Bielefeld Petros wechselt, wandert aber nicht ab

Leichtathletik: Der TSVE trägt?s mit Fassung - und viele freuen sich, dass der Spitzenläufer sich mit der SV Brackwede für einen Bielefelder Verein entschieden hat. Auch Kipkogei stößt zur SVB

Claus-Werner Kreft

Bielefeld. Ein Vereinswechsel am selben Ort - in welcher Sportart auch immer - birgt fast zwangsläufig Konfliktstoff, ist zumindest mit Enttäuschungen auf der abgebenden Seite verbunden. Vor allem dann, wenn es um einen Leistungsträger geht, um ein Talent mit großen Perspektiven wie Amanal Petros, der als 20-Jähriger bereits den Sprung in die nationale Spitze schaffte. Verständlich, dass es dem TSVE nicht leicht fällt, sein leichtathletisches Aushängeschild an die SV Brackwede zu verlieren. Dennoch, für wirklichen Streit, "böses Blut" oder gar Zoff zwischen den Lokalrivalen gibt es keine Anzeichen. Nur in punkto Kommunikation, Abstimmung und Offenheit scheint auf den Petros-Wechsel ein kleiner Schatten zu fallen. "Wir mussten ja irgendwann mit einer solchen Situation rechnen, wurden aber jetzt doch überrascht", erklärte TSVE-Abteilungsleiter Rudi Ostermann. Aber er zeigt auch Verständnis: "Letztlich geht es doch darum, welcher Weg der richtige für den Athleten ist. Bei aller Enttäuschung: Auch bei uns gibt es keinen, der Amanal nicht alles Gute für seine Zukunft wünscht." Ostermann weist darauf hin, dass SVB-Coach Thomas Heidbreder (einziger Bielefelder mit einer A-Lizenz für Mittel- und Langstreckenlauf) Petros auch als ostwestfälischer Stützpunkttrainer von NRW-Kaderathleten betreut. In Absprache mit dem TSVE hatte er schon vorher die Trainingsplanung und -steuerung des mehrfachen Deutschen Jugend- und Juniorenmeisters mit übernommen. "Thomas hat mich mit großem Engagement vorangebracht", unterstreicht Petros, vergisst aber auch nicht seinen Mentor und Förderer im TSVE, Gerd Grundmann. "Gerd habe ich über den Sport hinaus viel zu verdanken", hebt er hervor, "wie ein Vater hat er sich für mich eingesetzt und war immer ansprechbar, wenn es ein Problem gab." Im Juni 2012 hatte der damals 17-jährige äthiopische Asylbewerber zum TSVE gefunden und war mit Gerd Grundmann nach Versmold-Oesterweg gefahren, um seinen Wettkampfeinstand zu geben - und das gleich mit einem souveränen Sieg über 10 km. Als Grundmann kürzlich vom Vereinswechsel erfuhr, konnte er seine Betroffenheit nicht ganz verbergen. Einen Bruch aber soll es nicht geben: "Ich werde mich weiter um guten Kontakt zu Amanal bemühen." Für seine läuferischen Ambitionen fühlt sich Petros in Brackwede gut aufgehoben: "Hier habe ich Trainingspartner wie zum Beispiel Hendrik Pohle, mit dem ich mich seit langem gut verstehe. Auch profitiere ich von den Trainingslagern, die Thomas Heidbreder organisiert." Gerade ist eine SVB-Gruppe (u.a. mit Tjard Gößling, Isabel Dickob, Valeska Vitt, Silke Pfenningschmidt) aus Italien zurückgekehrt. "Dort waren die Bedingungen super", berichtet Petros, "innerhalb von zehn Tagen habe ich 240 Kilometer absolviert - ein Pensum wie nie zuvor." Denn große Ziele locken. "Nach seiner Einbürgerung hat Amanal erstmals die Chance, Deutschland international zu vertreten und sich für die Crosslauf-EM 2015 in Frankreich zu qualifizieren, bei November-Rennen in Pforzheim oder Darmstadt", blickt Heidbreder voraus. In Italien trainierte man übrigens gemeinsam mit Gruppen aus westfälischen Spitzenklubs wie LGO Dortmund und TV Wattenscheid. Mit starken Partnern also, aber ohne Berührungsängste vor Konkurrenten, die ebenfalls um Petros geworben hatten. Der bestätigt, dass ihm Angebote aus Dortmund, Wattenscheid und Leverkusen vorlagen. "Ich habe mich aber anders entschieden. Denn es ist wichtig, dass auch das Menschliche stimmt." In Bielefeld will er im nächsten Jahr die Realschule abschließen und sich sportlich weiterentwickeln. So schmerzlich der Wechsel für den TSVE auch ist, so erleichtert atmen viele neutrale Leichtathletikfreunde auf: Hauptsache, Petros bleibt Bielefeld erhalten. Mit Stanley Kipkogei (bisher SuS Phönix) ist ein weiterer "Hochkaräter" zur SV Brackwede gewechselt.

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