Wichtige Landebahnen: Landwirt Karl Schmid läuft im Weizenfeld durch ein Lerchenfenster. FOTO: DPA - © dpa
Wichtige Landebahnen: Landwirt Karl Schmid läuft im Weizenfeld durch ein Lerchenfenster. FOTO: DPA | © dpa

Wirtschaft Bauern testen zehn Jahre lang Maßnahmen zum Schutz von Vögeln

Freie Stellen im Acker werden auf konventionellen Höfen getestet - darunter ist auch ein Betrieb aus OWL

Christian Geisler
Hanna Gersmann

Berlin. Franz soll Bauern und Naturschützer versöhnen und die Ökologie auf dem Acker neu erfinden. Franz, genauer: „F.R.A.N.Z. – Für Ressourcen, Agrarwirtschaft & Naturschutz mit Zukunft", ist ein groß angelegtes Forschungsprojekt, das die Michael Otto Stiftung für Umweltschutz und der Deutsche Bauernverband gemeinsam betreuen. SPD-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks und ihr CSU-Kollege aus dem Agrarressort, Minister Christian Schmidt, die sich sonst um die Umweltverträglichkeit der Landwirtschaft vor allem streiten, haben das Vorhaben gemeinsam gestartet. Auf den intensiv genutzten Feldern, Wiesen und Weiden von bundesweit zehn herkömmlichen Höfen, soll in den nächsten zehn Jahren gezeigt werden, welche Maßnahmen sich für den Artenschutz lohnen und schließlich auch finanziell belohnt werden sollen – und welche nicht. Die teilnehmenden Landwirte werden beraten und gefördert. Für F.R.A.N.Z. stehen in den ersten drei Jahren allein 3,7 Millionen Euro bereit. So soll eine rücksichtsvollere Landwirtschaft entwickelt werden, die auch ökonomisch erfolgreich sein kann. „Der Handlungsbedarf ist da am größten, wo die Landwirtschaft am intensivsten ist", so Hendricks. Darum sei es „gut", wenn Naturschützer und Landwirte jetzt gemeinsam Lösungen suchten. Dramatischer Artenschwund Derzeit machen Biologen einen dramatischen Artenschwund aus. Drei von vier Vögeln, die eigentlich in der Agrarlandschaft hierzulande heimisch sind, gelten als gefährdet – darunter auch die Feldlerche. So werden die Testbauern Lerchenfenster anlegen – eine Art Bett im Kornfeld für die Vögel. Das sieht zunächst so aus als habe der Bauer geschlampt: Auf den Getreidefeldern bleiben etwa 20 Quadratmeter große Rechtecke kahl. Die Lerchen, die ihre Nester vorzugsweise in Äckern verstecken, fliegen auf sie. Sie suchen von den freien Flächen aus ihr Plätzchen zum Brüten und füttern von dort später ihre Jungen. In üppig bewachsenen Feldern findet die Lerche, die längst auf der Roten Liste der Brutvögel in Deutschland als gefährdet eingestuft wird, diese geeigneten Landebahnen zu selten. Die Wirkung soll groß, der Aufwand gering sein. Bringt der Bauer die Saat aus, stoppt er zwischendurch die Maschine, damit die freien Stellen mitten im Acker entstehen. Später muss er keine weitere Rücksicht nehmen. Einige Details sind allerdings entscheidend. Die Lerchenfenster dürfen nicht am Feldrand oder in unmittelbarer Nähe zu Bäumen liegen. Füchse oder Greifvögel hätten ein zu leichtes Spiel. Auch der landwirtschaftliche Betrieb von Jürgen Freiherr von Morsey-Picard-Windhorst aus Halle ist Teil des Projekts. Auf 250 Hektar Land baut er Getreide, Mais, Kartoffeln, Ackergras und Zuckerrüben an. Zudem besitzt er rund 300 Milchkühe. Der Landwirt habe sich über die Stiftung Westfälische Kulturlandschaft um seine Teilnahme beworben. „Ich möchte damit mehr Lebensraum für Tiere und Pflanzen schaffen", sagt der Ostwestfale. Lerchenfenster, Kiebitz-Inseln, Blühstreifen – das hört sich kleinteilig an, kann den Artenschwund aber stoppen. Das hat die Hope-Farm in Südostengland bereits gezeigt. Seit 2000 bewirtschaftet die Royal Society for the protection of birds – ein Umweltverband vergleichbar dem Naturschutzbund in Deutschland – den gut 180 Hektar großen konventionellen Betrieb. Seither vermehren sich dort die Feldlerchen. Zugleich zählt der Hof zu den zehn Prozent der profitabelsten Agrarbetriebe in der Region. Andernorts sind derweil die meisten Bemühungen zum Naturschutz verpufft. Die von der EU über Steuergeld geförderten Agrarumweltprogramme bringen „keine durchschlagende Wirkung", analysieren die Experten im Bundesumweltministerium. Die Maßnahmen seien nicht „zielgerichtet". Oft werden sie wohl auch nur halbherzig umgesetzt, zudem nur selten überprüft. ?¦ Meinungsbörse

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