Kommentar Vorerst nicht mehr als eine Galgenfrist

Wolfgang Temme

Von Rettung kann (noch) überhaupt keine Rede sein. Vorerst hat sich der FC Gütersloh mit der Entscheidung, die 1. Mannschaft nicht vom Spielbetrieb abzumelden, nicht viel mehr als eine Galgenfrist eingeräumt. Das gesamte Konzept, den Verein und höherklassigen Fußball in dieser Stadt am Leben zu halten, gründet sich ausschließlich auf gute Absichten und Hoffnungen, die man bestenfalls als optimistisch, keinesfalls aber als realistisch bezeichnen kann. Die Weiterführung des Spielbetriebs von einer Nachhaltigkeit über das Saisonende hinaus abhängig zu machen, war ein viel zu ehrgeiziges Ziel des Präsidenten. Zum Glück hat er das rechtzeitig erkannt und seine Strategie korrigiert, sonst hätte er das Buch bereits am Donnerstagabend endgültig zuklappen müssen. Bei konsequenter Einhaltung seines Ultimatums hätte er das ohnehin tun müssen, denn die fehlenden 70.000 Euro zur Deckung des aktuellen Saisonetats liegen keineswegs wie gefordert auf dem Tisch. Andre Niermann ging es aber nicht darum, eine Rechtfertigung dafür zu bekommen, den FC Gütersloh von der Bildschwäche verschwinden zu lassen, ohne dadurch als "Totengräber" in die Geschichte des Gütersloher Fußballs einzugehen. Ihm ging es darum, den Fortbestand zu sichern. Insofern ist es löblich, auch an dieser Stelle inkonsequent geworden zu sein. Der Versuch, die Verantwortung für die Restfinanzierung der Saison auf Kleinsponsoren, Fans und Mitglieder zu übertragen, ist allerdings zum Scheitern verurteilt. Verantwortlich bleiben allein Vorstand und Präsident. Letzterer hat sich sehr weit aus dem Fenster gehängt, was die Bewältigung des Restrisikos angeht - und sich damit zumindest moralisch selbst in die Pflicht genommen. Sich auf eine derart breite Unterstützung des FC Gütersloh zu verlassen, wie es für Erfolge der "Geldbringer-Aktionen" Trikotsponsoring und Zuschauerzahl notwendig ist, mutet fahrlässig an. Dass der Verein sich eben nicht auf besonders reichlichen Rückhalt in der Öffentlichkeit und in der eigenen Mitgliedschaft stützen kann, hat sich doch gerade erst gezeigt: 550 Zuschauer in dem als "Abstimmungsfinale" titulierten Heimspiel gegen Stadtlohn und 65 Teilnehmer an einer Jahreshauptversammlung, bei der es um die Existenz des Vereins geht, sind nicht gerade mitreißende Quoten. Reichlich gegeben hat es beim FC Gütersloh in der Vergangenheit (angebliche) Konzepte und Ideen zum Marketing. Die Verantwortlichen für diesen Bereich haben fast häufiger gewechselt als die Trainer. Jetzt kommen also die Profis der Medienfabrik. Dass ihnen und der nachgeschalteten Agentur gelingt, was anderen seit der Vereinsgründung am 14. Februar 2000 nicht gelang, ist wünschenswert - aber es hat auch etwas von Träumerei. Als besonders wertvoll könnte sich indes erweisen, dass sich Bertelsmann nicht nachsagen lassen will, dass eine Tochter ihres Hauses an dem Projekt scheitert. Ist also der FC Gütersloh mit seiner Entscheidung vom Don- nerstag keinen Schritt vorangekommen, sondern - wie es Kritiker behaupten - nur in alte Zeiten zurückgefallen? Nein, und zwar in dreifacher Hinsicht nicht. Erstens ist der Verein so schuldenfrei, wie schon seit dem 14. Februar 2000 nicht mehr. Zweitens ist der Verein so transparent, wie schon seit dem 14. Februar 2000 nicht mehr. Und drittens hält sich der Verein sportlich und vom Selbstverständnis her so wenig für etwas potenziell Besseres, wie schon seit dem 14. Februar 2000 nicht mehr. Das sind drei gute Voraussetzungen, um in die Zukunft dieses Vereins zu investieren. wolfgang.temme@ihr-kommentar.de

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