Julia Sayer spielt für die US-Amerikanische Handball-Nationalmannschaft und den TSV Hahlen. - © FOTO: JOHNNY DÄHNE
Julia Sayer spielt für die US-Amerikanische Handball-Nationalmannschaft und den TSV Hahlen. | © FOTO: JOHNNY DÄHNE

Im US-Trikot nach Rio

HANDBALL: Die Bielefelder Studentin Julia Sayer träumt von den Olympischen Spielen 2016

VON JOHNNY DÄHNE

Bielefeld. Wunschzettel haben aktuell Hochkonjunktur – und so gibt es fast nichts, was nicht mit der Bitte um Erfüllung zu Papier gebracht wird. Der Traum von der Teilnahme an Olympischen Spielen ist allerdings ein Wunsch vieler Sportler, den nicht mal der Weihnachtsmann in Höchstform ermöglichen kann. Die Bielefelder Studentin Julia Sayer will ihn sich nach der verpassten Qualifikation für London 2012 mit der amerikanischen Handballnationalmannschaft in Zukunft selbst erfüllen.

"Natürlich wollen wir das Wunder schaffen und uns für Olympia 2016 in Brasilien qualifizieren", sagt Julia Sayer mit einer großen Portion Optimismus, wie er für viele Sportler mit den "Stars and Stripes" auf dem Trikot typisch ist. Dabei ist die 24-jährige Lehramtsstudentin mit den Fächern Sportwissenschaften und Mathematik beileibe keine klassische US-Athletin. Im Normalfall geht sie für den Mindener Vorortclub TSV Hahlen in der Oberliga auf Torejagd. Ihr US-Abenteuer hat Sayer neben ihrem handballerischen Talent einem günstigen Zufall zu verdanken, der sich im Juni 2009 zutrug.

"Ich war auf einen Kaffee mit Dr. Carmen Borggrefe, die mich schon mein ganzes Sportlerleben gefördert hat, verabredet. Von ihr kam plötzlich der Vorschlag, dass ich doch bei den Olympischen Spiele 2012 auflaufen könne", erläutert Julia Sayer, die in den Vereinigten Staaten als Tochter eines deutsch-englischen Ehepaars geboren wurde und im Alter von fünf Jahren nach Deutschland kam. Dass sie in Atlanta, der Olympiastadt von 1996, zur Welt kam, machte die Angelegenheit nur noch spannender. Dass sie aus sportlicher Sicht nicht für eine deutsche Olympiamannschaft in Frage kommt, war beiden klar. "Wir haben dann geflachst, wie es wohl wäre, wenn ich zur Eröffnungsfeier ins Stadion einliefe. Als ich dann aber die Bürotür zugemacht habe, wurde mir plötzlich klar: Das versuchst du wirklich!" beschreibt Sayer ihre Gefühlswelt kurz nach dem entscheidenden Gespräch in Raum F0-100 der hiesigen Universität.

Gleich nach der erleuchtenden Unterhaltung setzte sich der "Rotschopf" – nun Feuer und Flamme – an seinen Computer und googelte die Seite des US-amerikanischen Verbandes, um Kontakte herzustellen. Durch ihre doppelte Staatsbürgerschaft ohnehin für das Land spielberechtigt, bekam sie sechs Wochen später eine Einladung für ein zehntägiges Trainingslager in Kattowitz/Polen. "Ich bin da an einem Dienstagmorgen um kurz vor zehn Uhr gelandet und wurde direkt zum Training abgeholt, das um halb elf angesetzt war. Rein in die Halle, Schnürsenkel binden und los ging’s – ich konnte nicht mal allen richtig Hallo sagen", erinnert sich die Rückraumspielerin, die auf Anhieb den Trainerstab überzeugte. Dass der Höhepunkt des Trainingslagers, ihr Nationalmannschaftsdebüt im November 2009 mit dem U-23-Team der USA vor 1.200 Zuschauern inklusive Live-Übertragung im polnischen Fernsehen, 11:44 verloren ging, konnte sie angesichts des bis dahin einmaligen Erlebnisses verschmerzen.

Auf dem weiten Weg zu Olympia 2012 folgten nun diverse Lehrgänge und die Qualifikation für die Panamerikanischen Spiele, die im Oktober Guadalajara/Mexiko stattfanden und als Qualifikationsturnier für London dienten. "Um überhaupt nach Mexiko zu fliegen, mussten wir zuerst Kanada besiegen. Das haben wir ganz knapp geschafft – sportlich bisher der größte Sieg für mich", beschreibt Sayer das emotionale Auf und Ab, das die 18:23-Heimniederlage und der 24:19-Auswärtssieg in Kanada boten.

Aufgrund der mehr erzielten Auswärtstore war das Zwischenziel Panamerikanische Spiele erreicht. Obwohl es dann in Mexiko nur Niederlagen hagelte und die Qualifikation letztlich deutlich verfehlt wurde, gehen diese Spiele in der Rückschau als Höhepunkt durch.

"Wir sind da zur Eröffnungsfeier vor 80.000 Zuschauern ins Stadion eingelaufen, überall waren Kameras und Reporter. Das Athletendorf war auch der Hammer, ich habe viele Sportler kennengelernt", schwärmt Julia Sayer, deren Planungen für die "richtigen" Spiele 2016 in Rio de Janeiro schon stehen. Nach zwei Playoff-Spielen gegen Mexiko soll die Quali bei den Panamerika-Spielen 2015 in Toronto/Kanada perfekt gemacht werden. "Die Brasilianerinnen als Olympiagastgeber müssen sich dort nicht qualifizieren. Das ist gut für uns, denn so müssen wir nicht, wie bei der 10:50-Niederlage in Mexiko, gegen sie antreten", erklärt Sayer schmunzelnd. Damit dürfte ein kleiner Wunsch schon jetzt in Erfüllung gegangen sein.
     


Handball in den USA

In den USA gibt es neben den "Großen Vier" Football, Baseball, Basketball und Eishockey kaum Platz für andere Sportarten. So führt "König Fußball" ein Schattendasein, Handball ist nur marginal existent.

"Um Spiele zu bestreiten, organisieren sich die Mannschaften küstenweise", erklärt Julia Sayer den großen Aufwand, um alle sechs bis acht Wochen neben dem Training auch Wettkämpfhärte zu bekommen. "Dabei ist Handball ein typisch amerikanischer Sport mit Aggressivität, Emotionen, Schnelligkeit und vielen Toren", findet Julia Sayer. Die Deutsche Meisterin im Beachhandball von 2010 mit ihrem Team "Stranddeko" bekommt wie ihre Teamkolleginnen keinerlei Geld für ihren Sport, Lehrgänge müssen sogar privat finanziert werden. "Da muss ich meinen Eltern Rita und Edwin ein großes Kompliment machen, die mich toll unterstützen", sagt Sayer.

Einzig die Kosten für Ausrüstung und offizielle Turniere sowie Trainingslager direkt davor werden vom US-Verband finanziert. "In Lake Placid, wo wir uns fünf Wochen auf Mexiko vorbereitet haben, wurde zweimal am Tag trainiert. Danach gab es Physiotherapie, Eiswasserbecken und Luft-Kompressionsschuhe zur besseren Regeneration", schwärmt sie von hochprofessionellen Bedingungen.

Auch auf die Ernährung wurde geachtet: Hühnchenfleisch, Fisch und Reis standen auf dem Speiseplan. "Wobei man sich zum Nachtisch auch mal einen Schokopudding genehmigen konnte", erzählt Julia Sayer mit einem Augenzwinkern. (joe)

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