OWL gehört zu den herausragenden Clustern in Europa. - © Foto: Picture Alliance
OWL gehört zu den herausragenden Clustern in Europa. | © Foto: Picture Alliance

Verborgene Weltmarktführer Hidden Champions – Meister der Nische

Ostwestfalen-Lippe ist geprägt von global agierenden mittelständischen Unternehmen. Wie sind sie gestrickt, die Weltmarktführer, die kaum jemand kennt?

Florian Pfitzner
10.03.2019 | Stand 10.03.2019, 15:40 Uhr

In der Philosophie des ostwestfälisch-lippischen Mittelstands ist Angeberei nicht vorgesehen. Wichtigtuer werden nicht geschätzt in dieser Region, die riesige Konzerne hervorgebracht hat und, in großer Zahl, Meister der Nische: Hidden Champions. Da war es schon eine Nachricht, als Marketingstrategen vor bald zwanzig Jahren den OWL-Slogan „Ganz oben in Nordrhein-Westfalen" texteten – eine Anspielung freilich nicht nur auf die geografische Lage. Es sollte aber noch dauern, bis die hiesige Wirtschaftskraft über regionale geschweige denn Landesgrenzen hinaus wahrgenommen wurde, gesellschaftlich wie politisch. Das liege gewiss auch an den Menschen in Ostwestfalen-Lippe selbst, die sich durch „tiefverwurzelte Bodenständigkeit" auszeichneten, mutmaßten Wirtschaftsredakteure im Jahr 2006 in „Heimliche Weltmeister", einer Artikelsammlung der Wochenzeitung Welt am Sonntag. „Prahlen mit vorzeigbaren Erfolgen ist ihre Sache nicht." Hidden Champion erfüllen drei Kriterien Tatsächlich scheinen diese Zuschreibungen ein gedeihliches Klima zu stiften in den Kreisen Gütersloh oder Herford oder Minden-Lübbecke. „Es gibt eine hohe Bodenhaftung zur Region", sagt Wolfgang Marquardt, Marketingleiter des staatlich geförderten Spitzenclusters Intelligente Technische Systeme, kurz it’s OWL. Im Ruhrgebiet hängen sie noch häufig industriellen Großstrukturen nach. In Ostwestfalen-Lippe verteile sich die Verantwortung zum einen auf Konzerne, gleichzeitig auf „zahlreiche familiengeführte Unternehmen mit einer engen Verbundenheit zur Dorf- oder Stadtgesellschaft", sagt Marquardt. „Man denkt hier nicht in Quartalen, sondern in Generationen." Ganz oben in NRW werden in den Industrie- und Handelskammern bislang rund hundert Hidden Champions gelistet. Man richtet sich grob nach der Begriffsfestlegung des Wirtschaftsprofessors Hermann Simon. Als „verborgener Meister" gilt demzufolge, wer zu den Top 3 in seinem Weltmarkt gehört oder die Nummer 1 ist auf seinem Kontinent; wer weniger als 5 Milliarden Euro Umsatz macht; wessen Bekanntheitsgrad sich beim „allgemeinen Publikum" in Grenzen hält. Integrität und Identifikation Auf den Punkt gebracht: ein Weltmeister, den kaum jemand kennt. So beschreibt es Simon in seinem Buch „Zwei Welten, ein Leben". Ausgegangen war er 1986 von der Frage nach der nationalen Wirtschaftskraft; gerade war Deutschland zum ersten Mal Exportweltmeister geworden. Simon erklärte die Hidden Champions zum maßgeblichen Merkmal in der Konkurrenz auf den globalen Märkten. Ostwestfalen-Lippe sei eine „typische Region für Hidden Champions", sagt Simon heute im Gespräch. „Nur mit Fokussierung wird man Weltklasse", das zeigten vor allem die Unternehmen aus der Industrieelektronik: Beckhoff in Verl, Harting in Espelkamp, Phoenix Contact in Blomberg, Wago in Minden oder Weidmüller in Detmold. Messbarer Erfolg nach OWL-Rezeptur gründet also auf einer klaren Mission. Gleichzeitig geht er einher mit einer stabilen Mentalität – gerade im Mittelstand. Wer zwanzig Jahre Mitarbeiter führt, sie am Wochenende im Schützenzelt trifft oder auf dem Sportplatz, hält Maß mit dem Ego. Privates und Berufliches seien häufig „vollständig integriert", sagt Simon. Aufgrund der „totalen Identifikation" mit ihrem Unternehmen besäßen Führungspersönlichkeiten von Hidden Champions „eine starke Überzeugungskraft". Im Gegensatz zu manchen angestellten Managern in Großunternehmen spielten sie nicht irgendeine Rolle, „sondern leben, was sie sind und was sie sein wollen". In der Region ziehen sie an einem Strang Christoph von der Heiden von der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld bestätigt diese Beobachtung. „Es gibt eine grundlegende Bescheidenheit, ja", sagt er. In der Kommunikation der Kernkompetenzen habe sich das jedoch geändert, „da geht man nach vorne". Untersuchungen der Stockholm School of Economics zufolge gehört Ostwestfalen-Lippe zu den herausragenden Clustern in Europa – „gekennzeichnet durch eine hohe Beschäftigungskonzentration, Innovationsfähigkeit und Exportquote", sagen sie bei it’s OWL. Im Maschinenbau, der Elektro- und Elektronikindustrie sowie der Automobilzulieferindustrie bieten demnach 400 Unternehmen Arbeitsplätze für rund 80.000 Beschäftigte, erwirtschaften einen Jahresumsatz von 16,5 Milliarden Euro. Die Unternehmensnetzwerke im Nordosten des bevölkerungsreichsten Bundeslandes seien „von unten entstanden", sagt Marketingleiter Marquardt, „mit der Kür des Spitzenclusters it’s OWL". Während in anderen Regionen große Unternehmen vorne weg marschierten und sich kleinere manchmal argwöhnisch beäugten, habe man in Ostwestfalen-Lippe gelernt, an einem Strang zu ziehen. Die Wirtschaftskraft hat sich herumgesprochen Inzwischen hat sich die Wirtschaftskraft der Region längst herumgesprochen. „Unsere Partner bekommen hochwertige Bewerbungen", sagt Marquardt. Die Hochschulen hätten sich hervorragend entwickelt. „Man kann hier seine Karriere beginnen, früh Verantwortung übernehmen und Erfahrung sammeln." Es gab Zeiten, da gingen junge Ingenieure gerne zu Porsche oder BMW. Mittlerweile habe sich das verschoben, sagt IHK-Mann von der Heiden, hin zu den großen IT-Häusern Google oder Amazon. Die aber hätten „spezielle Spielregeln", was Weiterbildungen angeht oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Karriere macht man, gerade am Anfang, eher in Verl oder in Blomberg." Wirtschaftsprofessor Simon, der von 1979 bis 1989 Betriebswirtschaftslehre und Marketing an der Universität Bielefeld gelehrt hat, äußert leichte Zweifel an der Anziehungskraft der Erfolgsregion OWL. „Es dürfte schwierig bleiben, einen Absolventen der TU München direkt für eine ostwestfälische Kleinstadt zu erwärmen." Man gehe allerdings früh an Talente heran, „fördert sie, bindet sie ein, zeigt ihnen Perspektiven auf", lobt Simon. „Das sind heute schlagende Argumente."

realisiert durch evolver group