0
Aller Anfang ist schwer: Künftig sollen Grundschüler Wörter wieder von Beginn an richtig schreiben. - © picture alliance/chromorange
Aller Anfang ist schwer: Künftig sollen Grundschüler Wörter wieder von Beginn an richtig schreiben. | © picture alliance/chromorange

Düsseldorf Schulministerium NRW schafft Schreiben nach Gehör in Grundschulen ab

Neuer Leitfaden legt verbindlichen Rechtschreibwortschatz fest, den Kinder nach vier Jahren beherrschen sollen

Anneke Quasdorf
18.07.2019 | Stand 18.07.2019, 17:15 Uhr

Düsseldorf. Schraibn wie man möhchte, damit ist in Zukunft Schluss an den Grundschulen in NRW. Das Schulministerium hat pünktlich zum Ferienbeginn einen Leitfaden herausgegeben, aus dem hervorgeht, dass die umstrittene Methode "Schreiben nach Gehör" ab dem kommenden Schuljahr nicht mehr in Reinform unterrichtet werden darf.

Die Handreichung, komplexe 70 Seiten, können sich Interessierte auf der Seite des Landesinstitutes für Schule herunterladen. Mit ihr sollen Lehrkräfte in der Primarstufe dabei unterstützt werden, Schüler beim Rechtschreiberwerb zu begleiten und ihnen die "die Strukturen der Rechschreibung begreifbar zu machen".

Inhaltlich ist die größte Innovation die Einführung eines verbindlichen Rechtschreibwortschatzes, der aus 533 Wörtern besteht, die Grundschüler nach der vierten Klasse beherrschen sollten. Enthalten ist hier auch die Kategorie „Merkwörter, also Wörter wie „nämlich", deren Schreibweise Kinder eben nicht durch Hören richtig herleiten können und die sie sich künftig einprägen sollen. Hinzu kommt eine individuell erstellbare Wortsammlung aus 200 bis 300 Wörtern, die sich aus der täglichen Arbeit in den Klassen ergeben darf. Überprüft werden soll der Lernstand der Schüler künftig bereits ab Mitte der ersten Klasse durch Tests.

Ein Viertel aller Grundschüler beherrscht Rechtschreibung nicht

Alarmiert worden war die Landesregierung durch die Ergebnisse der Studie „Bildungstrend 2016" des Bonner Institutes zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Sie ergab, dass 24 Prozent von 3.000 Grundschulkindern nicht in der Lage waren, Rechtschreibregeln sicher anzuwenden. Außerdem verglichen die Forscher regelmäßig die Diktate von „Fibelkindern", also Schülern, die nach der alten Methode Rechtschreibung lernten, mit den „Schreiben-nach-Hören"-Kindern. Letztere machten am Ende der vierten Klasse 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler.

Damit soll nun Schluss sein, wie Bildungsministerin Yvonne Gebauer im Vorwort des Leitfadens betont. Gerade die Studie habe im Bereich Rechtschreibung einen deutlichen Handlungsbedarf gezeigt. Alle Schulen seien daher gefordert, ein besonderes Augenmerk auf diesen inhaltlichen Bereich des Deutschunterrichts zu legen.

Bei Bildungsgewerkschaft und Lehrerverband kommt der Vorstoß nicht gut an. Zwar ist Maike Finnern, NRW-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, mit den Inhalten der Handreichung einverstanden. „Da sind fachdidaktische Hinweise und praktische Beispiele enthalten, mit denen man im Alltag gut arbeiten kann. Und ich finde es auch realistisch, dass es die individuelle Wortsammlung gibt. Das würde sonst den Kindern nicht gerecht."

"Das geht meilenweit am Problem vorbei"

Massive Kritik übt Finnern hingegen an der Tragweite der Maßnahme. „Die geht meilenweit am Kern des Problems vorbei. Was Lehrer an Grundschulen brauchen, ist personelle Unterstützung und Hilfe bei den großen Themen Integration und Inklusion."

Dieser Ansicht ist auch Stefan Behlau, Landesvorsitzender des Lehrerverbandes VBE: „Die Grundschulen in NRW warten nicht auf eine Fachoffensive Deutsch, sie brauchen gut durchdachte Unterstützungssysteme und endlich mehr grundständig ausgebildete Lehrkräfte. Es wird Zeit, dass Politik endlich die Arbeit der Lehrkräfte und des pädagogischen Personals in Grundschulen wahrnimmt und anerkennt."

Seltsam erscheint auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung mitten in den Sommerferien. Finnern: „Das geht doch völlig unter und wirkt wie verschleppt oder vergessen. Viele werden das derzeit nicht mal mitkriegen, weil sie verreist sind."
Links zum Thema


Mehr zum Thema

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken