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Noch hadert sie: Maiunga Ngambo sitzt mit einer Sportprothese auf dem Boden und überlegt. Fotos: Jürgen Krüger - © Jürgen Krüger
Noch hadert sie: Maiunga Ngambo sitzt mit einer Sportprothese auf dem Boden und überlegt. Fotos: Jürgen Krüger | © Jürgen Krüger

Bad Oeynhausen Reine Kopfsache: Laufen mit Sportprothese

Behindertensport: Beim Sportprothesentag im Schulzentrum Süd versuchen vier Beinamputierte zu laufen. Was alles andere als einfach ist

Jürgen Krüger
06.09.2019 | Stand 06.09.2019, 20:28 Uhr |

Die meisten Menschen haben zwei gesunde Beine und denken nicht darüber nach, wenn sie sie benutzen. Wenn ein Bein fehlt, ändert sich die Lage. Dann sind die gewohnten Schritte nicht mehr möglich. Dann muss Technik her. Eine elektronisch gesteuerte Alltagsprothese hilft beim Gehen, für Sport taugt die nicht. Da aber Laufen mit einer Sportprothese eine ganz andere Liga ist (siehe Text unten), braucht man viel Training. Vier beinamputierte, mögliche künftige Sportler*innen, trafen sich zu einer ersten Schnuppereinheit mit dem vielleicht besten Trainer der Welt: Paralympicssieger Heinrich Popow. Im Bürgerkrieg von Querschläger getroffen „Sportprothesentag" – so wählten das veranstaltende Medical-Center aus Bad Oeynhausen und der Prothesenhersteller Otto Bock die Überschrift. Dem Aufruf folgten Maiunga Ngambo aus Bielefeld, Kerstin Schlegel aus Detmold, Erich Schröder aus Löhne und Andreas Andre aus Bad Oeynhausen. Sie alle eint das Schicksal, im Laufe ihres Lebens ein Bein verloren zu haben. Maiunga Ngambo (31) wurde es weggeschossen. „Ein Querschläger", sagt die gebürtige Angolanerin, die im Alter von zehn Jahren im Bürgerkrieg in die Schusslinie geriet. Seit gut zehn Jahren lebt sie in Deutschland, momentan in Bielefeld. Sie hatte morgens überhaupt keine Lust nach Bad Oeynhausen zu fahren. Und braucht Zeit, um sich zu motivieren. „Ich weiß es nicht", lautet die Antwort auf die Frage, ob sie es nach der Pause schafft, ins Laufen zu kommen. Sie wird es schaffen, aber – „Das alles ist sehr schwer." Mit der Tochter am Residenzlauf teilnehmen Kerstin Schlegel fällt der Einstieg etwas leichter. Die Detmolderin hat früher Leichtathletik betrieben und immerhin in der Regionalliga Handball gespielt. Sie hat schnell den Bogen raus, und das, was sie macht, sieht nicht nur aus wie Laufen. „Es fühlt sich auch an wie Laufen", sagt die 46-Jährige, die nach der Geburt ihrer zweiten Tochter wegen einer Blutvergiftung fast ihr Leben verloren hätte. Dass es nur ihr Bein ist, sieht sie heute als zweite Lebenschance. Sie kämpft mit den Tränen. „Das ist das letzte Puzzlestück, das ich noch zum erfüllten Leben brauchte", sagt sie und benennt ein mögliches Ziel: mit ihrer 10-jährigen Tochter am Detmolder Residenzlauf teilzunehmen. „Jeder Beinamputierte möchte gerne wieder laufen. Man will immer weiter." So erklärt der Löhner Erich Schröder seine Motivation. „Ich wollte es einfach ausprobieren." Mit seinen 64 Jahren ist er der älteste Teilnehmer. Erich Schröder verlor sein linkes Bein durch Knochenkrebs im Alter von 18 Jahren. Er lässt sich auch von einem Sturz beim Schnuppertraining nicht aufhalten. Andreas Andre hat es wohl als selbstständiger Postzusteller mit der Arbeit (teilweise 16 bis 20 Stunden am Tag) und dem Rauchen übertrieben. Durchblutungsstörungen führen vor zehn Jahren zuerst zur Amputation des rechten Beines, später auch noch von zwei Zehen am Fuß des anderen Beines. Letzteres ist auch der Grund dafür, warum der 41-Jährige das Training abbricht. „Die Schmerzen sind zu groß", sagt er zum Trainer Heinrich Popow. Der zeigt natürlich Verständnis, auch wenn er ansonsten mit einfachen, klaren und deutlichen Ansagen von seinen Anfängern eine Menge fordert – insbesondere Mut. „Ihr müsst euch selber vertrauen", sagt er. Die vier Sportler*innen werden ihn am Ende dafür loben. Und stehen doch am Anfang. Rund 20.000 Wiederholungen, so schätzt Stefan Kracke vom Hersteller Otto Bock, seien notwendig, um Abläufe zu verinnerlichen. Der Teufel steckt im Knickscharnier Am Beispiel einer Teppichkante lässt sich sehr gut der Unterschied zwischen einer Alltags- und einer Sportprothese veranschaulichen. Wenn ein Mensch mit zwei gesunden