Vor den Büchern der Mönche: Angelika Högers elektrische Papierblume steht auf dem Tisch, das Objekt rechts bringt Buchstaben aus Draht auf einem Trommelfell zum Klingen. Ein Tipp für Flaneure: Im Schaufenster von Digitalcourage in der Marktstraße 18 ist zurzeit eine Zeichenmaschine von Höger ausgestellt. - © Foto: Andreas Zobe / NW
Vor den Büchern der Mönche: Angelika Högers elektrische Papierblume steht auf dem Tisch, das Objekt rechts bringt Buchstaben aus Draht auf einem Trommelfell zum Klingen. Ein Tipp für Flaneure: Im Schaufenster von Digitalcourage in der Marktstraße 18 ist zurzeit eine Zeichenmaschine von Höger ausgestellt. | © Foto: Andreas Zobe / NW

Kultur „Manche Dinge brauchen Zeit“

Mein Bücherregal (16): Angelika Höger hütet einen Bücherschatz aus einer aufgelösten Privatbibliothek irischer Mönche. Der soll Besucher zu Kunstprojekten anregen

Anke Groenewold

Bielefeld. In einem alten Buch stieß Angelika Höger auf Anleitungen zum Falten von Papierblumen, illustriert mit filigranen Zeichnungen. Das war das Ausgangspunkt für ihre elektrische Papierblume. Schaltet man sie ein, fächert sie beim Drehen ihre Blätter aus feinen Papierstreifen auf. Rauminstallationen und kinetische Objekte aus Alltagsgegenständen sind die Spezialität von Angelika Höger, die seit neun Jahren im Künstlerhaus Artists Unlimited lebt. „Meine Kunst ist oft durch Bücher oder etwas, das ich gelesen habe, inspiriert“, sagt die 51-Jährige. Ihr Bücherregal ist speziell. Auffällig sind die kleinen Sternchen auf den Buchrücken. Aufkleber, wie sie in Bibliotheken zu finden sind. Tatsächlich ist Angelika Höger nicht Eigentümerin der über 200 englischsprachigen Bücher. Sie sind eine Leihgabe der irischen Künstlerin Helen Horgan und Teil eines größeren Bücherschatzes. 2009 rangierten irische Franziskanermönche über 4.000 Bücher aus vier Jahrhunderten aus, für die nach der Renovierung ihres Kloster kein Platz mehr war. Helen Horgan übernahm den privaten Lesestoff der Mönche. Die Mönche lasen über Spionage, Wein und Johnny Cash Bei einem mehrwöchigen Artists-in-Residence-Progamm im irischen Cork stieß Angelika Höger 2014 auf Horgans Sammlung und war fasziniert. Inzwischen sind Teile der Bibliothek international unterwegs. Turin, Dublin und Bielefeld sind neben dem Hauptstandort Cork die Satelliten dieses „analogen Netzwerks“, so Höger. Die Bücher sollen allen Menschen zugänglich sein, die sie für eigene Projekte nutzen können. Angelika Höger suchte sich für „ihr“ Modul Schwerpunkte aus. Sie wählte Bücher „mit kulturellen Handlungsanweisungen“, also Anleitungen und Ratgeber, Bücher über Tier- und Pflanzenwelt, Naturwissenschaften und Gärtnern. Aber auch Bücher über Spionage, Wein, Keramik, Kunsthandel, Johnny Cash, den Kennedy-Clan oder Sue Townsends jugendlichen Roman-Helden Adrian Mole stehen in dem kleinen Zimmer. Der eingangs erwähnte Band „Instructive and Ornamental Paper Work“ gehört ebenso zu Högers Lieblingsbüchern wie „The Art of Amusing“ – die Kunst der Unterhaltung mit Tipps zu Verkleidungen, Tricks und Scharaden – oder ein kunstvoll illustrierter Führer durch die Insektenwelt. Eine dicke Abhandlung zum Thema Enthusiasmus Den Fotoband „Germany“ aus dem Jahr 1950 nimmt sie gern mit auf Reisen, um die abgebildeten Orte zu suchen und das Damals mit dem Heute zu vergleichen. Höger zieht eine dicke Abhandlung zum Thema Enthusiasmus hervor und sagt trocken: „Wenn man länger darin liest, ist man nicht mehr so enthusiastisch.“ Im Band „How to Compose“, einer Anleitung für angehende Komponisten, findet Höger eine Verbindung zu ihrem eigenen Werk, sei eine Rauminstallation doch nicht nur visuell. „Gerade wenn sie motorisiert ist, ist der Klang sehr wichtig“, sagt sie und schaltet eins ihrer Objekte an: Angetrieben von einem Grillmotor, schaben aus Draht gebogene Buchstaben leise an einem Trommelfell. Nicht nur Angelika Höger findet Inspiration in den Büchern. Ein Buch über Tierpräparation ist mit der Installation „Schöne neue Welt“ der Osnabrücker Künstlerin Christine Hoffmann verknüpft. Die Bielefelder Künstlerin Gabriele Undine Meyer war angetan von einer Anleitung zum Schreibmaschinenschreiben. Nicht nur bildende Künstler finden zwischen Bänden wie „You can change the world“ – Du kannst die Welt verändern – und „How Radar Works“ – So funktioniert Radar“ Anregungen: Vier Autorinnen des Rumpelstilzchen-Literaturprojekts, einer Arbeitsgemeinschaft des Widukind-Gymnasiums Enger, ließen sich zu Gedichten inspirieren. Im internationalen Netzwerk sind sehr unterschiedliche Arbeiten entstanden, darunter Musik, Theater, Performances, Installationen, Videos. Angelika Höger liest nur analog „Oft sind es kleine Sachen, die den Impuls geben“, weiß Höger. Zum Beispiel die verzierten Anfangsbuchstaben in einem alten Buch, die ihre irische Kollegin Helen Hogan in dreidimensionale Objekte verwandelte. Wann und in welcher Weise die Begegnung mit der Bibliothek künstlerisch Früchte trage, sei unvorhersehbar. „Manche Dinge brauchen Zeit“, sagt sie. Angelika Höger, die in aus Freiburg stammt und in einem bücherreichen Elternhaus aufgewachsen ist, besitzt natürlich auch noch ein privates Bücherregal. Sie liest Romane ebenso gern wie Sachbücher, aber analog muss es sein. Es fällt ihr schwer, sich von Büchern zu trennen. Zu gern nimmt sie Exemplare wieder zur Hand, die sie vor langer Zeit gelesen hat. „Es ist spannend zu schauen, was man früher angestrichen hat“, sagt sie. „Heute findet man vielleicht anderes wichtig.“ Auch der Austausch mit anderen ist ihr wichtig, etwa im kleinen Lesekreis des Künstlerhauses. ´ Wer sich die Bücher der Mönche anschauen will, kann mit Angelika Höger einen Termin vereinbaren: info@angelika-hoeger.de. Mehr englischsprachige Informationen über die sogenannte LFTT Library im Netz unter www.thelfttlibrary.com.

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