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Wie der Löhner Siegmar Rasche das Gastronomie-Konzept "Backfactory" mitentwickelte

Backwaren in Beschleunigung

VON MARIUS GIESSMANN
17.12.2010 | Stand 21.12.2010, 15:36 Uhr
Siegmar Rasche zieht einen Rollwagen mit fertig gebackenen Brötchen aus dem Ofen. Mit Putenschnitzeln und Salat belegt werden sie dem Kunden in der Glasvitrine (rechts im Bild) angeboten. - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Siegmar Rasche zieht einen Rollwagen mit fertig gebackenen Brötchen aus dem Ofen. Mit Putenschnitzeln und Salat belegt werden sie dem Kunden in der Glasvitrine (rechts im Bild) angeboten. | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Löhne: Wie Siegmar Rasche "Backfactory" entwickelte - © LÖHNE
Löhne: Wie Siegmar Rasche "Backfactory" entwickelte | © LÖHNE

Bielefeld. Es herrscht Hochbetrieb in der Backfactory-Filiale in der Bielefelder Stresemannstraße. Menschen manövrieren ihre leuchtend roten Tabletts, öffnen Klappen der meterlangen Plexiglasvitrine und greifen Backwaren, belegte Brötchen oder Salate ihrer Wahl. Nach dem Bezahlen wandern sie in den Sitzbereich – zufrieden beobachtet von Siegmar Rasche, einem der Mitgestalter des Gastronomie-Konzeptes, das bundesweit bereits 130-mal kopiert wurde.

Information

"Produkte industrieller Fertigung"

Hanno Lechtermann ist Obermeister der Bielefelder Bäckerinnung, leitet als Chef von Lechtermann-Pollmeier 30 Filialen in Bielefeld und Umgebung – und sieht in der Backfactory einen Wettbewerber für Systemgastronomen als auch das traditionelle Bäckerhandwerk. Zur Qualität der Waren von Selbstbedienungs-Bäckereien will er sich nicht äußern. "Die Produkte sind halt aus industrieller Fertigung", lautet die kurze Bewertung des 50-Jährigen. Die örtlichen Handwerksbetriebe und Fachgeschäfte punkten seiner Meinung nach zudem mit einem breiteren Sortiment, persönlicherer Beratung und einer ökologischeren Gesamtbilanz. "Unsere Produkte werden nicht erst durch die ganze Republik gekarrt, sondern vor Ort hergestellt", so Lechtermann. "Und das mit Rohstoffen aus der Region." (tim)

"Jeder Kunde kann sich hier anonym versorgen. Er muss also nicht in einen Dialog einsteigen", erklärt der 42-Jährige, "kann es aber, wenn er mag." Dies entspreche ebenso dem Wunsch vieler Kunden wie das Bedürfnis, schnell und im Vorbeigehen einen Snack zu konsumieren. "Man isst, wo man ist, lautet heute der Trend", sagt Rasche pragmatisch, während am Nachbartisch eine Gruppe Jugendlicher Platz nimmt.

Rasche freut sich über den heterogenen Kundenmix. Anzug- und Schlipsträger essen im Sitzbereich ebenso wie Schüler, Rentner oder Eltern mit Kindern. "Das geht hier alles friedlich nebeneinander", sagt der diplomierter Lebensmitteltechnologe Rasche. Trotz seiner "innigen Beziehung zum Produkt" stört ihn nicht, den Markt der eiligen Systemgastronomie zu bedienen. "Die Nachfrage entwickelt das Angebot", sagt Rasche. Was vom Kunden nicht gekauft würde, sei schnellstens auch nicht mehr in den Selbstbedienungsvitrinen seiner fünf Backfactory-Filialen in Bielefeld, Paderborn, Herford und Minden zu finden. "Das gute alte Mohnbrötchen haben wir zum Beispiel schon seit Jahren nicht mehr im Programm", sagt er. Das Sortiment verändere sich sozusagen "in Echtzeit".

Auf seine moderne Interpretation des Bäckerhandwerks ist Rasche stolz, schließlich führt er mit seinen Betrieben in vierter bzw. dritter Generation die Kaufmanns- und Bäckertradition seiner Familie fort.
Schon Urgroßvater Dietrich Rasche hatte 1896 in Löhne-Ostscheid ein Kolonialwarengeschäft gegründet, das Großvater Gustav schließlich übernahm und ebenfalls modern interpretierte. So fuhr der gelernte Bäcker seine Waren per Pferdewagen auf einer "Brottour" zum Kunden. Mitte der 1960er Jahre wurde aus dem Lebensmittelladen ein Edeka-Markt mit angeschlossener Bäckerei, den Vater Rolf bis Ende der 1990er Jahre betrieb.

"Eine innige Beziehung zum Produkt"

Siegmar Rasche erlernte ebenfalls den Bäckerberuf, absolvierte nach Meisterprüfung und mehrjähriger Berufserfahrung im elterlichen Filialbetrieb ein Studium an der Fachhochschule Lippe und Höxter. "Dann wurde ich von Harry-Brot aus Hamburg abgeworben", erklärt er. Nach zwei Jahren als Leiter in der Produktionsentwicklung der Großbäckerei habe er jedoch gemerkt, das er "nicht so der Konzerntyp" sei.

Der Wunsch nach beruflicher Selbstständigkeit realisierte sich schließlich, als er mit seinen Chef Hans Jochen Holthausen - dem geschäftsführenden Gesellschafter der Harry-Brot GmbH - und Peter Gabler - dem heutigen Geschäftsführer des Franchise- und Lizenzgebers Backfactory GmbH - aus der Idee einer Selbstbedienungs-Bäckerei das Konzept entwickelte.
Und der erste Franchisenehmer wurde.

"Dann bin ich im August 2002 praktisch ziemlich ahnungslos mit der ersten Filiale in Bielefeld angetreten", erinnert sich Rasche. "Das war im Prinzip nur eine Art Brotabholstelle." Eine überraschend erfolgreiche. Rasche: "Das Ding brannte vom ersten Tag an wie Feuer."
So wuchs bis heute ein Netz mit 130 Filialen bundesweit (Umsatz 2009: rund 70 Millionen Euro), die von der Backfactory GmbH  betreut werden. Das Mutterunternehmen Harry-Brot beliefert die Filialen mit Brot- und Brötchen-Rohlingen, Frischwaren werden lokal bezogen, erklärt Rasche, der mit 110 Mitarbeitern fünf Standorte in Bielefeld, Paderborn, Herford und Minden betreibt.

Wie viel Umsatz er macht, mag er nicht sagen – womit er ihn macht, ist augenscheinlich: Wo eben noch die vier Jugendlichen saßen, zeugen nur noch Krümel von Muffin- und Putenbaguette-Verzehr. An dem Tisch sitzt eine Rentnerin beim Kaffee.

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