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Radikal: Berthold Seliger hält ARD und ZDF für nicht reformierbar. - © Matthias Reichel
Radikal: Berthold Seliger hält ARD und ZDF für nicht reformierbar. | © Matthias Reichel

Kultur Autor Berthold Seliger: „ARD und ZDF brechen das Gesetz“

Interview über seine Forderung, das öffentlich-rechtliche Fernsehen abzuschaffen

Stefan Brams
10.12.2015 | Stand 10.12.2015, 13:15 Uhr

Der Autor Berthold Seliger fordert die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Seine Idee: Es soll ersetzt werden durch eine steuerfinanzierte Plattform im Netz. Im Interview erklärt Seliger seine Forderung. Herr Seliger, wann haben Sie zuletzt bei ARD und ZDF reingeschaut? Berthold Seliger: Diese Woche. Und was haben Sie gesehen? Seliger: Einen hervorragenden Krimi im ZDF, „Zum Sterben zu früh“ von Lars Becker. Ein Lob vom Kritiker, der das öffentlich-rechtliche Sendersystem gerne als Staatsfernsehen bezeichnet und am liebsten gleich ganz abschaffen möchte. Erstaunlich. Seliger: Es ist ja nicht alles schlecht, was in den öffentlich-rechtlichen Sendern gesendet wird. Aber gute Sendungen sind leider die Ausnahme und nicht die Regel. Dabei sind die öffentlich-rechtlichen Sender doch per Gesetz so konstruiert worden, dass sie, von der Allgemeinheit mit 8,3 Milliarden Euro Gebührenaufkommen üppig finanziert, ohne Quotendruck ein anspruchsvolles Programm in den Bereichen Information, Bildung, Unterhaltung und Kultur machen sollen. Nur sie tun es nicht und begehen damit einen permanenten Gesetzesbruch. Das kann doch nicht einfach so weitergehen. Woran liegt es, dass ARD und ZDF ihrem Auftrag nicht nachkommen? Seliger: Ein wesentlicher Faktor ist die Politik, die sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen untertan gemacht hat. In allen Gremien bis tief hinein in die Redaktionen gibt es große Koalitionen aus CDU, CSU und SPD, die die Sender beherrschen und jede Entwicklung verhindern. Zudem hat die Einführung des Privatfernsehens in den 80er Jahren dazu geführt, dass die öffentlich-rechtlichen Sender sich immer mehr deren seichten Programm angenähert haben, statt ihre einst vorhandenen Stärken auszubauen. Heute regiert die Quote in den öffentlich-rechtlichen Sendern, und die erstickt Mut, Experimentierfreudigkeit und Kreativität. Sie sprechen von Staatsfernsehen, schreiben aber gleichzeitig, dass private Firmen die Sender dominieren. Wie geht das zusammen? Seliger: Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern haben in der Tat längst private Firmen das Sagen. 151 Tochterfirmen sind für ARD und ZDF tätig und machen das Programm. Die ARD-Tochterfirma Degeto sorgt zum Beispiel für mehr als 80 Prozent der Filme bei der ARD. Oder nehmen Sie die großen Talkshows. Fünf der sechs Formate wurden von privaten Firmen produziert, die den Talkmastern gehören oder an denen diese beteiligt sind. Ein solches System ist doch nicht mehr als öffentlich-rechtliches zu bezeichnen. Es fehlt jede Transparenz und öffentliche Kontrolle. Aber dann ist das doch eher ein verkapptes Privat- denn ein Staatsfernsehen? Seliger: Ein Staatsfernsehen, das einen Großteil seiner Inhalte privatisiert und damit der öffentlichen Kontrolle entzogen hat. Die Parteien dominieren die Sender nach Belieben. Das Bundesverfassungsgericht hat 2014 den ZDF-Staatsvertrag als verfassungswidrig verurteilt, weil das Verfassungsgebot der Staatsferne massiv verletzt wurde. Das ist doch ein ungeheuerliches Urteil! Einer der zwei großen Sender hierzulande arbeitet quasi ohne Rechtsgrundlage. Sie plädieren gleich für