Abwertung gehört für Lesben, Schwule und Trans* auch heute noch zum Alltag. - © picture alliance / empics
Abwertung gehört für Lesben, Schwule und Trans* auch heute noch zum Alltag. | © picture alliance / empics

Bielefeld "Abwertung gehört zum Alltag von Lesben, Schwulen und Trans*"

Markus Johannes, Landesgeschäftsführer des Schwulen Netzwerkes NRW, im Interview

Angela Wiese

Bielefeld. Der CSD Bielefeld steht 2017 unter dem Motto "Haltung zeigen - Gleichstellung jetzt". Schwulen, Lesben und Trans* bleibt diese Gleichstellung bislang verwehrt. Im Interview spricht Markus Johannes (43), Landesgeschäftsführer des Schwulen Netzwerkes NRW und Redner beim CSD Fachtag Bielefeld, über Toleranz, Abwertung im Alltag und die Bedeutung der "Ehe für alle". Der CSD Fachtag in Bielefeld fordert die Gleichstellung von Lesben, Schwulen und Trans*. Und fragt: Was können wir tun? Was können wir denn tun? Markus Johannes: Die eigentliche Frage ist: Wie können wir für Menschen, die in der Gesellschaft auf Hürden stoßen, diese Hürden abbauen? Dabei geht es nicht nur um Lesben, Schwule und Trans*. Jeder Einzelne ist gefragt, Vorurteile zu hinterfragen, um Antidiskriminierung, Antirassismus und Antisexismus voranzubringen. Gerade jungen Menschen müssen wir den Wert von Augenhöhe und Gleichberechtigung beibringen. Eine Gesellschaft wird ja nicht tolerant geboren. Wir dürfen dabei nicht nur auf die Lebenssituationen von Schwulen, Lesben und Trans* schauen, sondern auch auf die Stigmatisierung anderer Gruppen wie Menschen mit Behinderung und oder einem anderen kulturellen Hintergrund. Wir müssen Gleichstellung in einem größeren Kontext betrachten. Laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist eine Mehrheit in Deutschland für eine Gleichstellung von Lesben, Schwulen und Bisexuellen. Johannes: Es kommt darauf an, wie abstrakt so eine Frage gestellt wird. Je weniger einen etwas berührt, desto leichter kann man dafür sein. Wenn man weiter fragt, werden Vorbehalte schnell deutlich. Etwa wenn danach gefragt wird, wie es wäre, Schwule und Lesben als Nachbarn zu haben. Je näher das Thema an den Menschen ist und je konkreter die Inhalte, desto mehr Verunsicherung und Ablehnung gibt es. In der Tat gibt es solche konkreten Fragen in der Studie. 38 Prozent der Befragten bezeichnen es als unangenehm, wenn zwei Männer in der Öffentlichkeit ihre Zuneigung zeigten. Johannes: Deshalb ist es wichtig, Räume für Dialog zu schaffen. Wenn Menschen in ihrem Alltag mit Schwulen und Lesben zu tun haben, bauen sich die Vorbehalte auch wieder ab. Welche Rolle spielt Homophobie? Johannes: Ich habe den Eindruck, Feindlichkeiten gegenüber Schwulen und Lesben entstehen zumeist dann, wenn sich Menschen der eigenen Sexualität nicht sicher sind oder eigene Unzulänglichkeiten mit ihrer Sexualität nicht aufgearbeitet haben. Dabei meine ich nicht eine latente, heimliche Homosexualität. Je selbstbewusster Menschen mit der eigenen Sexualität umgehen, desto weniger Vorbehalte gibt es gegenüber der Sexualität anderer. Das zieht sich durch alle Schichten und ist keine Frage von Bildung oder gesellschaftlichem Stand. Was ist Homophobie? Johannes: Es ist eigentlich ein unpassendes Wort. „Phobie" bedeutet Angst. Nur wenige Menschen haben wirklich Angst vor Homosexualität. Es handelt sich eher um Feindlichkeit. Wie macht sich diese Feindlichkeit bemerkbar? Johannes: Beschimpfungen, Übergriffe und Abwertung gehören zum Alltag von