Diskutieren miteinander: Achim Post (v. l., SPD), die Schülerinnen Anna Berit Kröger und Jessica Weißbrich vom Gymnasium und Thorsten Augustin (Hanse Office). FotoS: Jemima Wittig - © Jemima Wittig
Diskutieren miteinander: Achim Post (v. l., SPD), die Schülerinnen Anna Berit Kröger und Jessica Weißbrich vom Gymnasium und Thorsten Augustin (Hanse Office). FotoS: Jemima Wittig | © Jemima Wittig

Lübbecke Ein Plädoyer für die Europäische Union

Europatag: 270 Schüler nahmen am Lübbecker Wittekind Gymnasium und der Berufsschule an Podiumsdiskussionen mit Vertretern aus Politik, Militär und Wirtschaft teil. Thema war auch Europas Ende

Jemima Wittig

Lübbecke. Der Bundestag war leer. Oder zumindest leerer. Am Mittwoch feierten das Lübbecker Wittekind-Gymnasium und das Berufskolleg wie viele andere Schulen auch Europatag und erhielten Besuch von Abgeordneten. Achim Post (SPD) stellte sich den Diskussionen an beiden Schulen. Heimspiel für den im Lübbecker Land geborenen 59-Jährigen. Morgens traf er am Gymnasium Thorsten Augustin, Leiter des Hanse Office in Schleswig-Holstein, und musste in einem Quiz gleich sein Wissen unter Beweis stellen. Während die beiden auf der Landkarte noch erkennen konnten, welches Land markiert war und welche Flagge zu welchem Land gehört, scheiterten sie an einem Bild von Robert Kalina, dem Designer der Euro-Banknote. Im Sozialkundeunterricht hatten die etwa 120 Schüler der Jahrgangsstufe EF den Tag mit ihren Kurslehrern vorbereitet. Dort fragte dann auch Lehrer Martin Holle Jessica Weißbrich und Anna Berit Kröger, ob sie nicht Lust hätten die Runde zu moderieren - sie hatten. Kurz vor der Diskussion waren die beiden dann aber doch ganz schön aufgeregt. "Aber ich freue mich auch, dass es gleich los geht", sagte die 16-jährige Jessica. »Wir müssen mit einer Stimme sprechen oder gar nicht« "Die Wahlbeteiligung bei der Europawahl ist ausbaufähig", sagte Schulleiter Eberhard Hagemeier. "Wir wollen, dass unsere Schüler ein politisches Verantwortungsbewusstsein entwickeln und begreifen, welche Bedeutung Europa für ihr Leben hat." Im kommenden Jahr möchte er sich mit seinem Gymnasium daher an der Initiative des Vereins Stockhausen für Europa beteiligen. Ziel der Gruppe ist eine Wahlbeteiligung von 80 Prozent im eigenen Ort. Außerdem plant die Schule, sich als Europa-Schule zu qualifizieren. "Wir haben schon internationale Projekte mit unseren Partnerschulen, behandeln Europa im Schulprogramm und haben ein bilinguales Sprachangebot", sagte Jessica Stefener vom Europa-Team. "Nur die Möglichkeit, ein mehrtägiges Praktikum in Europa zu absolvieren, bieten wir noch nicht. Das soll jetzt aber eingerichtet werden." Am Berufskolleg ist ein Auslandspraktikum während der Ausbildung bereits möglich. Von ihren Erfahrungen berichteten die Auszubildenden Jan Ehrich und Daniel Tramer in einer Diskussionspause. Fachinformatik-Azubi Ehrich etwa war drei Wochen lang in Exeter. "Meine Englischkenntnisse haben sich verbessert, ich habe neue Kontakte geknüpft und bin selbstständiger geworden", beschrieb er den Auslandsaufenthalt als Vorteil für sich und seinen Arbeitgeber. An der Berufsschule traf Post auf Frank Schäffler (FDP), Kai Büntemeyer, den geschäftsführenden Kolbus-Gesellschafter und den Bundeswehroffizier Sebastian Linke. Letzterer erreichte die Runde mit einiger Verspätung und brachte die 150 anwesenden Schüler mit der Aussage "Blöd, wenn die Bundeswehr ihr Ziel nicht findet", zum Lachen - er war statt in den Veranstaltungsraum der Schule in die Stadthalle gelaufen. »Den Grundstein für Verständnis legt man in der Jugend« Wie schon am Gymnasium ging es dann auch dort um die Zukunft der EU. "Ich halte eine Auflösung der Europäischen Union nicht für unmöglich", sagte Post. "Ein schleichender Prozess hat bereits begonnen", verwies er auf den Brexit. "Wir müssen entweder mit einer Stimme sprechen oder gar nicht", betonte er, dass für alle Mitgliedsstaaten die gleichen Rechte und Pflichten gelten und alle zusammenhalten sollten. "Wer gestern nicht für Europa war, sollte es heute sein", meinte Schäffler und verwies damit auf den US-Austritt aus dem Iran-Abkommen, den Präsident Donald Trump am Dienstagabend verkündet hatte. "Wenn wir stärker werden wollen, müssen wir zusammen halten, sonst merkt Trump das", sagte auch Post. Linke betonte ebenfalls, dass Stärke nur durch Gemeinschaft entsteht. Büntemeyer hob die Bedeutung des Binnenmarktes hervor. "Wenn Großbritannien aus dem Brexit austritt, haben wir von Kolbus vielleicht einen Schaden von nur 100.000 Euro durch den Zoll. Das kann aber hier in Rahden ein Arbeitsplatz sein, der nicht geschaffen wird." Alle würden von offenen Märkten profitieren, so Schäffler. Sowohl die, die die Waren verkaufen wollten, als auch die Käufer unter anderem durch Arbeitsplätze und damit ein Einkommen. Alle waren sich einig, dass auch nach dem Brexit die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Ländern und die Personenfreizügigkeit erhalten bleiben müssten. "Unter anderem eben auch für den Schüleraustausch", sagte Schäffler. "Denn den Grundstein für gegenseitiges Verständnis legt man am besten in der Jugend." Wurden am Gymnasium die Referenten getestet, nahmen die Schüler am Berufskolleg selber an einer Rallye teil und beantworteten vor der Podiumsdiskussion an verschiedenen Stationen etwa zur Europäischen Geschichte Fragen. In Kleingruppen traten etwa 400 Lernende gegeneinander an. Ein fünfköpfiges Team aus Automobilkaufleuten erzielte die höchste Punktzahl und bekam am Ende der Veranstaltung zur Belohnung von Organisator und Politiklehrer Daniel Kerkmann Sweatshirts überreicht.

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