die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Systems. Warum nicht erst einmal Reformen wagen? Seliger: Ich bin Realist. Das Staatsfernsehen ist die größte Machtformation im Land und so stark verkrustet, dass ihm mit Reformen nicht mehr beizukommen sein dürfte. Es wäre naiv zu glauben, dass so ein System reformierbar ist. Und die Abschaffung zu fordern, soll weniger naiv sein? Seliger: Wir erleben doch gerade, wie das alte lineare Fernsehen sich durch die neuen technologischen Möglichkeiten selbst überlebt. Die Menschen streamen und schauen Filme, Nachrichten und so weiter, wann und wo sie wollen. Die Strukturen des herkömmlichen Fernsehens haben sich im Grunde überlebt. Daher sollten wir uns mit einer Reform gar nicht erst aufhalten, sondern es gleich abschaffen. Aber dann überlassen wir die Bühne doch komplett den Privaten und haben nur noch das seichte Programm, das Sie eben noch gegeißelt haben? Seliger: Ja, das Privatfernsehen werden wir nicht mehr abschaffen können, was bedauerlich ist. Aber ich halte eine digitale Plattform für denkbar, die aus Steuern finanziert wird, mit wesentlich geringeren Mitteln auskommt und nicht länger den Parteien ausgeliefert ist. Eine Plattform im Internet, da der Trend ja sowieso dahin geht, sich nicht mehr vor dem Fernsehen zu versammeln, sondern Sendungen zu streamen, wann und wo man will. Dazu brauchen wir die mehr als 20 öffentlich-rechtlichen Kanäle nicht, die es derzeit gibt. Filmemacher, Dokumentarfilmer, aber auch Kultureinrichtungen und Medienhäuser könnten Sendungen ins Netz einspeisen, die aus öffentlichen Mitteln finanziert würden. Würden Sie auch Arte und 3sat aufgeben? Dort laufen doch ambitionierte Beiträge. Seliger: Das sind derzeit nur Feigenblätter, aber derartige Beiträge würden auf der vorgeschlagenen Plattform natürlich genauso laufen. Bildung und Kultur sowie ein kulturell wertiges Unterhaltung- und ein starkes Informationsprogramm, das auch Hintergründe beleuchtet, gehören dazu. Derzeit kommt es mir so vor, als würden wir mit unseren Rundfunkgebühren Monat für Monat Gammelfleisch geliefert bekommen, mit dem wir auch noch zufrieden sein sollen, weil alle zwei Wochen mal ein frisches Steak dabei ist. Das kann doch nicht wahr sein. So ein System gehört nicht reformiert, sondern abgeschafft. Gegen die Zwangsabgabe sind Sie auch? Seliger: Natürlich. Ein Argument für das öffentlich-rechtliche Systems lautet, dass so die Informationsvielfalt gesichert wird. Seliger: Die gibt es in diesen Sendern doch gar nicht mehr, wie sollen sie diese denn garantieren angesichts der Politikerheerscharen soweit das Auge reicht? Pluralismus gibt es im Staatsfernsehen schon lange nicht mehr, wir werden mit einem großkoalitionären Einheitssound abgespeist. Wie realistisch ist es für Sie, ein besseres Fernsehen schaffen zu können? Seliger: Die Machtformation in den Sendern und in der Politik ist noch sehr stark. Auf der anderen Seite haben aber immer mehr Bürger die Nase voll von deren Programm und artikulieren ihren Unmut auch immer stärker. Nur noch eine Minderheit schaut öffentlich-rechtliche Programme. Vor allem junge Menschen haben diesen Sendern längst den Rücken gekehrt. Sie nutzen stattdessen YouTube. Wer sagt uns denn, dass die Bürger nicht irgendwann gegen ein Gebilde aufbegehren, das immer weniger Menschen nutzen, für das aber alle weiterhin zahlen sollen? Es ist eben nicht alles alternativlos, nur weil es im Augenblick so scheint. Langfristig werden wir dieses System abschaffen, da bin ich mir sicher.

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