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Ein Klassiker: Prämiensparbücher galten jahrzehntelang als sicher und ordentlich verzinst. Jetzt haben viele Sparkassen und andere Geldinstitute aber daran die Lust verloren. - © picture alliance / onw-images.de/Marius Bulling
Ein Klassiker: Prämiensparbücher galten jahrzehntelang als sicher und ordentlich verzinst. Jetzt haben viele Sparkassen und andere Geldinstitute aber daran die Lust verloren. | © picture alliance / onw-images.de/Marius Bulling

Folge der Nullzinspolitik Sparkasse Minden-Lübbecke kündigt 1.200 Sparverträge

Bundesweit stoßen immer mehr Sparkassen ihren treuesten Kunden vor den Kopf - sie wollen Sparverträge loswerden, mit denen sie Verluste machen. Nun hat der Trend auch die Region OWL erreicht

Martin Krause
07.10.2019 | Stand 10.10.2019, 16:48 Uhr
Stefan Koch

Minden/Bielefeld. Die Lübbeckerin Gertrud S. ist enttäuscht: Seit mehr als 25 Jahren lief der Prämiensparvertrag, den sie und ihr Mann bei ihrer Sparkasse abgeschlossen hatten. Mehr als 50.000 Euro hatten sie in dieser Zeit angespart. Die Gesamtverzinsung war nicht gewaltig - aber durch die regelmäßig erhöhten Prämien mit mehr als 2,0 Prozent für heutige Verhältnisse doch überdurchschnittlich. Damit ist jetzt Schluss: Zum Jahresende hat die Sparkasse den Vertrag gekündigt.

Die Sparkasse Minden-Lübbecke ist wohl die erste in Ostwestfalen-Lippe, die gut verzinste ältere Prämiensparverträge loswerden will. Das Institut mit 2,3 Milliarden Euro Bilanzsumme und knapp 600 Mitarbeitern hat nach einem Bericht des Mindener Tageblatts rund 1.200 Sparverträge gekündigt, bei denen die Höchstverzinsung erreicht ist. Betroffen sind viele langjährige Kunden, deren Verträge zum Teil seit mehr als 20 Jahren laufen. Mehrere enttäuschte Kunden haben sich deswegen in unseren Redaktionen gemeldet. Verbraucherschützer empfehlen, eine ins Haus geflatterte Kündigung im Zweifelsfall von Anwälten oder Beratern der Verbraucherzentrale überprüfen zu lassen.

Tausende Kunden in OWL bangen um Prämiensparverträge

Nach einer Auflistung des Handelsblatts haben schon mehr als 50 der bundesweit 380 öffentlich-rechtlichen Sparkassen die Prämiensparverträge gekündigt oder diesen Schritt angekündigt. Sie stützen sich dabei auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe: Der BGH entschied im Mai 2019, dass ein Kündigungsrecht besteht, wenn die oberste Prämienstufe erreicht ist. Große Sparkassen wie die in München oder Nürnberg kündigten seitdem jeweils mehr als 20.000 Sparverträge. Auch die Sparkassen in Osnabrück, Recklinghausen und Hameln wollen die teuren Verträge loswerden.

Allein in OWL dürfte ein fünfstellige Zahl von Sparkassenkunden noch über Sparverträge verfügen, bei denen die höchste Verzinsung erreicht ist.  Die kommunalen Geldinstitute begründen den Schritt mit der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank: Einerseits müssen die Institute Strafzinsen für eigene Einlagen bezahlen, andererseits erwarten ihre treuen Kunden eine relativ üppige Gesamtverzinsung von zwei bis drei Prozent oder mehr.   Das heißt: Die Sparkassen zahlen drauf.

Andere Sparkassen in der Region zögern noch

Gerald Watermann, Sprecher der Sparkasse Minden-Lübbecke, sieht für sein Haus eine jährliche Mehrbelastung im siebenstelligen Euro-Bereich durch die Prämiensparverträge. Demach würde das Institut einen Millionenverlust durch die Verträge mit ihren Stammkunden erleiden.

Die größten Sparkassen der Region - die Sparkassen Paderborn-Detmold, Bielefeld und Herford - haben nach eigener Aussage bisher keine massenhaften Kündigungen von Sparverträgen geplant. Allerdings werde der Markt beobachtet, wie es heißt. Mit anderen Worten: Jeden Tag könnte sich die Lage ändern.

Nach Überzeugung von Verbraucherschützern können allerdings auch nicht alle Verträge einfach beendet werden,  insbesondere wenn die Laufzeiten befristet sind. Solche Befristungen haben viele Genossenschaftsbanken vereinbart. Die größte Volksbank der Region, die Verbund-Volksbank OWL in Paderborn, teilte mit, es gebe "keinerlei Planungen, Prämiensparverträge  unserer Kunden zu kündigen." Unternehmenssprecherin Sylvia Hackel erklärte aber, dass aufgrund der Zinsentwicklung diese Sparform seit August des Jahres nicht mehr angeboten werde.

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