Blick nach oben: Arminias Trainer Jeff Saibene erklärt seine Fußball-Philosophie. - © Christian Weische
Blick nach oben: Arminias Trainer Jeff Saibene erklärt seine Fußball-Philosophie. | © Christian Weische

Arminia Saibene über Arminias Saison: "Aufstieg? Schön bescheiden bleiben"

Arminia Bielefelds Trainer spricht über die Erwartungshaltung für 2018/19, die Entwicklung der Mannschaft und sein besonderes Verhältnis zu jungen Spielern

Peter Burkamp
Jörg Fritz

Herr Saibene, Fabian Klos hat vor einigen Tagen gesagt, diese Saison sei sensationell verlaufen, egal, ob am Ende Rang vier oder Platz acht dabei herauskommt. Denken Sie ebenso? Jeff Saibene: Ja, ich denke auch so. Letztes Jahr standen wir ganz nahe am Abgrund. Jetzt bestreiten wir das Finale um den vierten Platz. Es ist ein Riesenerfolg für uns. Das Ziel, sorgenfrei durch die Saison zu kommen, haben wir erreicht. Haben Sie geahnt, dass es so gut laufen würde? Saibene: Ja. Ich war davon hundertprozentig überzeugt. Dass wir uns in der vergangenen Saison kurz vor dem Abgrund retten konnten, hat eine positive Dynamik bewirkt, von der wir profitiert haben. Auch in den letzten zehn Spielen der Vorsaison haben wir nur einmal gegen Stuttgart verloren. Der Kader blieb zusammen plus einige gute Ergänzungen. Die Basis war daher gut, um einiges zu erreichen. Welche Gründe gab es noch? Saibene: Die Mannschaft hat sich extrem entwickelt. Viele Einzelspieler haben sich verbessert. Wie ein Voglsammer oder auch ein Hartherz und viele andere auch, die während der gesamten Saison auf einem hohen Level gespielt haben. Meine Philosophie wurde von den Spielern noch stärker verinnerlicht. Wir hatten kaum verletzte Spieler, was auf die gute Arbeit der Physios zurückzuführen ist. Es waren viele kleine Mosaiksteine. Gab es jemand, der den größten Sprung in den vergangenen zwölf Monaten geschafft hat? Saibene: Ich finde es nicht fair, jemanden besonders herauszustellen. Ich habe schon Voglsammer und Hartherz genannt. Ich hätte aber auch etwa Prietl oder Klos nennen können. Es gibt so viele Spieler, die auf einem sehr guten Level gespielt haben. Was haben Sie gemacht, dass sich fast alle verbesserten? Saibene: Ich habe meine Prinzipien im Spielsystem. Jeder weiß genau, was er zu tun hat. Erfüllt jeder seine Prinzipien, kann man als Team Erfolg haben und sich auch individuell weiterentwickeln. Waren Sie am Sonntag traurig, dass Relegationsplatz drei verspielt wurde? Saibene: Fairerweise muss ich sagen, dass die Kieler verdient dort stehen. Sie waren sehr konstant. Ich sage aber auch, es war diese Saison noch nie so schwer, nicht in den Abstiegsstrudel zu kommen. Wir waren ziemlich früh raus und haben Großes geleistet. Wer wird neben Kaiserslautern absteigen? Saibene: Es gibt noch viele enge und spannende Spiele. Es ist eine große Erleichterung, dass wir nicht mehr dazugehören, sondern mit einem positiven Ziel vor Augen das letzte Spiel bestreiten. Braunschweig fährt beispielsweise nach Kiel mit dem Ziel, dort gewinnen zu müssen. Da spiele ich lieber gegen Sandhausen und weiß, wenn wir gewinnen, sind wir Vierter in der Abschlusstabelle. Gab es Momente in dieser Saison, in denen es auch hätte kippen können? Saibene: Vor dem Auswärtsspiel in der Hinrunde in Kaiserslautern gab es eine solche Situation. Nach einer kleinen Misserfolgsserie habe ich der Mannschaft eine klare Ansage gemacht, dass wir aufpassen müssten. Danach haben wir in Kaiserslautern gewonnen. Wie haben Sie auf die enttäuschenden Spiele gegen Duisburg und in Regensburg reagiert? Saibene: Die Partie gegen Duisburg war geprägt von zahlreichen individuellen Fehlern. Es hat im Laufe der Saison selten Spiele gegeben, in denen es an der Einstellung mangelte. Dafür ist die Mannschaft viel zu gesund. Wir haben zu viele gute Typen, die immer am Limit spielen. Vielleicht ist Regensburg als Negativspiel kurz vor der Winterpause zu nennen. Wir haben wohl ein bisschen zu früh abgeschaltet. Es war das einzige Spiel, in dem es an Mentalität gefehlt hat. Werden durch die aktuellen Erfolge Erwartungen geweckt, die der DSC in der nächsten Saison nicht einlösen kann? Saibene: Es wird sicherlich nicht einfacher. Ich würde nie sagen, wir wollen am Aufstieg schnuppern. Das ist völlig fehl am Platz. Ich finde es unnötig, sich von Anfang an so viel Druck zu machen. Man muss vernünftig sein und die Liga realistisch einschätzen. Schön bescheiden bleiben, gut weiterarbeiten, Kontinuität