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Das Unternehmen Seidensticker baut Stellen ab. - © NW
Das Unternehmen Seidensticker baut Stellen ab. | © NW

Bielefeld Schock im Jubiläumsjahr: Modeunternehmen Seidensticker baut 120 Stellen ab

Die Mitarbeiter sind am Donnerstag bei einer Betriebsversammlung informiert

Heidi Hagen-Pekdemir
21.02.2019 | Stand 22.02.2019, 06:42 Uhr

Bielefeld. „Hier am Ort so etwas zu erleben, macht demütig", sagt Gerd-Oliver Seidensticker. Der geschäftsführende Gesellschafter der Bielefelder Unternehmensgruppe kommt gerade aus der Betriebsversammlung, in deren Verlauf die Belegschaft erfahren hat: 120 Stellen werden abgebaut, davon der Großteil in Bielefeld. Damit sinkt die Zahl der Beschäftigten im Jahr des 100-jährigen Jubiläums am Standort auf 260. „Größter Brocken" ist laut Seidensticker der Logistikbereich mit 50 Arbeitsplätzen. Schon vor Jahren habe das Unternehmen begonnen, diese Sparte auszulagern. Ein Teilbereich wurde an die Produktionsstätten in Asien angekoppelt, die Ware geht von dort direkt zur Kundschaft. Weitere Aufträge führt ein Dienstleister in Norddeutschland aus. In Bielefeld sei zuletzt noch ein Drittel der Aufträge bearbeitet worden. Diese Aufgaben soll ebenfalls ein externes Unternehmen ausführen. Der Auftrag wird ausgeschrieben. Das Thema Logistik beschäftigt Seidensticker schon seit zehn Jahren. Das alte sechsgeschossige Zentrum am Standort sei nicht zukunftsfähig gewesen. „Wir hätten komplett neu bauen müssen", sagt der Unternehmer. Man habe sich schließlich dagegen entschieden. Online-Geschäft mit mehr Umsatz als alle Läden Ein weiterer Stellenabbau habe mit der Optimierung der Beschaffungsstruktur und der Digitalisierung von Abläufen zu tun. Zudem wolle man vier von insgesamt 35 im Inland betriebenen Stores schließen, in Neuss, Essen, Köln und Heidelberg. Der Rückzug von diesen Standorten falle mit dem Auslauf der Mietverträge zusammen. Wobei Seidensticker auch einräumt: „Der stationäre Handel hat es in Zeiten von E-Commerce mit einem starken Frequenzrückgang zu tun." Das Online-Geschäft der Hemden- und Blusenmarke erziele inzwischen mehr Umsatz als alle firmeneigenen Läden, mit Ausnahme der Outlets. Als Auslöser für die Kündigungen nannte Seidensticker den Verlust der Masterlizenz für die Marke Camel Active: „Das strahlt in alle Unternehmensbereiche aus." Wie schon seit November 2018 bekannt ist, wird der bisherige umsatzmäßig größere Sub-Lizenznehmer Bültel 2020 die Marke komplett übernehmen. Betroffen sind davon 50 Arbeitsplätze in Bielefeld. Seidensticker geht davon aus, dass sein Unternehmen nach der Kündigung der Lizenz weiter für Camel Active produzieren wird, allerdings als Private-Label-Partner. Zur Zukunft der betroffenen Mitarbeiter, mit denen bereits Kündigungsgespräche geführt werden, erläutert der geschäftsführende Gesellschafter Frank-Seidensticker: „Gemeinsam mit dem Betriebsrat und der IG Metall sind wir zu einvernehmlichen Ergebnissen gekommen." Um faire Lösungen anbieten zu können, habe man das Bielefelder Unternehmen Transfer West eingeschaltet. Zudem erhalten Beschäftigte das Angebot zur Umschulung in einer Transferagentur. Unternehmer blicken optimistisch in die Zukunft Auf das 100-jährige Firmenjubiläum angesprochen sagt Gerd Oliver Seidensticker: „Dass wir zu diesem Zeitpunkt so handeln müssen, ist nicht schön. Aber wir mussten diesen notwendigen Schritt tun, um unser Unternehmen zukunftsfähig zu halten." Für Jubiläumsfeiern sei das nicht der passende Zeitpunkt. „Da baut man kein Zelt auf. Das wäre peinlich." Seidensticker beschäftigt international 2.500 Mitarbeiter. Der Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr betrug 203 Millionen Euro, der Gewinn 4,3 Millionen Euro. Im Jahr 2012 hatte das Unternehmen eine Anleihe von 30 Millionen Euro platziert und wegen des hohen Zinssatzes von 7,25 Prozent eine immense Nachfrage ausgelöst. Das Papier war siebenfach überzeichnet, 50 Prozent wurden institutionellen Investoren und weitere 46,2 Prozent privaten Anlegern zugeteilt. Hinzu kamen Zeichnungen von Mitarbeitern in Höhe von 3,8 Prozent. 2018 hat das Unternehmen zum Laufzeitende die Anleihe zurückgezahlt. Die Zukunft der Marke Seidensticker sehen die Unternehmer optimistisch: „Die wächst weiter", sagt Gerd-Oliver Seidensticker.

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