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Steckdose als Geldschlucker: Viele Stromkunden haben den Eindruck, dass sie für die Energie zu viel bezahlen. - © picture alliance / imageBROKER
Steckdose als Geldschlucker: Viele Stromkunden haben den Eindruck, dass sie für die Energie zu viel bezahlen. | © picture alliance / imageBROKER

Teurer Strom Zocken Energieversorger ihre Kunden ab?

Der Vorwurf an die Stromversorger im Land ist nicht neu, aber er wiegt schwer: Im Schnitt viel zu stark hätten die Unternehmen zu Jahresbeginn die Preise erhöht

Sigrun Müller-Gerbes
04.05.2019 | Stand 06.05.2019, 10:14 Uhr

Bielefeld. Wie unter anderem Zahlen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft zeigen, haben die Stromversorger ihre Preise zu Jahresbeginn deutlich erhöht. Im Schnitt hätten die Firmen etwa 30 Euro im Jahr mehr bezahlen müssen, um an den Börsen Strom für einen durchschnittlichen Haushalt zu beschaffen - weiterverkauft aber werde er mit einem Aufschlag von rund 60 Euro. Die Energieversorger neigten generell dazu, steigende Preise auf dem Strommarkt schnell an Kunden weiterzugeben, sagt auch die Verbraucherzentrale NRW. Dagegen sorgten sinkende Einkaufspreise häufig erst mit großer Verzögerung auch zu niedrigeren Verbraucherpreisen, kritisiert Christina Wallraf, Energieexpertin der Verbraucherzentrale. Und auch bei der aktuellen Steigerungswelle stimme: "Der Beschaffungspreis an den Börsen ist teurer geworden. Die Unternehmen schlagen aber gerne noch etwas drauf." Immerhin zwei Drittel aller deutschen Stromanbieter haben die Preise seit Jahresbeginn angehoben, im Schnitt um vier bis fünf Prozent. Darunter auch zahlreiche Stadtwerke in OWL. In Bielefeld etwa zahlt ein Durchschnittshaushalt mit 2.800 Kilowattstunden Verbrauch in diesem Jahr 56 Euro mehr als noch 2018. Die Stadtwerke Bielefeld weisen dennoch vehement zurück, dass sie zu kräftig zulangten. Die Berechnung von diversen Portalen, die die Erhöhung kritisieren, sei zu pauschal und deshalb nicht seriös, sagt Holger Mengedodt, Geschäftsbereichsleiter Markt und Kunde. Sein Unternehmen habe beispielsweise im Vorjahr den Preis um 37 Euro gesenkt, das relativiere die jetzige Erhöhung erheblich. Außerdem berücksichtige die Berechnung nicht, wie kompliziert der Strompreis sich in Wahrheit zusammensetze. In der Tat bestimmen viele Einzelfaktoren den Preis für eine Kilowattstunde. Zuallererst Steuern und Abgaben wie die EEG-Umlage zur Förderung Erneuerbarer Energie. Zusammengenommen machen diese Posten deutlich über die Hälfte des Strompreises aus. Etwa 22 Prozent entfallen auf Netzentgelte - also die Gebühren, die die Stromversorger an die Eigentümer der Stromnetze wie beispielsweise Tennet zahlen müssen. Strombeschaffung und Gewinnmarge haben laut Bundesnetzagentur lediglich einen Anteil von 23 Prozent am Preis, den die Verbraucher letztlich zahlen müssen. Nur in diesen 23 Prozent stecken die Preisschwankungen an den Strombörsen. Dass die nicht unmittelbar an die Endkunden weitergegeben werden, erklärt Mengedodt mit der Einkaufspolitik der Stromanbieter. "Wir kaufen nicht heute den Strom, den wir morgen weiterverkaufen", erläutert er. Das Geschäft sei sehr viel langfristiger angelegt - vor allem im Bestreben, den Endpreis möglichst langfristig stabil zu halten. "Wir kaufen schon in diesem Jahr ein Drittel des Stroms, den wir erst im Jahr 2022 an unsere Kunden verkaufen wollen", erläutert der Stadtwerke-Vertreter. Willkürliche Aufschläge auf den Endpreis könne man schon aus rechtlichen Gründen nicht durchsetzen, so Mengedoth: "Wir sind als Grundversorger strikt an die Grundversorgungsverordnung gebunden und dürfen nur die Preissteigerung weitergeben, die wir selbst nachweisen können." Das gilt für die meisten Stadtwerke, für einen Großteil der privaten Stromanbieter aber nicht. Denn als Grundversorger gilt nur, wer in einer Region die meisten Kunden beliefert. Alle anderen sind frei in der Preisgestaltung. Auch deshalb rät Wallraf Verbrauchern sehr dazu, die Preise zu vergleichen und nicht einfach aus Bequemlichkeit jahrelang treu bei einem Anbieter zu bleiben. "Nur die Bereitschaft, den Anbieter auch mal zu wechseln, sorgt für verbraucherfreundliche Preise". Mitunter könne man bei einem Wechsel bis zu 250 Euro jährlich sparen - zumal viele Unternehmen Neukunden-Boni anbieten. Sie sagt aber auch: "Man muss schon der Typ dafür sein, das jedes Jahr neu durchzurechnen". Wer das nicht ist, der könne auch auf "Tarifaufpasser" wie Switchup.de, Esave.de, Wechselpilot.com oder Wechselstrom-ac.de zurückgreifen. Diese "Wechselhelfer" übernehmen die gesamte Abwicklung eines Anbieterwechsels gegen Gebühr. Bei allen diesen Anbietern lautete das Urteil von Stiftung Warentest jüngst: "sehr empfehlenswert".

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