Bietet viel Stoff zur Diskussion: Thomas Middelhoff. - © Wolfgang Rudolf
Bietet viel Stoff zur Diskussion: Thomas Middelhoff. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Journalist Massimo Bognanni: "Middelhoff ist kein Opfer"

Reporter bringt Biografie über den Ex-Topmanager heraus

Martin Krause

Bielefeld. An Thomas Middelhoff scheiden sich die Geister. Einst ging es darum, ob er als Chef des Bertelsmann-Konzerns (bis 2002) und der Karstadt-Mutter Arcandor (bis 2009) ein Genie war oder lediglich ein Blender. Dann wurde verhandelt, ob er als Retter von Arcandor schuldlos scheiterte, oder ob er seinen Arbeitgeber kriminell geschädigt hat. Nun sitzt er, wegen Untreue zu drei Jahren verurteilt, seine Reststrafe als Freigänger in der Haftanstalt Bielefeld-Senne ab, und es wird weiter diskutiert. Ist sein Schicksal bedeutsam für die Öffentlichkeit? Middelhoff hat eine Antwort mit seinem Buch „A115 – der Sturz" gegeben. Der 64-Jährige gesteht eigene Fehler, macht Medien und Wegbegleitern schwere Vorwürfe, vor allem aber klagt er die Justiz an. Abläufe und Strukturen des Strafvollzugs in der Nazi-Zeit unterschieden sich „nur geringfügig" von denen im modernen Vollzug, schreibt er. Eine Justizreform sei nötig. Nun kommt die „erste Biografie über Thomas Middelhoff" auf den Markt. „Middelhoff – Abstieg eines Star-Managers", 288 Seiten von Massimo Bognanni, einem Investigativ-Reporter des Handelsblattes. Wendungen in Middelhoffs Karriere „Ich war seinerzeit 29 Jahre alt", erinnert sich Bognanni an seine erste Begegnung mit Middelhoff am 6. Mai 2014 im Essener Landgericht. Es war der Auftakt des Prozesses, an dessen Ende die Verurteilung und sofortige Verhaftung Middelhoffs stand. „Der Auftrag war ein Glücksgriff", frohlockt Bognanni, und er meint damit wohl, dass Middelhoff ihm viel Stoff zum Schreiben bot. Tatsächlich liefert der Autor einen Überblick über Middelhoffs Entwicklung seit seiner Jugend im Rheinland, er erzählt die immer neuen Wendungen in Middelhoffs Karriere, die Coups und Flops plausibel nach. Und er beschreibt auch Szenen und Details, die man so noch nicht gehört hat. Dabei zeichnet Bognanni das Bild eines Mannes, der keinesfalls von Anfang an ein Überflieger war – etwa, als er dessen Vorstellung beim früheren Bertelsmann-Chef Mark Wössner 1986 schildert: „Middelhoff, vor Wössner sitzend (...), passte nicht ins Beuteschema. Zweiter Bildungsweg, mäßige Noten, nicht einmal den Doktortitel hatte er mit 32 Jahren in der Tasche. Für Wössner nicht mehr als: Mittelmaß." Mehr als ein Drittel des Buches widmet Bognanni dem Weg Middelhoffs bei Bertelsmann, und Bertelsmann-Bezüge durchziehen die Biografie wie ein roter Faden – so wie „Big T’s" ganzes Leben. "Schmach von Gütersloh" Beiläufig fällt der Autor seine Urteile: „Egoismus und Egozentrik trieben ihn zu Karstadt-Quelle", schreibt er, als er über Middelhoffs schicksalhaften Sprung an die Spitze des damals (2004) schon angeschlagenen Handelskonzerns räsoniert. Er erinnert an die „unfassbaren Prämien" in dreistelliger Millionenhöhe, die Middelhoff sich von Großaktionärin Madeleine Schickedanz erhoffte, aber er diagnostiziert auch einen „Akt der Selbsttherapie". Denn „es ging ja um sein lädiertes Image und die Schmach von Gütersloh", analysiert der Autor mit Blick auf Middelhoffs Abgang bei Bertelsmann 2002. „Thomas Middelhoff ist kein Opfer", rechtfertigt Bognanni das Essener Urteil; die private Pleite 2015 führt er maßgeblich auf Middelhoffs „Luxusleben" zurück. Die Frage, ob der Pleitier von seinen Millionen etwas beiseite geschafft hat, kann der Autor freilich nicht beantworten. Mit vielen Fakten beladen und doch locker geschrieben, passagenweise etwas kurzatmig, aber durchaus spannend: Wer es mag, kann bei Bognanni nicht nur Middelhoffs Abstieg noch mal nachlesen, sondern auch seinen durch Fleiß und Glück bedingten Aufstieg – und wie er abhob.

realisiert durch evolver group