im Kader bewahren - unter diesen Aspekten können wir in der neuen Saison eine gute Rolle spielen. Erwarten Sie in der neuen Saison mehr Qualität durch die hochrangigen Absteiger? Saibene: Es liegt auf der Hand. Die Absteiger und die Aufsteiger weisen eine hohe Qualität auf. Mit dem SC Paderborn kommt ein Derby dazu. Die Liga verbessert sich enorm. Was ist der Unterschied zwischen Arminia und den beiden Aufsteigern Düsseldorf und Nürnberg? Saibene: Wir können uns spielerisch noch verbessern. Unsere Ballbesitzphasen müssen wir besser ausspielen. Wir müssen noch mehr Qualität ins Spiel reinbringen. Wir stehen oben, haben aber noch großes Potenzial, uns zu verbessern. Sie geben vielen jungen Spielern eine Chance. Kann man diese Entwicklung intensivieren? Saibene: Am Ende geht es nur um Qualität. Es geht um den Erfolg und letztlich auch um meine Person. Wenn ich überzeugt von jungen Spielern bin, bringe ich sie gerne. Von jungen Spielern kann man sehr viel bekommen als Trainer. Sie haben oft einen starken Willen. Man kann sich fast immer auf sie verlassen. Mit jungen Spielern kann man daher selten verlieren, lautet meine Erfahrung. Man kann nur gewinnen. Das Trio Brandy, Nöthe und Teixeira spielte zuletzt keine Rolle mehr. Die drei stehen aber noch bis Juni 2019 unter Vertrag. Was raten Sie ihnen? Saibene: Es gibt immer Spieler, die unzufrieden sind, weil sie sportlich keine Rolle gespielt haben. Ich denke jeder ist sich seiner Situation bewusst und bemüht, eine Lösung zu finden. Wie sehen Sie die Chance, Kerschbaumer zu halten? Saibene: Kerschi ist ein großes Thema. Wir haben ihm mitgeteilt, dass wir gern mit ihm weiterplanen würden, aber da sind uns die Hände gebunden. Nur weil wir unsere Schulden reduzieren können, haben wir nicht automatisch die Möglichkeit, das Geld auszugeben. So sieht es nicht aus. Wir können keine 1,5 Millionen Euro Ablöse zahlen, das ist utopisch für Arminia. Der FC Brentford lässt sich extrem viel Zeit, weil einige Vereine diese Summe zahlen können und wollen. Drei Zugänge hat Arminia bereits verpflichtet, wo sehen Sie noch Bedarf? Saibene: Cédric Brunner ist für hinten rechts eingeplant. Für links suchen wir einen Backup für Florian Hartherz. Alexander Borgman vom FC Vaduz, der bei Schalke ausgebildet wurde, ist ein Kandidat unter mehreren. Für vorn haben wir Prince Osei Owusu geholt. Sollte Kerschbaumer gehen, brauchen wir für das linke Mittelfeld Ersatz. Wir suchen noch einen zentralen Mittelfeldspieler, dann wären wir eigentlich schon komplett. Joan Simun Edmundsson ist Linksfüßer und spielt überwiegend auf Rechtsaußen. Welche Chancen hat Stephan Salger? Saibene: Man muss immer wissen, was man an einem Spieler hat, und wir haben einiges an ihm. Er ist sehr loyal und verhält sich immer korrekt, auch wenn er nicht spielt. Und wenn er zum Einsatz kommt, ist er ganz selten schlecht. Es kann gut sein, dass er hier bleibt Haben Sie selbst zuletzt Anfragen bekommen? Saibene: Ich habe nicht in Bielefeld verlängert, um auf ein anderes Angebot zu warten. Klar, kann es im Fußball immer mal schnell gehen, aber ich bin gern bei Arminia und voll in den Planungen für die neue Saison. Ein Wechsel von mir ist überhaupt kein Thema. War die finanzielle Sanierung Voraussetzung, um zu bleiben? Saibene: Dass es im Dezember eine Minute vor zwölf war, habe ich erst im Nachhinein erfahren. Vielleicht hat auch der sportliche Erfolg dazu beigetragen, dass die Leute im Umfeld gesagt haben: Hey, da wächst etwas, jetzt haben wir endlich mal Ruhe. Was machen Sie in den Ferien, ganz viel WM schauen? Saibene: Meine Frau und ich machen eine dreiwöchige Rundreise durch Kalifornien. Dann sind wir pünktlich zur WM wieder da, und ich kann den Anfang noch mit meinen beiden Jungs zu Hause verfolgen. Auf die Zeit in Kalifornien freue ich mich ganz extrem. Ich will nicht sagen, wir leben bescheiden, wir leben ganz normal. Aber richtig schöne Ferien, die gönnen wir uns. Wie gehen Sie mit der WhatsApp-Affäre von Keanu Staude um? Saibene: Für uns ist das Thema abgeschlossen. Da sind Worte gefallen, die gehören sich nicht. Ich glaube aber, dass Staude es nicht so meint, wie er es sagt. Mein ältester Sohn, der ist 20 Jahre alt, mit dem ich darüber gesprochen habe, sagte mir: Die jungen Leute reden heute so. Ich hoffe nur, dass Keanu Staude die Lehren aus dieser Sache zieht, auch, welche Kollegen er sich aussucht.

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