Paderborn Die Bestzeiten zweier Paderborner Sprinterinnen kommen zu spät

Der Verband spielt nicht mit

Frank Beineke

Paderborn. Bei den Olympischen Spielen in Rio erfolgt morgen der Startschuss in die Leichtathletik-Wettbewerbe. Für Tatjana Pinto vom LC Paderborn geht es gleich in die Vollen. In der Nacht zum Samstag wird die 24-Jährige ihren Vorlauf über 100 Meter bestreiten. Die Kolleginnen aus ihrer Trainingsgruppe drücken dann vor dem Fernseher die Daumen. Allerdings dürfte ein Hauch Wehmut aufkommen, denn auch andere Sprinterinnen vom LC Paderborn hatten auf die Olympia-Teilnahme gehofft. Besonders bitter erwischte es Janina Kölsch. Die 25-Jährige war vom Deutschen Leichtathletikverband (DLV) bereits für die 4 x 100-Meter-Staffel nominiert worden. Doch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) lehnte die Aufnahme in den Olympia-Kader ab. Begründung: Kölsch sei vom DLV nicht rechtzeitig in den Nationalen Anti-Doping-Kader aufgenommen worden. Ein Versäumnis des Verbandes, das nur sehr schwer nachvollziehen ist. Schließlich hatte Kölsch an allen Staffel-Lehrgängen teilgenommen. Auch bei der Europameisterschaft war die LC-Sprinterin als Ersatzläuferin dabei. "Als ich von der Nichtnominierung und dem Grund erfahren habe, bin ich aus allen Wolken gefallen", ärgert sich Kölsch, die seit der Registrierung im Anti-Doping-Kader übrigens zwei Mal kontrolliert worden war. "Das ist mehr als bei den meisten anderen Athleten", sagt LC-Sprinttrainer Thomas Prange. Inna Weit kann den Ärger ihrer Trainingskollegin gut nachvollziehen. Vor vier Jahren hatte der DLV die LC-Sprinterin ebenfalls zu spät in den Anti-Doping-Kader aufgenommen. Weit verpasste die Olympischen Spiele in London, obwohl sie damals amtierende deutsche Meisterin über 200 Meter war und zudem die viertschnellste 100-Meter-Zeit vorweisen konnte. Vier Jahre später gab es für die Paderbornerin, die seit dieser Saison für den ART Düsseldorf startet, die nächste herbe Enttäuschung. Weits Olympia-Traum zerplatzte abermals. Dies lag nicht zuletzt daran, dass der DLV nur sieben Sprinterinnen auf seine Liste gesetzt hatte, während bei den Männern acht Athleten nominiert wurden. Auch nach der Ausbootung von Janina Kölsch rückte keine Sprinterin nach. Dabei hatte Weit ihre 100-Meter-Bestzeit zu diesem Zeitpunkt auf 11,36 Sekunden verbessert. Anschließend finishte sie in Mannheim sogar in 11,35 Sekunden. Zudem knackte die 28-Jährige über 200 Meter in 23,16 Sekunden die Olympia-Norm. "Doch die Zeiten kamen offenbar zu spät", sagt Inna Weit, die bei den vorherigen Wettkämpfen oft Pech mit den Bedingungen gehabt hatte. Bei den Westdeutschen Meisterschaften lief sie die 100 Meter beispielsweise bei mehr als drei Metern Gegenwind in 11,60 Sekunden. Mit Windunterstützung hätte Weit durchaus unter 11,30 Sekunden bleiben können. "Und jetzt hat Inna mit einem technisch schlechten Rennen eine Bestleistung erzielt. Ich würde ihr sogar zutrauen, dass sie über 100 Meter um die 11,20 Sekunden sowie über 200 Meter unter 23 Sekunden laufen kann", bedauert ihr Trainer Thomas Prange, dass die Leistungen seiner Athletin nicht vom DLV gewürdigt wurden. In der ersten Enttäuschung hatte Weit sogar ans Aufhören gedacht. Doch nun ist die Paderbornerin fest entschlossen, weiterzumachen. "28 Jahre ist kein Alter zum Aufhören. Ich bin noch nicht am Limit. Und ich möchte noch einmal den Bundesadler auf der Brust tragen", betont Inna Weit, die nun die Weltmeisterschaften 2017 in London ins Visier nimmt. Dies ist auch ein lohnenswertes Ziel für Josefina Elsler. Ebenso wie Weit kam auch die 25-jährige Sprinterin vom LC Paderborn zu spät auf Touren. Erst am 23. Juli gelangen ihr beim Sportfest in Wetzlar Topzeiten über 100 Meter (11,33 Sekunden) und 200 Meter (23,16 Sekunden). "Ich habe die ganze Saison über gespürt, dass ich schnell rennen kann. Doch irgendwie war mein Kopf blockiert und der Wille zu stark", erklärt Elsler und fügt wehmütig an: "Wäre ich diese Zeiten zu einem früheren Zeitpunkt gelaufen, hätte es für mich eine Chance auf die Spiele gegeben." Auch Elsler hatte zwischenzeitlich mit dem Gedanken gespielt, die Spikes an den Nagel zu hängen. Doch auch sie weiß nun, dass noch eine Menge Potenzial in ihr schlummert. Dies gilt auch für Chantal Butzek. Nach ihrer bärenstarken Hallensaison wurde die 19 Jahre junge LC-Sprinterin von vielen Experten als Olympia-Kandidatin gehandelt. Doch im Frühjahr hatten ihre Abiturprüfungen absolute Priorität. Butzek musste im Training kürzer treten. Und die Form litt. Dennoch gab es ein Happy-End. Bei der U20-Weltmeisterschaft in Bydgosz holte sie als Schlussläuferin der deutschen 4 x 100-Meter-Staffel Bronze. Bei der Deutschen U20-Meisterschaft verteidigte die Paderbornerin ihren Titel über 100 Meter. In 11,59 Sekunden gab es obendrauf eine neue Bestzeit. "Chantal hat sich bei der DM prima verkauft", lobt Thomas Prange und hofft, dass die angehende Sportstudentin nun einen Studienplatz in Paderborn ergattert. Auch Chantal Butzek wird nun mit Spannung verfolgen, was Tatjana Pinto in Rio abliefert. Besonders mitfiebern wird aber Inna Weit, die eine enge Freundschaft zur Olympia-Teilnehmerin pflegt. "Wenn die Muskulatur mitspielt, traue ich Tatjana eine Menge zu", sagt Weit. Zudem ist sich die 28-Jährige sicher, dass Pinto auch in Zukunft für Furore sorgen wird. "Gott hat ihr ein großes Geschenk gegeben. Tatjana hat so viel Talent - irgendwann wird sie deutschen Rekord laufen", betont Inna Weit.

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