Hält die Erinnerung hoch: Ein junges Mädchen bei der Kundgebung der Aramäer und Assyrer im Frühjahr. Mit einer offiziellen Erklärung macht jetzt auch der Gütersloher Stadtrat deutlich, wie wichtig das Gedenken an die damaligen Geschehnisse ist. - © Patrick Menzel
Hält die Erinnerung hoch: Ein junges Mädchen bei der Kundgebung der Aramäer und Assyrer im Frühjahr. Mit einer offiziellen Erklärung macht jetzt auch der Gütersloher Stadtrat deutlich, wie wichtig das Gedenken an die damaligen Geschehnisse ist. | © Patrick Menzel

Gütersloh Stadt erkennt den Seyfo an

Fraktionen verabschieden einstimmig eine Erklärung / Aramäer und Assyrer äußern sich zufrieden

Ludger Osterkamp

Gütersloh. Die syrisch-orthodoxen Kirchengemeinden werden ihr Mahnmal zum Gedenken an den Seyfo von 1915 aller Voraussicht nach auf dem Ehrenfriedhof Unter den Ulmen errichten. Mit der katholischen Gemeinde St. Pankratius, Inhaber des in Frage kommenden Grundstückes, seien darüber bereits Gespräche geführt worden, berichtete der Sprecher der Seyfo-Gruppe, Johann Roumee, am Freitag. Zugleich sagte er, die Aramäer und Assyrer seien zufrieden mit der Erklärung, die die Politiker im Stadtrat gestern Abend einstimmig beschlossen. Die Aramäer und Assyrer sähen es als positiv an, dass in der Erklärung auf die Worte des Bundespräsidenten Gauck Bezug genommen wird, der die damaligen Massaker durch das Osmanische Reich als Völkermord bei einer Gedenkveranstaltung im April ebenso wie der Bundestag als Völkermord bezeichnet hatte. „Für uns ist diese Resolution wichtig“, sagte Roumee. Sie bedeute faktisch, dass Gütersloh die Wahrheit des Völkermordes anerkenne und sie auch so benenne. „Das war für uns entscheidend.“ Der politische Sprecher der Aramäer und Assyrert, CDU-Ratsherr Ischo Can, sagte in einer persönlichen Erklärung, die Resolution habe einen ebenso hohen Stellenwert wie das Mahnmal selbst. „Das ist ein Meilenstein. Meiner Kenntnis hat es in Deutschland eine vergleichbare Erklärung bislang nicht gegeben.“ Dass Gütersloh, Siedlungsschwerpunkt dieser Volksgruppen, diese Erklärung nun so beschlossen habe, sei „eine große Sache“. Die unterschiedlichen Ansichten zum Mahnmal-Standort könne die aramäisch-assyrische Seite akzeptieren, da in der Erklärung die historische Wahrheit klar benannt werde, und ohne Wahrheit, wie es schon Gauck gesagt habe, kein Versöhnen funktionieren könne. Mit der Verabschiedung dieser Erklärung hat der Stadtrat die politische Debatte über das Thema beendet. Den Wortlaut hatten die Ratsvertreter am Runden Tisch, einem zur Lösung der Fragen einberufenen Gremium, vorbereitet. Auch der Runde Tisch ist nun aufgelöst. Lediglich die Vertreter der Linke brachten am Freitag noch einen Änderungswunsch am Text an. Fraktionssprecher Manfred Reese schlug, ebenfalls Bezug nehmend auf Gauck, eine noch pointiertere Formulierung vor, die auch die Mitverantwortung des Deutschen Reiches, damals Bündnispartner, der Osmanen, erwähnt. Die Ratsmehrheit lehnte den Antrag ab, im wesentlichen jedoch nur, um sich nicht erneut in Textmodifikationen zu verlieren, eine erneute Debatte zu führen und am Ende gar die Einstimmigkeit zu gefährden. Stattdessen gaben die Fraktionsvertreter nur noch vereinzelt Statements ab. Raphael Tigges (CDU) sagte, er halte die Erklärung für einen weitreichenden und bedeutsamen Abschluss der Debatte. Im Sinne eines friedvollen Miteinanders in Gütersloh sei es wünschenswert, wenn die Vertreter der verschiedenen ethnischen Gemeinschaften im Gespräch miteinander blieben. Thomas Ostermann (SPD) zitierte aus der berühmten Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker von Mai 1985, der folgendes gesagt hatte: „Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahr.“ Der Stadtrat wolle kein Mahnmal, das Wunden aufreiße, sondern Erinnerung. Dafür sei die gesamte geführte Debatte wichtig gewesen. Hans-Peter Rosenthal (Grüne) sagte, die Erklärung habe hohe symbolische Bedeutung. Sie stelle einen Beitrag zum inneren Frieden in Gütersloh dar. Die Grünen, ursprünglich Befürworter eines Mahnmales auf öffentlichem Grund, hätten ihre Meinung dazu geändert, weil aus der Reaktion der Türken – „die wir nicht gutheißen können“ –, zu erkennen gewesen sei, dass der Frieden mit einem öffentlichen Mahnmal bedroht gewesen wäre.

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