Depressionen, Ängste, Sucht - Warum leiden so viele Prominente darunter? - © picture alliance / empics
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Gesundheit Warum so viele Prominente unter Depressionen und Co leiden

Interview mit Prof. René Hurlemann, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Pychotherapie in Bonn

Angela Wiese

Linkin-Park-Sänger Chester Bennington war erfolgreich, beliebt - und er war krank. Der 41-Jährige hatte in der Vergangenheit öffentlich über seine Depressionen und Suchtprobleme gesprochen. Viele Prominente berichten von ähnlichen Erfahrungen. Sind Prominente von Depressionen eher betroffen als andere? Nein. Aber anders, sagt Prof. René Hurlemann, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Pychotherapie in Bonn. Im Interview spricht der 43-Jährige über Selbstwertkrisen, Verletzlichkeit und die Angst, alles zu verlieren. Viele Prominente berichten, dass sie Depressionen haben. Immer wieder nehmen sich Prominente das Leben. Sind Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, häufiger von Depressionen betroffen als nicht prominente Menschen? Oder bekommt das Thema bei ihnen nur mehr Aufmerksamkeit? René Hurlemann: Wahrscheinlich ist es beides. In Deutschland sind derzeit über 4 Millionen Patienten an Depressionen erkrankt. Ein besonders hohes Suizidrisiko haben Menschen mit bipolarem, das heißt manisch-depressivem Erkrankungsverlauf. Züge einer narzisstischen oder Borderline-Persönlichkeit können das Suizidrisiko bei einer Depression zusätzlich erhöhen. Suchen Menschen mit solchen Persönlichkeitsmerkmalen gezielter die Öffentlichkeit? Hurlemann: Es gibt Untersuchungen darüber, auch von deutschen Forschern, die zeigen, dass gerade Künstler und Entertainer solche Eigenschaften aufweisen und in die Öffentlichkeit drängen. Es sind eigentlich unsichere, mitunter schwer traumatisierte Menschen, die durch Beifall und Anerkennung ihr Selbstwertgefühl aufbauen. Sie brauchen den Zuspruch der Massen für die Selbstwertstabilisierung. Andersherum kann es zu schweren Selbstwertkrisen kommen, wenn der Erfolg ausbleibt. Das gilt auch für den privaten Bereich, zum Beispiel bei trennungsbedingten Kränkungen oder Zurückweisungen. Dazu kommt der bessere Zugang zu Drogen und Alkohol, was zusätzlich das Risiko erhöht, da dadurch die Steuerungsfähigkeit sinkt. Die Frage ist auch, wie impulsiv jemand ist. Dass jemand seine Ideen spontan in Handlung umsetzt, macht ihn vielleicht kreativ erfolgreich. Doch es erhöht auch das Risiko, dass er seine Suizidabsicht schneller verwirklicht. Warum gelingt Erfolg mit solchen Persönlichkeitszügen? Hurlemann: Es müssen verschiedene Dinge zusammenkommen. Die Persönlichkeit allein reicht sicher nicht aus. Talent ist bei Künstlern sehr wichtig und ist für den Beruf des Sängers oder Schauspielers unerlässlich. Ich glaube, gerade bekannte Künstler genießen das Bad in der Menge bis zu einem bestimmten Punkt. Irgendwann fängt es sie vielleicht an zu nerven, weil sie nirgendwo mehr privat sein können. Das erzeugt Stress. Besonders bei Menschen mit emotionaler Instabilität, weil es ihnen schwerfällt, diesen Stress zu regulieren. Das entlädt sich dann möglicherweise in grenzgängerischem Verhalten, zum Beispiel, indem der Mensch mit seinem Auto durch die Gegend rast oder unkontrolliert Drogen und Alkohol zu sich nimmt. Als Gesellschaft verdanken wir diesen Menschen unglaublich viel, weil sie uns viel von sich geben. Gleichzeitig sind sie aber aufgrund dieser Eigenschaften auch sehr verletzlich und das wird häufig nicht gesehen. Im Vergleich zu nicht prominenten Menschen: Ist das Risiko, zum Beispiel an Depressionen zu erkranken, höher als bei Menschen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen? Hurlemann: Grundsätzlich haben Prominente ein ähnliches Risiko zu erkranken wie jeder andere auch. Es gibt genetische und umweltbedingte Risiken. Die genetische Veranlagung können wir als Betroffene nicht beeinflussen. Aber die umweltbedingten Faktoren – beispielsweise unser Lebensstil – beeinflussen, wie viel Stress wir haben und wie wir diesen Stress managen. Chronischer