ASchulalltag: Rund 50.300 Schüler besuchen in NRW Sekundarschulen, doch die Anmeldezahlen sind ruckläufig. - © picture alliance / dpa
ASchulalltag: Rund 50.300 Schüler besuchen in NRW Sekundarschulen, doch die Anmeldezahlen sind ruckläufig. | © picture alliance / dpa

Bielefeld/Düsseldorf Interesse an Sekundarschulen sinkt im Land NRW

Die Aufnahmezahlen sind rückläufig. Die FDP kritisiert die abwartende Schulpolitik der Landesregierung. Die Lehrergewerkschaften sehen vor allem auf dem Land Erfolge für das Konzept

Carolin Nieder-Entgelmeier

Bielefeld. Während in Bielefeld Tausende Eltern und Schüler um den Erhalt der einzigen Sekundarschule der Stadt kämpfen, sinkt das Interesse an der neuen Schulform im Rest des Landes. An rund 70 Prozent der 117 Sekundarschulen sind die Aufnahmezahlen rückläufig. Zudem nimmt die Zahl der Neugründungen ab und nur jeder zweite Gründungsversuch ist erfolgreich. Dieser Trend macht sich auch in OWL bemerkbar. An 14 der 18 öffentlichen Sekundarschulen sind die Aufnahmezahlen für das Schuljahr 2016/2017 rückläufig. Teilweise sinken die Zahlen bereits seit Jahren. Die Lehrergewerkschaften warnen jedoch davor, die Schulform als gescheitert zu betrachten. Die Sekundarschule ergänzt seit 2011 als integrierte Schulform das Angebot der Sekundarstufe I in NRW. Seit dem Schuljahr 2012/2013 wurden in OWL 18 öffentliche und vier private Sekundarschulen gegründet, wobei die Sekundarschule Bethel in Bielefeld aufgrund von Finanzierungsproblemen auslaufen soll, obwohl es seit der Gründung 2013 jedes Jahr mehr Anmeldungen als Plätze gab. In NRW wurden in den vergangenen vier Jahren 107 öffentliche und zehn private Sekundarschulen gegründet. Drei dieser Schulen sind nach Angaben einer Studie zum gemeinsam Lernen der Rosa-Luxemburg-Stiftung jedoch in Gesamtschulen umgewandelt worden. Zudem geht aus der Studie hervor, dass den fünf Neugründungen zum Schuljahr 2016/2017 bis zu 30 Sekundarschulen gegenüberstehen, die im Bestand gefährdet sind. Die Autoren der Studie, Marc Mulia und Peter Proff, bezeichnen die Sekundarschule deshalb als Flop. Sie halten die Schulform in Konkurrenz zur Gesamtschule für nicht überlebensfähig. Die Lehrergewerkschaften fordern eine differenzierte Bewertung. „Die Entwicklung der Sekundarschulen ist abhängig von der kommunalen Schulentwicklung und von sozialen Entwicklungen, wie dem Rückgang der Schülerzahlen und der Tendenz zu höheren Bildungsabschlüssen", sagt der Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW, Berthold Paschert. „Gibt es bereits Gesamtschulen in der Stadt, sind die Entwicklungsbedingungen für die Sekundarschule schwieriger, ist sie jedoch die Haupt- und Realschule ersetzende Schule vor Ort, hat sie mit den Anmeldungen in der Regel keine Probleme." Das bestätigt auch der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann: „In ländlichen Regionen hat die Sekundarschule eine gesicherte Zukunft." Deshalb fordert der Paderborner Erleichterungen bei Schulgründungen. Um eine öffentliche Sekundarschule zu gründen, sind derzeit drei Eingangsklassen à 25 Schüler nötig. „Eine Zweizügigkeit bei 48 Schülern sollte ausreichend sein, wie in anderen Bundesländern und bei privaten Trägern üblich", erklärt Beckmann. „Es ist völlig unverständlich, warum die Landesregierung privaten Trägern erlaubt, zweizügige Sekundarschulen zu gründen. Damit wird ein flächendeckendes öffentliches Schulwesen unterlaufen." In größeren Städten sind Sekundarschulen nach Angaben von Beckmann häufig nicht nötig, weil es bereits eine ausreichende Anzahl an Gesamtschulen gebe. Derzeit besuchen etwa 50.300 Schüler in NRW Sekundarschulen. Die Schulform umfasst die Jahrgänge 5 bis 10 und als Ganztagsschule angelegt. In der Sekundarschule lernen die Schüler in den Klassen 5 und 6 gemeinsam. Ab Klasse 7 wird der Unterricht entweder in integrierter, teilintegrierter oder kooperativer Form mit mindestens zwei Bildungsgängen angeboten. Doch darüber werden Eltern nach Angaben der bildungspolitischen Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion NRW, Yvonne Gebauer, nur unzureichend informiert. „Zudem bieten nur sehr wenige Sekundarschulen überhaupt kooperativen Unterricht an", moniert Gebauer. Die Landtagsabgeordnete kritisiert zudem, dass Sekundarschulen Realschulen ersetzen oder in Gesamtschulen umgewandelt werden. „Die Realschule ist eine erfolgreiche und von Eltern akzeptierte Schulform, die eine Alternative zur Gesamtschule und zum Gymnasium bietet. Ohne diese Alternative kommt es zu Konkurrenzsituationen, wenn es nur noch ein Gymnasium und eine Gesamtschule an einem Standort gibt." Das führe aufgrund sinkender Schülerzahlen auf Dauer zu einer Verschlechterung des Angebots in der Oberstufe. „Die rückläufige Aufnahmezahlen der Sekundarschulen belegen, dass Eltern die Schulform nicht annehmen", sagt Gebauer, die in diesem und im vergangenen Jahr die Anmeldezahlen aller Sekundarschulen bei der Landesregierung angefragt hat. „Wir haben die Landesregierung bereits 2015 auf die schwachen Zahlen aufmerksam gemacht, doch getan hat sich nichts."

realisiert durch evolver group