Literatur und Sound: So ähnlich könnte es aussehen, wenn jemand ein aBook liest. - © picture alliance / Bildagentur-online/Tetra-Images (Symbolbild)
Literatur und Sound: So ähnlich könnte es aussehen, wenn jemand ein aBook liest. | © picture alliance / Bildagentur-online/Tetra-Images (Symbolbild)

Literatur aBook: Wie ein Startup das Lesen verändern will

Das Startup isle Audio will die Welt hinter den Buchstaben klanglich beschreiben

Angela Wiese

Könnte das aBook das Lesen revolutionieren? Literatur-Fans können gespannt sein auf die Idee, die das Startup isle audio gerade umsetzt. Im Interview erklärt einer der Firmengründer, wie Klang das Lesen verändern könnte und welche Reaktionen es auf den Prototypen des aBooks gab. Herr Hill, Sie wollen Literatur mit Ton ergänzen und auf diese Weise neu erlebbar machen. Können Sie die Idee genauer beschreiben? Hill: Ich lese sehr gerne und wie meine beiden Teammitglieder studiere ich Musikdesign an der Musikhochschule in Trossingen. Die aBook-Idee entstand bereits 2014. Die Frage war: Wie kann man eine klangliche Welt schaffen, die genau zu dem passt, was man gerade liest? Es geht darum, die Welt hinter den Buchstaben klanglich zu beschreiben, Emotionen zu verdeutlichen, Musik für Bücher zu schreiben und den Klang synchron zum gelesenen Wort zu hören. Ist das die nächste Stufe nach dem eBook? Hill: Ich glaube, dass das aBook auf lange Sicht Schrift revolutionieren könnte. Was genau passiert beim Lesen eines aBooks? Hill: Ein aBook soll, mithilfe von Eye-Tracking, beim stillen Lesen die Welt hinter den Buchstaben klanglich beschreiben. Dadurch, dass das Buch weiß, welches Wort beim Lesen betrachtet wird, können wir Musik und Sound interaktiv zum gedachten und erfassten Wort automatisch steuern. Wenn Sie zum Beispiel gerade im aBook lesen, dass sich jemand von hinten anschleicht, werden Sie in diesem Moment passende Geräusche im Kopfhörer hören, das Prasseln eines Lagerfeuers oder die Musik eines Spielmanns auf einem mittelalterlichen Markt. Die gesamte klangliche Welt passt sich akkurat der Lesegeschwindigkeit des Lesers an. Menschen können beim Lesen eines aBooks viel besser in die Geschichten eintauchen. Die Vertonung erweitert den Text und macht das Lesen spannender. In Zukunft, wenn die Eye-Tracking-Technik ausgereift ist und in Endgeräten verbaut ist, könnte man aBooks zum Beispiel auch mit Kopfhörern im Zug lesen und wäre dann nicht mehr durch Hintergrundgeräusche abgelenkt. Oder aBooks könnten das Erlernen von Fremdsprachen erleichtern. Wenn man einen Text in einer anderen Sprache liest, könnten mir die Umgebungsgeräusche beim Verstehen des Inhalts helfen. Welche Bücher kommen infrage? Hill: Theoretisch sind keine Grenzen gesetzt. Man kann sich für aBooks mit allen literarischen Formen auseinandersetzen. Wir wollen uns erst mal auf Kinderbücher spezialisieren und lizenzfreie Literatur verwenden, zum Beispiel Max und Moritz von Wilhelm Busch. Gibt es auch Grenzen bei der Vertonung von Büchern? Hill: Theoretisch nicht. Aber man kann ein Buch nicht von vorne bis hinten komplett vertonen. Irgendwann ist auch ein Punkt erreicht, wo es still sein muss. Das ist wie im Film. Möglicherweise gibt es auch Bücher, für die eine Vertonung nicht sinnvoll ist. Sind die Texte in aBooks anders als die Texte in gedruckten Büchern oder eBooks? Hill: Es geht nicht nur darum, Bücher zu vertonen, sondern auch darum, dass Autoren Texte und Klang in einer Einheit gezielt für aBooks schreiben. Es gibt im aBook einen Dialog zwischen Text und Vertonung. Die Vertonung könnte zum Beispiel Spannung erzeugen, was im Text gar nicht zum Ausdruck kommt. Die Wortwahl wäre dann ruhig, der Ton würde die Spannung steigen lassen. Das ist wie beim Film: In Stummfilmen haben die Schauspieler noch viel Mimik und Gestik benutzt, um etwas auszudrücken. Im Tonfilm konnte man vieles auf Sprache, Musik und Sounddesign übertragen. Haben Sie bereits Technik, die man testen kann? Hill: Einen Prototypen unseres aBooks haben wir bei der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Dafür haben wir zwei Geschichten verwendet, eine davon extra für uns geschrieben von Linda Kokkores. Die andere war ein Kapitel aus Iwein Löwenritter von Felicitas Hoppe, einer Geschichte für Kinder. Für die Leipziger Buchmesse in diesem Jahr planen wir ein bis zwei zusätzliche Beispiele und wollen außerdem zeigen, wie Bilder mit Klang funktionieren können. Bis dahin soll auch eine App fertig sein. Die App funktioniert dann schon als aBook? Hill: Die App funktioniert vorerst ohne Eye-Tacking, weil dafür noch ein externen Gerät nötig ist. Wir sind derzeit noch auf der Suche nach Partnern, mit denen wir eine passende Hardware entwickeln können. In der App, die es kostenlos geben wird, wird der Ton dadurch ausgelöst, dass man mit den Fingern über die Worte streicht. Erste Inhalte sollen auch kostenlos sein. Später kosten Bücher etwas. Die Preise legen die Verlage fest. Wie haben die Tester auf der Frankfurter Buchmesse reagiert? Hill: Kinder, die nach eigenen Angaben oder nach Angaben der Eltern eigentlich wenig lesen, haben plötzlich eine halbe Stunde hinter den Geräten verbracht und die Geschichten durchgelesen. Vielleicht kann es über aBooks gelingen, Kinder zum Lesen zu bewegen. Auch Erwachsene selbst waren begeistert. Circa 80 Prozent der Leute an unserem Stand können sich vorstellen, Bücher vertont zu lesen. Es gab natürlich auch Ängste. Etwa, dass man irgendwann ganz vom Buch abkommt, es keine gedruckten Bücher mehr geben wird. Wir wollen allerdings die Menschen wieder zum Lesen zurückbringen. Mit einer Neuheit das Lesen spannender machen, sodass es immer noch Lesen bleibt. Welches Buch würde Sie gerne mal als aBook herausbringen? Hill: Es gibt ein Buch, das ich wahnsinnig gerne vertonen würde: Tintenherz von Cornelia Funke. Die Thematik dieses Buchs passt zu dem, was wir gerne machen wollen. Mehr Umfragen gibt's im NW-Leserforum.

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