Stress und das Gefühl, nichts dagegen ausrichten zu können, ist ein wichtiger Mechanismus für die Entstehung von Depression. Dies gilt im Grunde für alle Menschen. Bei Prominenten kommen aber unter Umständen noch narzisstische Persönlichskeitszüge dazu. Dann fällt es besonders schwer, Niederlagen, Rückschläge oder Kränkungen auszuhalten. Auch Drogen- und Alkoholkonsum haben Einfluss auf die Gehirnfunktion und vermindern eher die Fähigkeit, negative Emotionen und Stress zu regulieren. Welche Rolle spielt die heutige Öffentlichkeit mit ihren Bewertungsmechanismen in sozialen Netzwerken? Hurlemann: Ich denke, die öffentliche Zurschaustellung und Bewertung hat gerade in den letzten Jahren viel verändert. Es gibt zum Beispiel aktuell einen Trend zum perfekten Aussehen. Der Körper hat enorme Bedeutung für den Selbstwert erlangt. Prominente müssen häufig schon beim Verlassen des Hauses auf ihr Styling achten. Blendendes Aussehen, körperliche Fitness und Stärke sagen jedoch nicht viel über die psychische Verfassung aus. Sind Erfolg, Geld und Zuspruch nicht auch positive Faktoren, die jemandem aus der Krise helfen können? Hurlemann: Da habe ich erhebliche Zweifel. Denn wenn man selbst unsicher ist und viel Erfolg hat, gibt es auch Erfolgsdruck und die Furcht davor, zu versagen. Der nächste Film, das nächste Album muss wieder großartig werden. Geld kann zwar beruhigend wirken. Aber gerade Menschen mit viel Geld haben oft die tiefe Sorge, alles zu verlieren und zu verarmen. Manchmal auch, weil sie aus ärmlichen Verhältnissen stammen und ein Leben in Not kennen, das sie hinter sich lassen wollen. Es gibt Prominente, deren Krisen die Öffentlichkeit deutlich mitbekommt, weil man sie ihnen ansieht. Amy Winehouse oder Whitney Houston sind Beispiele aus der Vergangenheit. Wie kommt es zu solch krassen Abwärtsspiralen, wieso stoppt sie niemand? Hurlemann: Menschen erfreuen sich am Schicksal anderer oder leiden mit ihnen. Da gibt es durchaus eine Ambivalenz: Das Publikum bewundert Stars bis zum Exzess, empfindet aber auch Mitleid oder sogar Schadenfreude, wenn es bergab geht. Ein anderer Aspekt ist die Freiheit des Einzelnen darüber, ob er sich in einer Krise helfen lässt oder nicht. Hilfe in Krisen anzunehmen kann vom Betroffenen als Verlust von Autonomie missverstanden werden. Zumal eine Behandlung von Problemen wie zum Beispiel Amy Winehouse sie hatte, manchmal viele Monate dauern kann. Oft sind Prozesse der Nachreifung erforderlich. Aber unsere Zeit ist kurzlebig. Wer heute ein Star ist, ist morgen vielleicht schon keiner mehr. Kürzer zu treten, Termine abzusagen, wird als Schwäche ausgelegt und passt nicht ins Bild. Häufig scheint selbst das engere Umfeld überrascht, wenn ein Mensch sich das Leben nimmt. Warum ist es schwer zu erkennen, dass jemand so verzweifelt ist? Hurlemann: Abgesehen von Menschen, die einem plötzlichen Impuls nachgeben, vollzieht sich Suizidalität meist nicht spontan, sondern ist ein für den Außenstehenden schwierig zu erkennender, komplexer Prozess. Die Betroffenen ziehen sich sozial zurück, wollen niemandem mehr zur Last fallen, ziehen Bilanz. Das fällt nicht ohne Weiteres auf und macht es selbst für Familienmitglieder schwierig bis unmöglich, zu erkennen, was los ist. Wenn die Betroffenen dann aus der Verzweiflung heraus eine Suizidentscheidung treffen, wirken sie mitunter entspannter und gelöster. Das Umfeld kann dann sogar den Eindruck gewinnen, dass es ihnen besser geht und die depressive Krise vorbei ist. Mein Rat ist, das offene und intensive Gespräch mit den Betroffenen zu suchen und unter Umständen professionelle Hilfe hinzuziehen. Denn Depression lässt sich heute sehr gut behandeln. Anmerkung der Redaktion: Generell berichten wir nicht über Selbsttötungen, es sei denn, es gibt besondere Gründe für eine erhöhte Aufmerksamkeit. Wir halten uns möglichst zurück, da es bei Suiziden eine hohe Nachahmerquote gibt.Sollten Sie sich von besonderen Lebensumständen betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie 24 Stunden am Tag Hilfe und Beratung.

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