Trotz einer Gesamtlänge von rund 1.300 Metern säumen nicht einmal zwei Dutzend Anlieger den Wegesrand. Vor allem Felder prägen das Umfeld in diesem Bereich des nördlichsten Stadtteils Dünne. - © FOTO: JÖRG MILITZER
Trotz einer Gesamtlänge von rund 1.300 Metern säumen nicht einmal zwei Dutzend Anlieger den Wegesrand. Vor allem Felder prägen das Umfeld in diesem Bereich des nördlichsten Stadtteils Dünne. | © FOTO: JÖRG MILITZER

Legendärer Händedruck

Denkbar, dass hoch im Bünder Norden einst Hengist und Horsa ihren Bund schlossen

VON JÖRG MILITZER

Bünde. Wer kennt sie nicht, die Sage von den Brüdern Hengist und Horsa die sich auf einem Feld bei Dünne die Hand gereicht haben und einen Bund zur Eroberung Englands schlossen. Dies soll sich im 5. Jahrhundert zugetragen haben, lange bevor gesicherte Aufzeichnungen über das Bünder Land angefertigt wurden. Die NW forschte nach: Was ist überliefert über diese Recken, die vermeintlich das Stadtwappen zieren? Und verweist "Hengsthorst" als Straßenname wirklich auf diese legendäre Begegnung?

Auch wenn in diesem Jahr die Geschichte der Varusschlacht, bei der der germanische Arminius die Legionen der römischen Besatzer in unserer Region das Fürchten gelehrt haben soll, auf mittlerweile zwei Jahrtausende zurückblickt, fand die Anwesenheit der Römer im Jahre 9 natürlich kein schlagartiges Ende. Noch mehrere hundert Jahre nahmen sie Einfluss auf die Entwicklung weiter Teile Europas.

Dennoch waren zahlreiche germanische Völker, allen voran die Angeln und die Sachsen, bemüht, sich gegen die römische Vorherschaft zur Wehr zu setzen und fanden sich etwa ab dem 5. Jahrhundert zusammen im Volk der Angelsachsen. Eben diesem Volke sollen die Brüder Hengist und Horsa angehört haben, die dem Werben des römisch-keltischen Kriegsherrn Vortigem gegen Entlohnung als Söldner nach Britannien zu kommen, folgten und dort die Römer in die Flucht geschlagen haben sollen.

Nachdem bereits im 6. Jahrhundert der Geschichtenschreiber Gildas von dieser germanischen Invasion berichtet hat, verdanken wir Aufzeichnungen über dieses Ereignis dem Chronisten Beda Venerabilis, der etwa um 730 das Jahr auf 449 datierte und auch erstmals die Namen unserer beider Helden niederschrieb. Da die Römer aber, wie aus anderen Quellen hervorgeht, Britannien bereits um das Jahr 410 den Rücken kehrten, scheiden diese als Gegenspieler von Hengist und Horsa aus.

Doch hinterließen die Römer auch hier nicht nur Überbleibsel ihrer Kultur, sondern ein Machtvakuum, das die Spielfläche für die kriegerischen Auseinandersetzungen des bereits erwähnten Vortigem ebnete. Als nun die angelsächsischen Söldner in dieses Machtgerangel mit einbezogen wurden, schossen sie weit über das Ziel hinaus und machten sich selbst zu den Königen der von den Römern als Cantium bezeichneten Region. So ging Hengist von 455 und 473 als der erste König von Kent in die im 9. Jahrhundert verfasste angelsächsische Chronik ein, gefolgt von Bruder Horsa der nochmals 15 Jahre auf dem Thron Platz genommen haben soll.
So weit die Sage, doch eine wirkliche Existenz und Anwesenheit der beiden Recken lässt sich historisch damit nicht belegen. In altem Kartenmaterial taucht aber neben Habighorst und Rabenhorst als Flurbezeichnung auch der Begriff "Hingsthorst" auf.

Sprachgeschichtlich gesehen die Bezeichnung für eine kleine, bewaldete Anhöhe, die mit einem Hengst in Verbindung gebracht wird, also gewissermaßen eine Hengstheide. Ob sich die Dünner Gemeindevertretung bei der Straßenbenennung im November 1965 hier "nur" den Flurnamen oder aber die Deutung als Ort eines vermeintlich historischen Bundes zum Anlass nahm, ist leider nicht überliefert.
    

Copyright © Neue Westfälische 2017
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group