ZURÜCKGEBLÄTTERT Mergelkuhle wird zum Wallfahrtsort

Der "Braune Bomber" Kostedde trainiert den SuS Wulferdingsen

Erwin Kostedde zog es 1976 für einige Jahre nach Löhne-Gohfeld. - © FOTO: NW
Erwin Kostedde zog es 1976 für einige Jahre nach Löhne-Gohfeld. | © FOTO: NW

Bad Oeynhausen/Löhne. Die Straße an der Mergelkuhle im Löhner Ortsteil Gohfeld wurde Mitte der 70er Jahre für mehrere Tage zum Wallfahrtsort für viele Neugierige. Denn längst hatte sich herumgesprochen, dass sich hier ein ehemaliger deutscher Fußball-Nationalspieler niedergelassen hat. "Wer ist es, wie sieht er aus und wo ist das Haus?", lautete die Fragestellung. Ein nobles Landhaus mit Swimmingpool hatte sich der gebürtige Münsteraner zugelegt.

In Fachkreisen hatte es sich aber längst herumgesprochen, dass der dreifache Nationalspieler Erwin Kostedde hier ein neues Domizil gefunden hatte. Aus den Fußball-Großstädten zog es ihn, den Besatzungssohn eines afroamerikanischen GI’s, mit seiner Familie ins beschauliche Löhne. Als Kind hatte es der "Braune Bomber", wie er genannt wurde, nicht einfach. "Wir waren in Münster drei sogenannte Besatzungskinder. Als wir zwölf waren, ertrank der eine. Der andere wurde wenig später von einem Lastwagen überfahren. Da fragte ich mich jahrelang voller Angst: Wann bin ich wohl dran?" In der Schule wurde er wegen seiner Hautfarbe gehänselt. Er sprach lange Zeit von einer "bedrückenden Kindheit".

Kosteddes Mitspieler rechts ist Norbert Horst, der heutige Kommissar und Buchautor, und im weißen Hemd der damals hoffnungsvolle Gohfelder Torjäger Frank Meinsen. - © FOTO: NW
Kosteddes Mitspieler rechts ist Norbert Horst, der heutige Kommissar und Buchautor, und im weißen Hemd der damals hoffnungsvolle Gohfelder Torjäger Frank Meinsen. | © FOTO: NW

Kostedde, dessen Fußballer-Karriere 1965 beim SC Preußen Münster begann und 1986 beim SuS Wulferdingsen als Spielertrainer und danach beim FC Lübbecke und bei der DJK Germania Mauritz in Münster als Trainer endete, konnte in aller Ruhe seinem Beruf als Fußballprofi nachgehen. Doch zwischen Münster und Wulferdingsen lagen für Erwin Kostedde sportliche und private Fußball-Welten. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wechselte Kostedde als blutjunger Spieler von Preußen Münster zum MSV Duisburg. An der Wedau wurde er nie glücklich und wechselte danach zu Standard Lüttich, wo Kostedde von seinem Trainer Rene Hauss zu einem absoluten Mittelstürmer der Spitzenklasse geformt wurde. Mit 26 Toren wurde er belgischer Torschützenkönig. Nach drei Jahren Lüttich ging es zu den Offenbacher Kickers, wo er mit Siggi Held ein Traum-Duo bildete. Von Offenbach führte der Weg zur Berliner Hertha, ehe es ihn für zwei Jahre nach Dortmund zog. Es folgte das nur sechsmonatige Gastspiel in Solingen. Die Karriere schien sich damals dem Ende zuzuneigen, doch es kam anders. 1978 kam das erneute Angebot von Standard Lüttich. Dort schlägt er bombig ein.

Torschützenkönig in Frankreich

In der Saison 1979 wechselte er nach Frankreich zum damaligen Erstligisten FC Stade Lavallois (bekannt auch als Stade Laval), einem Provinzverein aus dem Nordwesten Frankreichs. In der Hauptstadt des Departements Mayenne wurde der inzwischen 34-jährige Vollblutstürmer gefeiert, wie einst in Offenbach, denn gemeinsam mit dem Argentinier Delio Onnis vom AS Monaco wurde er mit 21 Toren Torschützenkönig der höchsten französischen Spielklasse. Noch vor Michel Platini.