Beinen an einer Teppichkante stolpert, so macht er einen Ausfallschritt und zieht das andere Bein nach – fertig. Eine elektronisch gesteuerte Alltags-Prothese simuliert diesen Vorgang. Eine Sportprothese hingegen klappt einfach nur um. Es kommt zum Sturz. Und Stürze haben für Beinamputierte mitunter schwere Folgen. So brach sich Kerstin Schlegel bei einem Sturz in einer „alltäglichen Situation", wie sie sagt, den Oberschenkelhals. „Bei der Alltagsprothese überragt das Thema Sicherheit. Das ist bei einer Sportprothese anders", sagt Daniel Bracht, Orthopädie-Techniker-Meister beim Medical Center in Bad Oeynhausen. Die Sportprothese verzichtet auf elektronische Steuerungstechnik und ist deshalb auch leichter. Da bei Oberschenkelamputierten das Knie fehlt, ist die Sportprothese mit einem sogenannten „Knickscharnier" ausgestattet, das hydraulisch unterstützt wird. Das bedeutet, dass die Sportler*innen das Unterteil der Prothese beim Laufen nach vorne „werfen" und es mit dem Oberschenkel stabilisieren, sobald der Prothesenfuß den Boden berührt. Dabei sei zu berücksichtigen, dass die Athlet*innen während des Vorwärtslaufens kurzzeitig mit dem amputierten Bein rückwärts laufen müssten, wie Bracht sagt. „Das stellt eine enorme kognitive Leistung dar." Außenstehende bemerken den Klappprozess nicht, weil die Augen für die schnellen Bewegungen viel zu träge sind. Ein Fehler – und das Unterteil klappt nach hinten. Es kommt zum Sturz, und zu einem Vertrauensverlust. Dem Löhner Erich Schröder ist das beim Training im Sportzentrum Süd passiert, allerdings im Gehen. „Nichts passiert, Leute", wiegelt er ab. Der topfitten und talentierten Kerstin Schlegel passierte dieses Malheur bei den Aufwärm- und Dehnübungen an der Stange. „Und schon wird man vorsichtiger", sagt sie. Eine Sportprothese aus Carbon kann durchaus 15.000 Euro kosten. Für schulpflichtige Kinder übernimmt die Krankenkasse die Kosten. Sie sollen am Sportunterricht teilnehmen können. Erwachsene müssen das Geld selbst aufbringen. Alltagsprothesen, die von den Krankenkassen bezahlt werden, können, je nach Ausstattung, bis zu 60.000 Euro kosten. Interview mit Heinrich Popow Warum setzen Sie sich als ehemaliger Weltklasse-Sportler für den Breitensport ein? HEINRICH POPOW: Weil die Spitze nur aus der Breite kommt, und weil ich selber weiß, woher ich komme. Mir ist es wichtig, Sport für alle zur Verfügung zu stellen. Ich möchte aufzeigen, dass die Grenzen im Kopf sind und nicht in den Möglichkeiten. Alle, die laufen wollen, können auch laufen. Dabei möchte ich helfen. Es ist für mich eine Herzensangelegenheit, denn ich wäre kein Spitzensportler gewesen, wenn mich damals nicht Leute aus dem Breitensport unterstützt hätten. Jeder fängt mal klein an. Die Bedeutung des Breitensports ist für mich genauso hoch einzuschätzen wie die Bedeutung des Spitzensports. Machen Sie selber denn noch Sport? POPOW: Ich habe 18 Jahre lang Leistungssport gemacht und im vergangenen Jahr meine Karriere beendet. Um es mit den Worten von Dirk Nowitzki zusagen: Das erste Jahr war pervers. Nichtstun, das Leben genießen, Eis und Pizza essen. Das ging solange gut, bis ich gemerkt habe, dass das nicht mein eigener Anspruch ist. Ich spiele jetzt wieder Tennis und Fußball, bewege mich und gehe regelmäßig Laufen. Aber nur Breitensport. Stimmt es, dass ihre Eltern damals mit der Amputation mehr Schwierigkeiten hatten als sie selber? POPOW: Die haben immer noch mehr Schwierigkeiten damit als ich selber. Sie glauben, dass ich mit meiner Behinderung eingeschränkt bin, obwohl ich der schnellste Mann der Welt war und alles gewonnen habe. Das hätte ich mit zwei Beinen niemals machen können. Ein Amputierter will in das Bild der Gesellschaft noch nicht recht hineinpassen. Was ist die größte Hürde bei der Umstellung von Alltags- auf Sportprothese? POPOW: Es ist die Dynamik. Beim Gehen ist die Sicherheit wichtiger, beim Laufen die Freiheit. Das beißt sich ein bisschen. Also alles reine Kopfsache? Popow: Das ist sogar mehr als nur Kopfsache. Das hat nichts mit der Physis oder der Amputation zu tun. Es ist reines Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten. Das Interview führte Sportredakteur Jürgen Krüger

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