Bernd Naschke privat.
Bernd Naschke privat.

Auf dem Fußballplatz ein Riese

Bernd Naschke, einer der besten Bielefelder Amateurfußballer, feiert heute seinen 70. Geburtstag

VON NORBERT HERBST

Bielefeld. Kinder, wie die Zeit vergeht. Bernd Naschke kann ein Lied davon singen. Einer der besten Bielefelder Amateurfußballer feiert heute seinen 70. Geburtstag. "Ich mag es selbst kaum glauben", sagt Naschke. Er war in seiner 25-jährigen von Schicksalsschlägen begleiteten Karriere für den DSC Arminia (1953 bis 1962) , VfB 03 (1962 bis 1966, 1967/68 und 1972 bis 1974), DJK Gütersloh (1966/ 67)und die SV Brackwede (1968 bis 1971) am Ball. 1977 hängte er als Spielertrainer des TuS Quelle die Fußballstiefel endgültig an den Nagel.

Die lädierte Hüfte ließ weitere Einsätze nicht mehr zu. Im Team der Stadtwerke steht er gleichwohl immer noch an der Tischtennisplatte, denn ein Leben so ganz ohne Sport, das ist für den Hansdampf "kein Leben. Ich muss immer in Bewegung sein. Ich bin kein Müßiggänger", versichert Naschke.

Als Klein Bernd heute vor sieben Jahrzehnten im oberschlesischen Beuthen das Licht der Welt erblickte, tobte noch der Zweite Weltkrieg. Glück für den jüngsten Sohn, seine drei Schwestern, den älteren Bruder und die Eltern Gertrud und Johannes, dass sie die schlesische Heimat nach Kriegsende im Januar 1945 mit einem der letzten Flüchtlingstrecks verlassen konnten. Sennelager war fortan die neue Heimat der Familie Naschke, die in Beuthen eine Molkerei besaß. 1952 erfolgte der Umzug nach Bielefeld. In der Leinenstadt begann seine Karriere als Fußballer. Im Bielefelder Westen wurde der DSC Arminia schnell sein Leib- und Magenverein - zweifelsohne eine alte Liebe, die auch heute noch Bestand hat.

Große Erfolge verbinden: 1961 wurde Naschke westdeutscher Meister mit der Jugend - mehr ging damals nicht -, und ein Jahr später stieg der Vollblutfußballer mit dem Team in die 2. Division auf. Aufgrund von Unstimmigkeiten bei den Vertragsverhandlungen ("Versprechungen wurden nicht eingehalten", Naschke) zog er, geradlinig wie er ist, die Konsequenzen und wechselte zum Ortsrivalen VfB 03. Auch hier spielte er, der quirlige Straßenfußballer, mit Kopf und Köpfchen, war so torgefährlich und konditionsstark wie eh und je. Ein Talent halt, wie es in einer Generation immer nur wenige gibt.

Bernd Naschke am Ball.
Bernd Naschke am Ball.

Dann kam der verhängnisvolle 14. Mai 1964. Der gelernte Kfz-Elektriker hatte Freunde in Gütersloh besucht und befand sich auf der Rückfahrt nach Bielefeld, als ihm ein Mann ins Auto rannte. Naschke schleuderte mit seinem Wagen gegen einen Baum, die Frontscheibe zersplitterte, und nur dank ärztlicher Kunst in der Münsteraner Uni-Klinik blieb ihm die totale Erblindung erspart. Das rechte Auge war allerdings nicht zu retten. Doch "Nuschek" - wie seine Freunde ihn nennen - kam zurück. Von Haus aus mit einer Pferdelunge ausgestattet, war er schon nach der Sommerpause für Rot-Weiß am Ball. Was fehlte, war aufgrund der Sichteinschränkung jedoch das Distanzgefühl zum Ball. Darum ließ er sich vom Stürmer zum Offensivverteidiger umschulen. Ein Schachzug, der aufging. Auch diese Rolle beherrschte der kopfballstarke Spieler, der in seiner Karriere nie vom Platz gestellt wurde, perfekt. Zudem war seine enorme Torgefährlichkeit so auch weiterhin gewährleistet. "Der Sport", sagt der Jubilar heute, "hat mir viel gebracht." Vor allem als Auswahlspieler hat Naschke viele fremde Länder kennengelernt. Und dass nur derjenige, der auch Tiefen erlebt hat, Höhen zu schätzen weiß, diese Lebensweisheit ist für ihn längst Leitsatz geworden.

Gerne wäre Naschke auch Boxer geworden. Zusammen mit seinem Freund Hans-Dieter Schwartz, dem späteren deutschen Meister der Professionals, fightete er als 14-Jähriger für den BC Vorwärts. Sein einziger Kampf gegen den späteren Profi Paul Kruczyk endete unentschieden. "Danach haben meine Eltern die Reißleine gezogen", erinnert er sich.

Mit 1,70 Metern gehörte Bernd Naschke nie zu den Größten, doch auf dem Fußballplatz war der Mann, der zu seiner besten Zeit nie mehr als 67 Kilogramm auf die Waage brachte, ein Riese.

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