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Interessiert an der Vereinsgeschichte: Friedhelm Schäffer (l.) stellte Arminia-Präsident Hans-Jürgen Laufer seine jüngsten Erkenntnisse vor, die bald Teil einer Dauerausstellung werden. - © Wolfgang Rudolf
Interessiert an der Vereinsgeschichte: Friedhelm Schäffer (l.) stellte Arminia-Präsident Hans-Jürgen Laufer seine jüngsten Erkenntnisse vor, die bald Teil einer Dauerausstellung werden. | © Wolfgang Rudolf

DSC Historiker arbeitet NS-Vergangenheit von Arminia Bielefeld auf

Friedhelm Schäffer geht seit 50 Jahren auf die Alm, doch ihn interessiert speziell das dunkelste Kapitel des Klubs. Er erzählt, wie ein umstrittener DSC-Vereinsführer im Dritten Reich Karriere machte.

Jan Ahlers
20.12.2018 | Stand 20.12.2018, 12:13 Uhr

Bielefeld. Dass sich Friedhelm Schäffer durch Vereinsarchive wühlt, das ist für ihn weder neu noch besonders. Nun aber hat er sich seinen eigenen Klub vorgeknöpft, dem er seit rund 50 Jahren die Treue schwört: Der Mitarbeiter am Kreismuseum Wewelsburg versucht, die Vergangenheit von Arminia Bielefeld im Nationalsozialismus, die bislang nur in Bruchstücken rekonstruiert wurde, weiter zu vervollständigen. Dabei ist ihm ein Funktionär besonders ins Auge gefallen. „Karl Demberg", sagt der Historiker heute, „war die schillernde Figur bei Arminia." Erst spielte der 1905 geborene Rechtsanwalt aktiv Fußball, dann wurde er 1934 zum Vereinsführer gewählt – eine neue Position, geschaffen unter der Vorgabe der Nationalsozialisten, den Führerkult auch im Sport zu etablieren. „Er durfte fortan den gesamten Vorstand ernennen", sagt Schäffer. Unter ihm wurden Juden in der Folgezeit auf subtile Art und Weise aus dem Verein gedrängt, darunter das frühere Vorstandsmitglied Fritz Grünewald, der Jahre später im Warschauer Ghetto ums Leben kam. Demberg führte den Verein in die damals höchste Spielklasse Mehr als fünf Jahre lang führte Demberg die Arminia, die kurz vor seinem Aufstieg zum Klubboss in die Bezirksliga Ostwestfalen abgestiegen war. Unter ihm schaffte Bielefeld den Aufstieg in die damals höchste Spielklasse, die Gauliga Westfalen, und wurde 1940 schließlich sogar Vizemeister. „Ja, er war ein erfolgreicher Vereinsführer", sagt Schäffer. „Aber er stand für die ganze Unmoral der SS." Denn in der Schutzstaffel ging es für Demberg 1940, unmittelbar nach seiner Karriere bei Arminia Bielefeld, rasch bergauf. "Er war zuständig für die Moral in der Unmoral" Ausgebildet in der Elite-Einheit, der „Totenkopf-Division", war er zunächst direkt am Kriegsgeschehen beteiligt, sagt der Historiker. 1943 war er schließlich als SS- und Polizeirichter tätig, erhielt einen Offiziersrang. „Er verurteilte andere SS-Mitglieder." Allerdings nicht für ihre Gräueltaten vor allem an der jüdischen Bevölkerung, sondern für Kleinigkeiten, die in den Konzentrationslagern geschahen. Unterschlagungen etwa, oder Liebschaften zu Insassen. „Er war zuständig für die Moral in der Unmoral", bilanziert Schäffer. „Und er war damit in einer verbrecherischen Organisation tätig. Das wurde von der Öffentlichkeit später immer verschwiegen." Denn als dieser Jahre nach dem Krieg als Gefangener nach Bielefeld zurückkehrt, wird er förmlich mit offenen Armen empfangen, meint Schäffer. Auch der Verein, der nach dem Krieg rund vier Jahrzehnte für erste Aufarbeitungen der Zeit im Dritten Reich benötigte, habe ihn zunächst guten Mutes zurückbegrüßt, so Schäffer. Heute geht der Klub offen mit seiner Vergangenheit um, enthüllte vor einigen Jahren Stolpersteine für Fritz Grünewald und seine Familie. Die Frage nach dem Warum bleibt Warum aber wurde Demberg Vereinsführer, was qualifizierte ihn im jungen Alter von 28 Jahren? Das kann Schäffer noch nicht mit Gewissheit sagen und sucht daher weiter den Austausch mit dem Verein, etwa dem ehemaligen Fanbeauftragten und jetzigem Spielbetriebsleiter Christian Venghaus. „Auch frühere Aussagen aus Büchern, dass er das Führerprinzip eingebracht und damit die Mitgliedschaft gespalten habe, sind zu hinterfragen", sagt Schäffer. Die Faktenlage ist dünn, daher sucht der Geschichtsforscher weiter. „Viel wurde vernichtet," sagt er knapp. „Die Lücken sind groß." Oft ist zu lesen, dass Arminia Bielefeld zwischen den Jahren 1933 und 1945 ein sehr dunkles Kapitel durchlebt hat, weil der Klub mit dem Nationalsozialismus unter Demberg offen sympathisierte. Er wurde damit Teil einer Gleichschaltungs-Strategie mit dem Ziel, schnellstmöglich die NS-Diktatur in Politik, Gesellschaft und Kultur zu etablieren. „Damit war Arminia aber nicht allein", sagt Schäffer. Die Aussage, dass der DSC mit der Unterstützung des Regimes in der Stadt alleine war, weist er zurück. So hätten beim anderen Klub, dem VfB 03, „schon 1935 Schilder am Sportplatz gestanden, wonach Juden hier unerwünscht seien." Die Vergangenheit im Nationalsozialismus, sie bleibt für Arminia eine unangenehme, aber wichtige Episode der Vereinsgeschichte. Deshalb fällt es Friedhelm Schäffer als Fan überhaupt nicht schwer, über die dunkleren Kapitel seines DSC zu forschen: „Das gehört für mich zur Identitätsbildung einfach dazu."

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