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Die Listerienfunde in Wurstwaren der Firma Wilke könnten Folgen für die Praxis der Lebensmittelüberwachung haben. - © picture alliance/dpa
Die Listerienfunde in Wurstwaren der Firma Wilke könnten Folgen für die Praxis der Lebensmittelüberwachung haben. | © picture alliance/dpa

Wurstskandal Gefährliche Keime: "Gesundheitspolizei" für Lebensmittel gefordert

Fleischproduzent Tönnies sieht OWL als Vorbild in der Überwachung. Doch die Kritik an der bisherigen Praxis reißt nicht ab.

Matthias Bungeroth
09.10.2019 | Stand 09.10.2019, 08:04 Uhr

Bielefeld/Gütersloh. Sind die staatlichen Lebensmittelkontrollen effektiv genug, um Risiken für die Gesundheit der Verbraucher weitmöglichst auszuschließen? Um diese Frage ist nach den jüngsten Vorfällen beim hessischen Wursthersteller Wilke ein Streit unter Experten entbrannt. Auch die Firma Tönnies hat sich in die Debatte eingeschaltet. Das Unternehmen Wilke mit Sitz in Twistetal-Berndorf war jüngst geschlossen worden, nachdem zwei Todesfälle und 37 Krankheitsfälle mit dem Genuss von Produkten dieses Herstellers in Verbindung gebracht worden waren. Mehrfach waren dort Listerien-Keime in Lebensmitteln entdeckt worden. Ein weltweiter Rückruf aller Wilke-Produkte wurde angeordnet. Von der Schließung des Unternehmens sind rund 200 Mitarbeiter betroffen. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt wegen fahrlässiger Tötung bei Wilke. "Wir brauchen stärkere investive Maßnahmen" Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, hält die Kontrollstrukturen in Deutschland insgesamt bei Lebensmitteln für verbesserungsbedürftig. „Wir brauchen stärkere investive Maßnahmen in Personal", ist seine Forderung. In diesem Bereich sei „lange Zeit gespart worden". Doch: „Wir leben immer mehr von vorgefertigten Essmaterialien", so der Ärztepräsident. Hier fehle ausreichend Kontrolle. Windhorst fordert deshalb „eine Lebensmittel-Gesundheitspolizei, die präventiv arbeitet". Bei Auffälligkeiten von Produkten müssten Sanktionen bis hin zur Schließung von Firmenstandorten auch durchgezogen werden. „Null Toleranz" müsse das Motto sein. Man brauche in ganz Deutschland einheitliche Überprüfungen. In diesem Zusammenhang lobt Windhorst die gute Arbeit des chemischen Untersuchungsamtes in Bielefeld. "Die Lebensmittelüberwachung in NRW funktioniert erfolgreich" Auch der global tätige Fleischkonzern Tönnies mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück fordert anlässlich des jüngsten Listerien-Skandals eine Vereinheitlichung der Lebensmittelüberwachung in Deutschland. „Wir brauchen einheitliche Standards und mehr Objektivität", sagte Clemens Tönnies in einem Interview der Zeitung Die Welt. Es gebe aktuell in jedem Landkreis andere Vorgaben und Handhabung des Regelwerks. Dies könne keine dauerhafte Lösung sein, so der Firmenchef. Er fordert stattdessen die Einsetzung einer zentralen Instanz für diese Überwachungsaufgaben. Auf Anfrage dieser Zeitung lobte Tönnies indessen auch die Strukturen in der Region. „Die Lebensmittelüberwachung in NRW, Niedersachsen und anderen Bundesländern funktioniert erfolgreich, andere Bundesländer können sich hieran orientieren", sagte der Firmenchef auf Anfrage. Dieses Modell sollte seiner Ansicht nach bundesweit angewendet werden. „Gerade in der Region Ostwestfalen haben die Behörden viel Erfahrung mit Lebensmittelproduzenten." "Wir haben immer mal wieder Rückrufaktionen" Ivo Lücke, stellvertretender Leiter des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes der Stadt Bielefeld, sagt auf Anfrage, es lägen ihm bislang keine Befunde vor, die zeigten, dass ein in NRW verkauftes Produkt der Firma Wilke mit Listerien belastet gewesen sei. Dies bestätigen Einrichtungen wie die Mühlenkreiskliniken in Minden oder des Jacobi-Hauses (Altenpflegeheim) in Bünde, wo entsprechende Produkte sofort nach Bekanntwerden der Warnung aus dem Verkehr gezogen worden seien. „Wir haben immer mal wieder Rückrufaktionen von Produkten, wo Listerien festgestellt wurden", sagt Lücke. Diese gingen aber immer still vonstatten. In seinem Zuständigkeitsbereich habe es innerhalb von drei Jahren 13 Rückrufaktionen gegeben. Dies betreffe etwa Bacon, Weichkäse, TK-Gemüse, Brotaufstrich oder auch Hähnchensticks, so der Veterinärmediziner.

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