Direktor des Turniers, das bald nicht mehr Gerry Weber Open heißt: Ralf Weber. - © Wolfgang Rudolf
Direktor des Turniers, das bald nicht mehr Gerry Weber Open heißt: Ralf Weber. | © Wolfgang Rudolf

Interview Ralf Weber: "Das Tennisturnier ist unsere Zukunft"

Durch die Insolvenz des Modekonzerns gerieten auch die Gerry Weber Open in die Schlagzeilen. Turnierdirektor Ralf Weber über die künftige Ausrichtung des Rasenklassikers, Krisen und Höhenflüge von Tennisprofis sowie ein exzellentes Teilnehmerfeld 2019

Stephanie Fust
07.06.2019 | Stand 07.06.2019, 19:46 Uhr

Herr Weber, Sie sind seit 28 Jahren Ausrichter eines Tennisturniers. Was macht die Sportart für Sie so faszinierend? Ralf Weber: Dahinter steckt eine Familiengeschichte, die mein Vater begonnen hat. Ich spiele seit meinem 14. Lebensjahr selbst Tennis – übrigens jetzt wieder in der U-50-Westfalenliga-Mannschaft des TC Blau Weiß Halle – und habe mich immer mit diesem Sport verbunden gefühlt. Über das Hobby, meine jahrelange Vereinsarbeit bei Blau Weiß und schließlich über unsere unternehmerischen Tätigkeiten mit dem Bau der Tennishalle und dem Sportpark. 1991, nach dem Aufstieg der Herrenmannschaft des TC Blau Weiß in die Regionalliga, waren wir dermaßen euphorisiert, dass wir tiefer in die Tennisszene einsteigen wollten. Es folgten das erste Challenger-Turnier, der Bau des Stadions und dann die Gerry Weber Open. Als Turnierdirektor bin ich auch eingebunden in die Gespräche mit der ATP – es ist immer spannend, es gibt immer neue Entwicklungen und neue Projekte. Das fasziniert mich bis zum heutigen Tag. Die Gerry Weber Open werden am 17. Juni zum letzten Mal unter dem Namen ihres gleichnamigen Modekonzerns beginnen. Ist die Wehmut derzeit ihre engste Begleiterin? Weber: Nein. Gerry Weber ist für mich mittlerweile auch nur noch der Name einer Firma und wir konzentrieren uns jetzt auf das Turnier. Ich freue mich darauf, dass wir in eine neue Partnerschaft gehen. Für die Fans ist das egal, ob Gerry Weber oder ein anderer Name darübersteht. Für die Fans schon, aber für Sie tatsächlich auch? Weber: Ich habe inzwischen damit abgeschlossen. Mich hat dieses Thema lange bewegt. Klar ist auch Wehmut dabei, aber insgesamt schaue ich positiv in die Zukunft. Wir möchten das Turnier weiterentwickeln, es soll erhalten bleiben. Und deshalb müssen wir dieses Kapitel nun abschließen. Gibt es bezüglich des künftigen Titelsponsors Neuigkeiten? Weber: Es ist sehr viel in Bewegung. Es gibt Interessenten, nationale und internationale Unternehmen. So ein Engagement muss aber gut überlegt sein. Viele Interessenten haben das Turnier noch nicht live erlebt und werden sich die Gerry Weber Open jetzt persönlich ansehen. Bei Unternehmen dauert die Budgetierung fürs nächste Jahr in der Regel bis zum Herbst. Die Zeit werden wir uns für unsere Entscheidung nehmen. Schließlich ist es wichtig, dass der neue Titelsponsor zu uns passt. Wie müssen wir uns das vorstellen? Das Turnier bekommt einen neuen Namen, aber die handelnden Personen bleiben dieselben? Weber: Das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun. Der neue Titelsponsor erwirbt ja keine Rechte oder Anteile. Bei anderen Turnieren wechseln Sponsoren in einer ganz anderen Regelmäßigkeit. Wir müssen uns jetzt von dem Namen Gerry Weber lösen. Es hält sich das Gerücht, dass das Gerry-Weber-Stadion verkauft werden soll? Weber: Es sind viele Gerüchte im Umlauf. Aber das Stadion und auch das Hotel werden ganz sicher nicht verkauft. Allerdings suchen wir auch hier einen neuen Namenssponsor. Dieser soll aus der Region kommen, um den Stadionnamen langfristig hier zu verankern. Alexander Hardieck und ich konzentrieren uns auf die Aktivitäten im Stadion und das Turnier, auf die Vermarktung des Event-Centers und auf das Hotel. Wir haben hier eine tolle Location und bereits für 2020 acht feste Veranstaltungen in Planung. Das ist unsere Zukunft und die wollen wir wir weiter nach vorn bringen. Mal ehrlich, gab es im Zusammenhang mit der Insolvenz des Modekonzerns einen Moment, in dem Sie sich Sorgen um die Zukunft des Tennisturniers gemacht haben? Weber: Die kritische Phase des Unternehmens hatte sich ja schon im vergangenen Sommer abgezeichnet. Es wurde immer dramatischer und somit wurde mir schnell klar, dass wir uns nach