch an? Und schließlich Faust als verblendet Sterbender, womit nach dem Wortlaut seines Vertrags sein Leben verwirkt und seine Seele Mephisto anheimgegeben ist. Aber dann doch gerettet von einer himmlischen Heerschar. Worauf wollte Goethe hinaus mit dieser komplexen Parabel, die ein maßlos und vergeblich nach Erfüllung strebendes Menschenleben in die kontrapunktische Figuration zwischen Klassik und Romantik, Poesie und Geld, Liebe und Krieg stellte? Und was geht uns der unglückselige Faust, der mit seiner Tatkraft Unheil stiftet, heute noch an? Vergangene Geistesströmungen gehören in einen kritischen gegenwärtigen Kontext Sehr viel, wie Dariusch Yadzkhasti und Konrad Kästner in ihrer großartigen Inszenierung im Theater am Alten Markt in Bielefeld zeigen. Auf individueller, aber auch überindividueller Ebene. In dem Sinne, dass wir uns der eigenen zwiespältigen Sehnsucht nach Wahrnehmung, Selbstverwirklichung und Lebenssinn bewusst werden und zugleich die Gefahr manipulativer Rückwartsgewandtheit erkennen und bekämpfen. Nicht von ungefähr ist in einer der ästhetisch klug eingesetzten multimedialen Einspielungen ein AfD-Abgeordneter zu hören, der von einer deutschen Rückkehr zur Romantik schwadroniert. Nicht von ungefähr erinnert eine andere Sequenz an Nazi-Durchhalteparolen, die sich auf Sparta beziehen. Der antike Mythos und vergangene Geistesströmungen gehören in einen kritischen gegenwärtigen Kontext. Ein assoziatives, aber konsequentes Spiel mit der klassischen Vorlage Dass die Regisseure Yadzkhasti und Kästner in diesem zentralen Punkt Goethe vollkommen richtig verstanden haben und seinen Faust 2-Stoff traumsicher in die Moderne überführen, macht die herausragende Qualität ihrer Inszenierung aus. Da wird die künstliche Erschaffung des hermaphroditischen Homunculus humorvoll mit radikalem Feminismus verknüpft, und aus Mephistos Zauberschlüssel zur Eroberung der schönen Helena wird eine Video-Kamera. Yadzkhasti und Kästner (Dramaturgie: Anne Vogtmann) treiben ein assoziatives, aber konsequentes Spiel mit der klassischen Vorlage. Aus Himmel und Erde wird Bühne (Mareen Biermann) und Bildschirm, erste und zweite Wirklichkeit sind über Musik und Kostüme (Silke Bauer) kunstvoll ineinander verschränkt, die Übergänge raffiniert, verblüffend, stellenweise zauberisch-genial. Eine Sensation für sich sind die drei Darsteller Sämtliche Gefühlsregungen, die man im Theater haben kann, werden bedient. Auch den sprachlichen Genuss durch die Vielzahl an metrischen Formen, die Goethe in seinem Opus Magnum verwendet hat, enthält die wiewohl stark komprimierte Textfassung dem Publikum nicht vor. Eine Sensation für sich sind die drei Darsteller. Henriette Nagel, Thomas Wehling und Jan Hille. Gewaltige Textmengen beherrschen sie, und einige Torturen müssen sie über sich ergehen lassen. Vor allem aber sind sie vom ersten bis zum letzten, an Tischbeins berühmtes Goethe-Porträt erinnerndes Tableau, spektakulär wandlungsfähig und aufregend präsent. Stehende Ovationen und Jubelrufe am Ende für diese Sternstunden der Theaterkunst. Vorstellungen: 6., 13., 17., 24., 25., 28. April, 4. Juni und 4. Juli. Karten gibt es unter Tel. (05 21) 555-444. Weitere Infos unter www.theater-bielefeld.de.

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