Lesben, Schwulen und Trans* dazu. Gegen beabsichtigte Feindlichkeiten kann man rechtlich vorgehen. Doch oft sind es die unbewussten Abwertungen, die zeigen, dass man nicht ernst genommen wird und nur geduldet ist. Meine Schwester und ihr Partner zum Beispiel können heiraten und selbstverständlich Kinder großziehen. Ich kann das nicht. Da hat der „kleine" biologische Unterschied des Partners große Auswirkungen auf die Lebensplanungen und –wünsche eines Menschen. In der Gesellschaft entsteht durch eine solche Ungleichbehandlung der Eindruck: Wenn die nicht mal heiraten dürfen, dann sind die auch weniger wert. Man wird zurückgestuft in eine Bürgerschaft zweiter Klasse. Was bedeutet das für Homosexuelle im Alltag? Johannes: Ich bin seit 16 Jahren mit meinem Partner zusammen, mit dem ich seit sechs Jahren auch verpartnert bin. Es gibt zum Beispiel regelmäßig Situationen, wo wir auf der Straße nicht Händchen halten. Im Urlaub zum Beispiel, aber auch in Deutschland. Warum? Johannes: Aus Selbstschutz. Ich kann nicht darauf vertrauen, dass die Gesellschaft mich schützt, wenn ich angefeindet werde. Das sind auch heute noch Lebensrealitäten. Es gibt viele Menschen, die bei der Arbeit nicht über ihre Homosexualität sprechen, ihren Partner zum Beispiel nicht zum Firmenjubiläum mitbringen. Auch in einer Stadt wie Köln. Und natürlich überlegen sich Lesben und Schwule, ob sie wirklich ein Kind adoptieren möchte, wenn die Gesellschaft und die Regierung ihre Fähigkeit anzweifelt, diese auch vernünftig großziehen zu können. Wie sieht es konkret in Nordrhein-Westfalen aus? Johannes: In NRW haben wir eine hohe Alltagstoleranz erreicht. Nie zuvor konnte ein schwuler Mann selbstbewusst so unbehelligt leben wie heute in NRW. Das sah es zu anderen Zeiten und sieht es in anderen Regionen der Welt ganz anders aus. Wir müssen deshalb weiter daran arbeiten, den Wert von Vielfalt in der Gesellschaft als etwas Bereicherndes zu verinnerlichen. Sie sagen, ein Grund für Feindlichkeiten gegen Homosexuelle und Trans* liegt in der mangelnden Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität. Was ist außerdem ein Grund? Johannes: Es geht auch immer um Macht. Macht funktioniert durch Abwertung und Abgrenzung von anderen. Ob bei politischen Parteien, in der Religion oder beim sozialen Status. Und es geht um den Erhalt von Privilegien. Keiner Mann-Frau-Kind-Familie wird durch die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare etwas weggenommen. Aber gefühlt verliert die klassische Familie ihre vermeintliche Besserstellung und ihre Deutungshoheit über Moral und Norm. Hier ist es – nicht nur für uns – nötig, die alten Familienbilder aus dem 19. Jahrhundert zu hinterfragen und gemeinsam rechtliche und gesellschaftliche Antworten auf das verantwortungsvolle Zusammenleben von Menschen in der heutigen Zeit zu finden. Was würde eine gesetzlich ermöglichte „Ehe für alle" gesellschaftlich ändern? Johannes: Menschen bilden über Rollenmodelle und Vorbilder ihre Meinung. Ein positives Bekenntnis zu etwas motiviert Menschen, das anzunehmen. Dabei geht es mir nicht um political correctness. Respekt vor verschiedenen Lebensentwürfen muss gespürt und verinnerlicht, nicht formal aufgezwungen werden. Die Bundesregierung tut sich keinen Gefallen damit, die Gleichstellung von Lesben und Schwulen hinauszuzögern. Sie könnten viel versöhnen in der Gesellschaft, statt sie zu spalten.

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