Kostedde schnürt im Herbst 1986 erstmals die Schuhe für den SuS. - © FOTO: NW
Kostedde schnürt im Herbst 1986 erstmals die Schuhe für den SuS. | © FOTO: NW

Für die Experten war es schlichtweg ein Phänomen, dass der dunkelhäutige Angreifer in Frankreich so eine überragende Saison ablieferte, denn meistens nahm Kostedde nur am Abschlusstraining einen oder zwei Tage vor dem Punktspiel teil. Zu weit und zu strapaziös waren nach Auffassung seines damaligen Trainers Michel le Milinaire die Wege von Gohfeld nach Laval. Immerhin musste er mit dem Auto exakt 980 Kilometer abreißen. Zudem machte ihm dort das maritime Klima zu schaffen. Also musste sich Kostedde unter der Woche in Bad Oeynhausen fit halten. Mehrmaliges Lauftraining im Wiehengebirge zwischen Krause Buche und Lutternsche Egge waren ebenso angesagt wie zweimaliges Hallen-Training. Hießen sonntags die Mitspieler noch Patrick Delamonatgne oder Francois Brisson, montags hatte er sich in der Halle gegen Gerd Prinzhorn, Rolf Brinkheinrich, Wolfgang Budde oder Herbert Bunte zu erwehren und donnerstags reihte er sich in einem Trainingsabend für Journalisten ein. Da hießen seine Mitspieler dann Klaus Berg, Friedel Wilmsmann, Wolfgang Böhm, Heinz F. Drewalowski oder Heinrich Möllenhoff. Nicht selten ließ er dabei in Eidinghausen in der Gaststätte "Zur Post" bei Wirt Ferdi den Abend beim Bierchen ausklingen.

Tags darauf ging es dann meistens Richtung Laval. Es war nicht die letzte Station, denn zwei weitere sollten noch folgen. Sein "Ziehvater" Otto Rehhagel holte Erwin im Juni 1980 an die Weser nach Bremen, wo Kostedde zwei weitere erfolgreiche Spielzeiten feierte. In 75 Spielen erzielte der "Braune Bomber" 38 Tore. Im ersten Jahr in Bremen durfte bereits gefeiert werden, denn Werder schaffte nach einjähriger Zweitklassigkeit den sofortigen Wiederaufstieg. In Bremen musste Kostedde im Gegensatz zum Engagement in Laval am täglichen Training teilnehmen. Nach zwei erfolgreichen Spielzeiten zog Kostedde das Werder-Trikot aus und wurde gegen Rudi Völler ersetzt.

"Erwin für Deutschland", sangen die Fans

Seine durchaus schillernde Profi-Laufbahn beendete "Old Erwin" in der Saison 1982/83 beim VfL Osnabrück. An der Bremer Brücke bestritt er alle 30 Punktspiele. Als es im ersten Spiel ein 0:4 in Offenbach gab, wo Kostedde eine Art Kultfigur war, wollte er schon seine Zelte abbrechen. "Da leg ich mich lieber aufs Sofa", fluchte er damals. Er legte sich aber nicht. Im Gegenteil. Spezialspritzen bei Dr. Klümper in Freiburg richteten das kaputte Knie von Kostedde wieder auf und es wurde noch einmal eine tolle Saison. "Erwin für Deutschland", sangen die Fans nach dem Osnabrücker 5:0 gegen den BV Lüttringhausen. Es war vielleicht einer seiner letzten großen Augenblicke in der Karriere, denn was in den folgenden Jahren passierte, möchte er nicht noch einmal erleben. Den Lebensabend mit Fußball beschließen? Als Trainer oder Manager? Viele Fragezeichen. Ein Spiegelbild seines Lebens. Aber der Lebensabend von Erwin Kostedde sah dann doch ein wenig anders aus.