einem neuen Titelsponsor umsehen müssen. Deshalb haben wir Anfang des Jahres mit IMG Gespräche aufgenommen. Ich war diesbezüglich viel unterwegs und habe überall die Rückmeldung bekommen, dass sich die Gerry Weber Open im internationalen Sportkalender zu einer Premium-Marke entwickelt haben. Aufgrund des Teilnehmerfeldes, der Nähe zu Wimbledon, der TV-Präsenz und der daraus entstehenden Vermarktungsmöglichkeiten. Und deshalb habe ich mich guten Gewissens darauf verlassen, dass es viele Unternehmen geben wird, die diesen Wert zu schätzen wissen. Partner, Sponsoren und auch Spieler haben in dieser Krisenzeit Anteil genommen. Hat Sie dieser Zuspruch berührt? Weber: Ja sehr. Das hat mir ein positives Gefühl gegeben, dass sich Spieler, auch Roger Federer, bei mir gemeldet haben und ihre Hilfe angeboten haben. Es ist ja eine unserer Erfolgsformeln, für die Spieler alles möglich zu machen. So konnten wir in dieser schwierigen Situation umgekehrt auf deren Agenten zugehen mit der Bitte, das Turnier mit ihrer Teilnahme zu unterstützen. Und dass jetzt so viele Topspieler ohne vertragliche Bindung zu den GWO stehen, und wir so ein starkes Teilnehmerfeld an den Start bringen, freut mich ungemein. Trotzdem wage ich mal zu behaupten, dass ein Großteil des Publikums wegen Roger Federer ins Stadion kommt. Das müsste Ihnen angesichts seines Alters Sorgen bereiten. Weber: Das macht mir gar keine Sorgen. Die Fragen habe ich vor 26 Jahren schon gehört, als Becker und Stich hier noch gespielt haben, beziehungsweise nicht gespielt haben. Anfangs hatte ich schon meine Zweifel, ob das gut ausgeht. Schließlich hatten wir über 60 Millionen Euro investiert. Aber diese Situation haben wir gemeistert, indem wir Andre Agassi, Michael Chang und Petr Korda verpflichtet haben. Und jetzt liegen wir mit unserem Turnier in der besten Woche auf der ATP-Tour, zwischen Paris und Wimbledon. Deshalb wird es immer Topspieler geben, die hier melden werden. Die Zverev-Brüder haben sich jüngst in der Öffentlichkeit ungewöhnlich emotional geöffnet. Mischa hat von seinem Burnout erzählt, Alexander hat ebenfalls private Irritationen preisgegeben und als Grund für seine sportliche Krise mit angeführt. Ist das der neue Weg, die Fans mitzunehmen? Weber: Ich finde das gut. Die Fans wollen ja auch am Leben der Spieler teilnehmen. Und die Wochen sind nun einmal auch bei Sportlern nicht immer rosarot. Für meinen Geschmack ist Alexander Zverev von seinem früheren Manager zu stark abgeschottet worden. Dass sich die beiden jetzt so öffnen, macht sie nahbarer. Wie gehen Sie als Turnierdirektor mit solchen persönlichen und dadurch auch sportliche Krisen um? Immerhin zahlen Sie hohe Antrittsgelder. Weber: Ach, wir haben hier schon alles erlebt. 1993 ist hier Andre Agassi in der ersten Runde ausgeschieden, im vergangenen Jahr Alexander Zverev. Das ist nicht toll. Aber wenn ich das Gefühl habe, dass sie sich gut vorbereitet und ihr Bestes gegeben haben, möchte ich niemandem einen Vorwurf machen. So ist der Sport, es gibt sie eben, diese schlechten Tage, an denen auch noch der Gegner über sich hinauswächst. Einer, den Sie schon lange auf dessen sportlichem Werdegang begleiten, ist derzeit in der Form seines Lebens: Jan Lennard Struff... Weber: Das freut mich besonders. Wie konstant er jetzt spielt – toll. Er hat hier oft eine Wildcard erhalten, leider ist er immer in der ersten Runde ausgeschieden. Er hat ja jetzt einen neuen Lebensabschnitt erreicht. Er ist Vater geworden. Viele sehen darin einen Zusammenhang zu seinem sportlichen Erfolg... Weber: Ja, das kann ich mir vorstellen. Er trägt jetzt eine höhere Verantwortung für Frau und Kinder. Er ist ja auch nicht mehr der Jüngste und legt jetzt möglicherweise einen stärkeren Fokus auf den Sport. Er steht jetzt an Position 38 in der Weltrangliste. In der Form könnte er noch weiter nach oben klettern. Wenn Roger Federer auf Rasen antritt, ist er automatisch der Favorit. Im Vorjahr hat er im Finale in Borna Coric seinen Meister gefunden. Haben Sie ein Wunsch-Endspiel? Weber: Roger im Finale – das wäre natürlich für alle Fans wieder ein Highlight. Alexander Zverev hat auch rechtzeitig seine Form wiedergefunden. Aber wir haben hier viele Topspieler, die uns ein schönes Finale bescheren können.

realisiert durch evolver group