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Das Geburtshaus des Gründers Walter Seidensticker. - © Seidensticker
Das Geburtshaus des Gründers Walter Seidensticker. | © Seidensticker

Bielefeld 100 Jahre Seidensticker: Der Weg des Bielefelder Traditionsunternehmens zum Erfolg

Im Januar 1919 beginnt Walter Seidensticker mit der Produktion von Herrenhemden. Dafür hatte er sich 5.000 Goldmark geliehen. 100 Jahre später zählt das Unternehmen zu den bekanntesten in Europa.

Heidi Hagen-Pekdemir
04.09.2019 | Stand 05.09.2019, 17:38 Uhr

Bielefeld. Weiße Haare, weißes Hemd - 100- bis 103-jährige Models erinnern in einer großen Jubiläumskampagne in diesen Wochen an die Geburtsstunde der Bielefelder Hemdenmarke Seidensticker im Januar 1919. Damals beginnt Walter Seidensticker mit 5.000 geliehenen Goldmark seine Produktion.

Zuschneiden, verpacken, versenden - alle Arbeiten führt der gelernte Zuschneider anfangs selbst aus. Gut zehn Jahre später richtet er Deutschlands erstes Taktfließband zur Hemdenproduktion ein. Innovationen wie diese helfen ihm, relativ unbeschadet durch die Weltwirtschaftskrise zu kommen. "Alles, was ich anfasste, wurde zu Hemden", erinnert sich später der Gründer an die Anfangsjahre.

Im Herbst 1944 beschädigen drei Bomben das Werk

Die Folgen des Zweiten Weltkriegs spürt auch die Bekleidungsindustrie. Die wirtschaftlichen Ressourcen werden zunehmend zu rüstungsrelevanten Branchen verschoben mit der Folge, dass am Ende nur noch die Produktion von Uniformen und Arbeitskleidung übrig bleibt. Auch Seidensticker versucht, mit Wehrmachtsaufträgen den Krieg zu überstehen. Im April 1944 verlassen Erzeugnisse wie Flieger- und Lazaretthemden, Tarnstoffe und Ostarbeiterkleidung die Firma. Im Herbst desselben Jahres beschädigen drei Bomben das Werk. Der Betrieb steht zunächst still.

Der Gründer Walter Seidensticker. - © Priess
Der Gründer Walter Seidensticker. | © Priess

Den Neubeginn des Unternehmens symbolisiert der Seidensticker-Auftritt auf der Messe in Hannover 1948 im Jahr der Währungsreform. Kurz darauf folgt die Umbenennung der "Seidensticker Wäschefabriken" in "Textilkontor Walter Seidensticker".

Mitte der 50er Jahre expandiert das Unternehmen

Mitte der 1950er Jahre treten die Söhne Gerd und Walter in die Geschäftsführung ein. Das Bielefelder Unternehmen expandiert zu dieser Zeit, übernimmt bereits bestehende Unternehmen, gründet neue Zweigwerke und gehört schon bald zu den größten Herrenwäschefabriken in Europa. In diese Zeit fällt auch die Markteinführung der ersten bügelfreien Hemden aus einem Polyester-Baumwoll-Mischgewebe - für Verbraucher damals eine Sensation.

Ein Blick in den Nähsaal aus dem Jahr 1930. - © Priess
Ein Blick in den Nähsaal aus dem Jahr 1930. | © Priess

Auf mehr als zehn Millionen Teile steigt die Produktion an mehr als 20 unterschiedlichen Fertigungsstätten in den 1960er Jahren. Weitere Werke folgten. Ihren ersten Betrieb außerhalb Deutschlands eröffnen die Bielefelder im spanischen Tarragona. Schon bald folgt die Verlagerung der Hemdenproduktion nach Asien.

