Google Maps zeigt Straßen an, die es gar nicht gibt. Warum? - © picture alliance / AP Photo
Google Maps zeigt Straßen an, die es gar nicht gibt. Warum? | © picture alliance / AP Photo

„Trap Streets“ Warum Google Maps und Co. Straßen anzeigen, die gar nicht existieren

Jan Ahlers

Es ist wohl der Albtraum eines jeden Autofahrers: Ein Navigationssystem, das eine Route anzeigt, die nicht aufgehen kann. Und doch ist es zumindest theoretisch möglich. Denn nicht jede Straße, die auf Karten angezeigt wird, existiert wirklich. Kartographen zeichnen diese „Trap Streets", zu deutsch Fallenstraßen, absichtlich ein. Werden Nutzer bewusst getäuscht? Das rheinland-pfälzische Erpolzheim ist eine beschauliche Gemeinde mit 1.300 Einwohnern, in unmittelbarer Nähe zum Pfälzerwald. Sie hat ein Rathaus, eine Kirche, eine Menge rustikaler Winzerhöfe. Bekannt geworden ist sie aber durch ihren Kirschgarten. Genauer gesagt, die Straße „Am Kirschgarten". Wer dem Mappingdienst „Bing Maps" von Microsoft vertraut, könnte von der Raiffeisenstraße in diese beschauliche Sackgasse im Osten des Dorfes abbiegen.  Schon vor 90 Jahren wurden ganze Orte erfunden Tatsächlich würde sich vor Ort ein skurriles Bild ergeben. Denn da, wo sich die Straße befinden soll, liegt ein Acker. Beim Rivalen „Google Maps" gibt es die Straße nicht. Es handelt sich um eine Trap Street, einen digitalen Fallstrick. Freilich gab es solche erfundenen Wege und sogar Städte schon im analogen Zeitalter. Vor 90 Jahren erschufen die Kartographen Otto G. Lindberg und Ernest Alpers aus den Anfangsbuchstaben ihrer Namen den fiktiven Ort „Agloe" im Südosten des amerikanischen Bundesstaates New York. Sie handelten aus dem gleichen Grund, aus dem noch heute Karten bewusst gefälscht werden: Sie wollten Plagiateuren vorbeugen. Anhand einer solchen „Paper Town", eine Papierstadt, konnte sofort abgeglichen werden, ob der konkurrierende Anbieter selbst kartiert oder stumpf kopiert hatte. Kurioserweise entstand um die Phantomstadt Agloe Jahrzehnte später ein Hype, weil entscheidende Handlungen des Jugendromans „Margos Spuren" in diesem Ort spielen. Sogar ein Ortsschild wurde an der verlassenen Straßenkreuzung angebracht, an die seitdem immer wieder Fans von Buch und dessen Verfilmung pilgern. Heute haben sich die technischen Voraussetzungen stark verändert. Digital kartografiert wird seit den 1990er-Jahren, konventionelle Techniken gibt es seitdem nicht mehr. Mittlerweile können Satelliten auch schwierig zugängliche Gebiete präzise abbilden, innovative und gleichzeitig umstrittene Formate wie Street View ermöglichen, Millionen Straßen in zahlreichen Ländern realitätsnah zu erkunden. Trap Streets - gibt es sie auch in OWL? Und doch bleiben „Trap Streets" auch aufgrund der gestiegenen Anzahl digitaler Kartensysteme in der Mode. Selbst Branchenführer Google Maps setzt auf den Plagiatsschutz und entwarf vor einigen Jahren im englischen Distrikt West Lancashire den fiktiven Ort "Argleton". Das Gerücht um die Stadt, die es nicht gibt, machte schnell die Runde und führte phasenweise zu mehr als 250.000 Google-Treffern, ehe Argleton plötzlich wieder von den Karten verschwand. Auch in Ostwestfalen soll es einst so eine Straße gegeben haben: Am Ende des Fährwegs in Hiddenhausen-Schweicheln führte beim Stuttgarter Kartenanbieter „Falk" eine Brücke über die Werre, die aber tatsächlich nicht existiert. Mittlerweile gibt es die Brücke auch auf Karten nicht mehr – möglicherweise aber an anderer Stelle eine neue. Plagiatsfallen müssen, um wirksam zu bleiben, stetig aktualisiert werden. Das Phänomen gibt es übrigens auch in anderen Publikationen, die üblicherweise auf Vollständigkeit und Richtigkeit beruhen. Enzyklopädien zum Beispiel. Doch hier sind fingierte Artikel nicht nur ein Kopierschutz, sondern ein liebgewonnener Brauch geworden. Eine Handvoll Scherzartikel, auch U-Boote genannt, finden sich in jedem Nachschlagewerk, schätzen Experten. Nur würde diese Begriffe meist niemand finden. Als die Römer den Fußball erfanden Die Begründung ist paradox. Denn wer sollte etwas nachschlagen, von dem er mangels Existenz gar nicht gehört haben kann? Ein Beispiel für ein U-Boot: „Apopudobalia" ist laut des historischen Nachschlagewerks „Der Neue Pauly" eine antike Sportart aus dem Römischen Reich, die als Vorform des Fußballspiels gelten könne. Kein Funken Wahrheit steckt hinter dieser kühnen Behauptung, die England als Mutterland des Fußballs abgelöst hätte. Es war nicht mehr als eine Schnapsidee des Autors Mischa Meier, die Altertumsexperten aber derart amüsierte, dass der herausgebende Verlag die Produktion fortsetzte. Heute ist das Buch Kult. Zumindest unter Historikern.

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