Jessica aus Paderborn bekam in der aktuellen Folge einen innigen Kuss von Daniel Völz. - © Mediengruppe RTL D
Jessica aus Paderborn bekam in der aktuellen Folge einen innigen Kuss von Daniel Völz. | © Mediengruppe RTL D

Kommentar Warum "Der Bachelor“ total sexistisch ist, ich die Sendung aber trotzdem verfolge

RTL-Sendung propagiert ein Frauenbild, das auf Geld, Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeit setzt

Annika Falk-Claußen

Ok, ich gebe zu: Ich schaue regelmäßig „Der Bachelor". Jedoch frage ich mich bei jeder Folge, warum ich das mache. Junge, durchaus intelligente Frauen, die sich jeden Abend aufbrezeln und darauf hoffen, von einem Mann eine Rose zu bekommen. Die beim ersten Aufeinandertreffen kreischen: „Oh, sieht der schön aus!" Ist das lustig oder muss man diese Sendung kritisch hinterfragen? Ist das ein Frauenbild, das Vorbild für junge Mädchen sein sollte? Sexistischer geht es kaum: 22 Frauen, alle Traummaße, fast alle lange Haare, immer perfektes Make-Up, aufeinander abgestimmte Outfits. Und jede hofft, dass sie die Schönste für den "Bachelor" ist. Und mit ihm ein Luxusleben unter der Sonne Floridas führen kann. Die Sendung vermittelt, was in dieser Fernsehwelt wichtig ist: Geld, Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeit. Frauen werden in dieser Sendung nicht ernst genommen. Kein Wunder: Die Kandidatinnen, die keine Teenies sind und "Ladys" genannt werden, schreien häufig, als würde ihre liebste Boygroup vor ihnen stehen und nicht ein (ebenfalls) erwachsener Mann. Bei der Premiere 2003 – danach folgten neun Jahre Pause – forderten einige Politikerinnen, das Format abzusetzen. Bei der Wiederauflage folgte kaum Kritik. Dabei sollte man nicht nur das propagierte Frauenbild, sondern auch das Männerbild kritisieren. Denn die „Bachelors" der vergangenen Staffeln waren meist total klischeehaft und austauschbar: liebten Autos und/oder dicke Motorräder, gingen gerne ins Fitnessstudio und - ganz toll! - allen war Familie enorm wichtig. Wenige Beziehungen überdauern die Sendung Es bleibt oberflächlich. Bei den Dates geht es nicht darum, sich besser kennen zu lernen, sondern darum, dass RTL tolle Bilder bekommt. Statt tiefgründiger Gespräche (bringt keine Quote) gab es in der zweiten Folge beim Gruppendate ein Fotoshooting, bei dem möglichst viele Teilnehmerinnen möglichst viel Haut zeigten. Keine Zeit, den "Auserwählten" nach seinen Werten oder seiner Lebenseinstellung zu befragen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum von den Bachelor-/Bachelorette-Paaren der vergangenen Jahre nur noch zwei liiert sind. Die Beziehungen halten meist nicht mal bis zum Ausstrahlungstermin. Die Paare lernen sich eben nur oberflächlich kennen und merken im Alltag, dass sie nicht zusammenpassen. Es geht in der Sendung nicht um Beziehungen und Gefühle. Es dreht sich alles um den quotentreibenden Zickenkrieg und ein wenig Knutscherei. Ja, viele Frauen lästern gerne, da will ich mich gar nicht ausnehmen. Aber derartige Stutenbissigkeit unterhalb der Gürtellinie? Habe ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis noch nie erlebt. Fragwürdig ist zudem, dass der "Bachelor" sich zwar zwischen den Kandidatinnen entscheiden kann, diese wiederum den Junggesellen alle attraktiv finden (müssen). Wo sich doch über Geschmack so trefflich streiten lässt. Doch es passiert nur äußerst selten, dass eine Kandidatin freiwillig geht, weil sie merkt, dass die Chemie nicht stimmt. Meist hat der frühe Abgang andere Gründe: Clarissa schmiss in Folge 2 hin, weil sie sich nicht vorstellen konnte, in Florida zu leben. Auch eine Espelkamperin, die 2014 teilnahm, ging freiwillig, weil ihr das ganze Drumherum zu viel war. Die meisten Frauen scheinen nicht so wählerisch zu sein. Der jeweilige "Bachelor" ist immer ihr absoluter Traummann. Kusskünste werden heiß diskutiert Aber warum gucken dann so viele ebenfalls junge, intelligente Frauen  die RTL-Sendung? Immerhin schalten derzeit jeden Mittwoch mehr als drei Millionen Zuschauer ein. Vielleicht hat es mit Voyeurismus zu tun. Oder mit der Illusion, dass doch nur der schöne Schein zählt. Im Grund geht es mir aber einfach um gute Unterhaltung. Nicht viel nachdenken, etwas fremdschämen, viel Lachen und - klar - ein wenig lästern. Dazu kommt noch eine Prise Mitleid mit dem "Bachelor", denn eigentlich hat die Sendung viel mit Feminismus zu tun. Die Fleischbeschau wird nämlich auch umgedreht. Der "Bachelor" ist quasi Freiwild, über dessen äußere Körpermerkmale und Kusskünste heiß diskutiert wird. Und es wurde schließlich keine der "Ladys" gezwungen, an der Sendung teilzunehmen. Sie machen das freiwillig. Ist das nicht auch ein Stück weit Emanzipation?

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