2007 geht die erste eigene Produktionsstätte in Vietnam in Betrieb

Hongkong, Indien und Maca sind die ersten Stationen. 1993 werden nur noch zwei bis drei Prozent der Seidensticker-Hemden im Inland gefertigt. Ein Drittel kommt aus Lohnkonfektionen in Osteuropa und Nordafrika, zwei Drittel aus Asien. 2007 geht die erste eigene Produktionsstätte in Vietnam in Betrieb, 2019 kommt eine zweite dazu.

Heute wirbt Model Ingeborg (103) zum Jubiläum. - © Seidensticker
Heute wirbt Model Ingeborg (103) zum Jubiläum. | © Seidensticker

Nachdem Seidensticker 1970 die Damenmode-Marke Jobis erwirbt, begibt sich der Hersteller 20 Jahre später auf die Suche nach Markenlizenzen. Mit Arrow, Camel Active, Joop, Strellson, Otto Kern und Bogner werden Partner gefunden, für die das Unternehmen Hemden und Blusen produziert und verkauft.

2010 wird ein eigener Online-Shop von Seidensticker etabliert

2004 übernimmt die dritte Generation das Familienunternehmen. Gerd Oliver Seidensticker und sein Cousin Frank treten als geschäftsführende Gesellschafter die Nachfolge ihrer Väter an. Beide entscheiden, das Unternehmen vertikaler aufzustellen und in eigene Produktionen und Geschäfte zu investieren. Ihr Geschäftsmodell stellen sie auf drei Säulen: Marken, Lizenz, Private Label. Schon früh verfolgt die Marke die Strategie zur Digitalisierung und etabliert 2010 einen eigenen Online-Shop.

Anfang 2019, im Jubiläumsjahr, kommen schlechte Nachrichten aus dem Unternehmen. 120 Stellen baut die Hemdenmarke ab, ein Großteil davon in Bielefeld. Die Zahl der Beschäftigten am Standort sinkt damit auf 260.

Heute beschäftigt Seidensticker weltweit 2.600 Mitarbeiter

Zur Blütezeit der Marke, noch vor Verlegung der Produktion nach Asien, waren es weit über 2.000. Als eine der Ursachen für die Entlassungen gilt der Verlust der Lizenz für die Marke Camel Active. Zwei Tochtergesellschaften schließen, die Logistik wird ausgegliedert. Vier von 35 Stores werden aufgegeben. Heute beschäftigt Seidensticker weltweit 2.600 Mitarbeiter. Der Jahresumsatz lag zuletzt bei 203 Millionen Euro.

Die vierte Generation steht schon in den Startlöchern. "Unser Ziel ist es, ein gesundes Unternehmen mit führender Rolle im europäischen Markt sowie die Marktführerschaft der Marke Seidensticker in Deutschland zurückzuerobern und in die Zukunft zu führen. Daran arbeiten wir alle mit vereinten Kräften", hat Frank Seidensticker kürzlich formuliert.

Information

Der Verkaufsschlager

Es war wie eine Befreiung für deutsche Hausfrauen und -männer. Ende der 60er Jahre, zur Boomzeit der Nylonkleidung, brachte Seidensticker das Hemd mit der schwarzen Rose auf den Markt: Ein bügelfreies Oberhemd aus Baumwollgemisch, das nicht wie Synthetikware an Kragen und Manschetten vergilbte.

Das Hemd wurde zum Verkaufsschlager der Seidensticker-Gruppe. Jeder Mann, der etwas auf sich hielt, trug das Markenzeichen auf der linken Seite über dem Bauch.

35 Jahre später besann Seidensticker sich wieder auf die Rose und verhalf dem Traditionslogo erneut zu Popularität.

2003 hatte die zweite Generation der Schwarzen Rose ihren großen Auftritt auf der Düsseldorfer Modemesse – viel modischer als ihre Vorgängerin. Das Material: 100 Prozent Baumwolle.

Die Produktion des Ursprungsmodells hatten die Bielefelder schon Mitte der 70er Jahre eingestellt. Inzwischen ziert die Rose wieder jedes Herrenhemd und auch jede Damenbluse.

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