Neben ihm der damalige Vorsitzende des SuS Wulferdingsen, Frank Schiffmann, Masseur Bormann und Betreuer Rolf Kröger. - © FOTO: NW
Neben ihm der damalige Vorsitzende des SuS Wulferdingsen, Frank Schiffmann, Masseur Bormann und Betreuer Rolf Kröger. | © FOTO: NW

Beruflich konnte er nicht so richtig Tritt fassen. Mehrere ihm anvertraute Jobs nahm er gar nicht oder nur kurzfristig an. Zwei seiner ehemaligen Mitspieler aus der Hobby-Truppe boten ihm eine Stelle als Repräsentant an. Auch Werders Manager Willi Lemke wollte helfen. Nichts klappte. Auch der Job in einem Elektromarkt in Osnabrück-Belm war nur von kurzer Dauer. Kostedde hatte inzwischen lieber auf den Rat von "windigen" Anlagevermittlern gehört, die ihm versprachen, sein Geld ("Ich hatte damals rund eine Million D-Mark auf dem Konto.") gewinnbringend anzulegen. 650.000 Mark gingen an irgendwelche Scheinfirmen, weitere 300.000 Mark verlor er durch Bauherrenmodelle in England. Schließlich fraßen Hypothekenzinsen seines Gohfelder Anwesens die letzten Reserven auf. Und das Finanzamt wartete auch. Am Ende stand der Verkauf der Gohfelder Nobelvilla. Montags und donnerstags wurde wieder in den Bad Oeynhausener Hallen mit Sportjournalisten und Freunden gekickt und es gab diverse Einsätze in Prominenten-Teams.

In der Saison 1986/87 nahm er ein Engagement des Bezirksligisten SuS Wulferdingsen an. Zunächst als Trainer und ab Dezember als Spielertrainer. Aber seine erste Station als Trainer sollte nicht von Erfolg gekrönt sein, denn der erwartete Erfolg blieb im Wulferdingsener Loch aus und Kostedde musste gehen. Nach kurzer Verschnaufpause und einem zwischenzeitlichen Umzug von Gohfeld nach Vlotho nahm er eine Trainerstelle beim FC Lübbecke an. Aber auch beim Kreisligisten hatte der einst Gefeierte kein Glück. Auch die geborgte Kaution für die Wohnung in Vlotho konnte er nicht mehr zurückzahlen. Kosteddes Erinnerungen an die beiden anderen Besatzungskinder in Münster wurden bei ihm wach und schon bald kam das "Aus" für ihn, den "Braunen Bomber", der drei Länderspiele für Deutschland gegen Malta, England und Griechenland bestritt, in der Saison 1974 das "Tor des Jahres" erzielte und nach seiner Zeit bei den Offenbacher Kickers einer der meist umworbensten und teuersten Spieler Deutschlands war und den doppelten Übersteiger wie kaum ein anderer beherrschte.

Fan-Magazin nach Kostedde benannt

"Ich habe oft auf falsche Freunde und Berater gesetzt, und wenn ich die Zeit noch einmal zurückdrehen könnte, würde ich wohl so ziemlich alles anders machen", wurde er noch vor einigen Jahren in einer Offenbacher Zeitung zitiert. In Offenbach hatte Kostedde ganz viele Fans, dort war er eine Art Kultfigur. Am Bieberer Berg gab es lange Zeit sogar das Fan-Magazin "Erwin", das nach Kostedde benannt wurde. Aber dies wurde 2007 nach 13 Jahren und insgesamt 65 Heften eingestellt. Und dann war noch die Geschichte mit den Verdächtigungen 1990, einen Spielhallen-Überfall begangen zu haben. Aber die sind längst ausgeräumt.

Heute ist Erwin Kostedde schon längst nicht mehr in Ostwestfalen. Inzwischen lebt der 63-jährige als Rentner zurückgezogen da, wo alles mal begonnen hat: In Münster, wo einst sein Fußball-Stern aufging. Aber das ist bereits mehr als 45 Jahre her.

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