Klassisches Design auf natürlichem Grund: Im schlichten Bauhaus-Stil gehaltene Stühle aus dem Hause Thonet. - © PHT
Klassisches Design auf natürlichem Grund: Im schlichten Bauhaus-Stil gehaltene Stühle aus dem Hause Thonet. | © PHT

In Köln steht die IMM bevor Möbel für den Rückzugsort

Die Branche ist vor der Messe optimistisch. Der Zuspruch aus dem Ausland wächst weiter, auch viele Küchenhersteller sind in Köln vertreten. Die Sorgen werden für ein paar Tage verdrängt

Martin Krause
11.01.2019 | Stand 11.01.2019, 20:13 Uhr

Bielefeld/Köln. Jan Kurth freut sich sehr auf die Kölner Möbelmesse, die am Montag beginnt. Nicht nur, weil die Messehallen komplett ausgebucht sind und ein starker Besucherandrang erwartet wird – was in Zeiten von Videokonferenzen und Internetboom keine Selbstverständlichkeit ist, wie das Ende der CeBIT zeigt. „Die IMM wird immer internationaler, das spielt uns in die Karten", sagt der 51-Jährige, der seit Mai 2018 als Geschäftsführer die Geschicke des Möbelverbandes VDM lenkt. Weil 981 der 1.355 Aussteller aus dem Ausland kommen, also inzwischen mehr als 70 Prozent, wird auch mehr ausländische Aufmerksamkeit erwartet: „Wir treffen hier zunehmend auf Kunden aus aller Welt", sagt Kurth. Obwohl der Milliardenmarkt Deutschland wichtig bleibe, gebe es starkes Wachstum nur im Export. Die größten Zuwächse gibt es derzeit in China („die stehen auf Made in Germany"), den USA (2018 plus 22 Prozent). Aber auch in Japan und Russland wird mehr verkauft. Die international erfolgreichste Sparte der deutschen Möbelindustrie bilden seit Jahren die Küchenmöbler, deren Herz mit den Marktführern Nobilia, Häcker und Nolte Küchen sowie etlichen kleineren Herstellern und wichtigen Zulieferern in OWL schlägt. Um 6,2 Prozent hat die Branche ihren Umsatz 2018 auf 4,2 Milliarden Euro gesteigert, und im Export waren die Erfolge überproportional. Die Küchenmöbler gehen also gestärkt zur Living Kitchen, der im zweijährigen Rhythmus in die IMM integrierten Küchenmesse. Von den großen Küchenherstellern fehlt nur Häcker Anders als noch vor wenigen Jahren, als die Küchenmesse mehrfach auf der Kippe stand, genießt sie heute großen Zuspruch: 217 Aussteller zeigen sich diesmal und belegen dabei drei Hallen. „Die Küchenausstellungen werden bereits seit Wochen aufgebaut, das wird mit enormem Aufwand gemacht", staunt VDM-Sprecher Achim Hannott. Von den großen Herstellern fehlt allerdings Häcker: „Wir haben eine überzeugende Tendenz in Richtung Internationalisierung und Innovation bei den vergangenen drei Messen vermisst", klingt es enttäuscht aus Rödinghausen. Den Ausstellern ist es freilich selbst überlassen, mit technischen Neuerungen oder revolutionärem Design aufzuwarten. Die Messeorganisatoren bieten immerhin ein Begleitprogramm, in diesem Jahr spielt der 100. Bauhaus–Geburtstag eine zentrale Rolle, und die IMM zeigt eine Sonderschau dazu. Ob die legendäre Designlehre sich auch in neuen Modellen der Möbler wiederfindet, bleibt abzuwarten. Das reduzierte, schlichte, in manchen Augen auch strenge Bauhaus-Design scheint dem gegenwärtigen Trend zu eher kuscheliger Gemütlichkeit zu widersprechen. Ein neuer Besucherrekord scheint möglich Bauhaus sei „bisher eine Nische", sagt dazu die VDM-Trendanalystin Ursula Geismann. Sie erkennt in vielen Kunden einen „digitalen Neandertaler", der sich gleichzeitig in seiner Höhle und im globalen Netz aufhält. Dabei soll das Zuhause ein Nest und Rückzugsort abseits der aufgeregten und konfliktbeladenen Welt sein. Mehr als 150.000 Besucher werden in Köln erwartet, ein neuer Rekord scheint möglich. „Messechef Gerald Böse macht einen sehr guten Job", lobt Kurth. Die Entwicklung der Möbelmesse macht der Branche offenbar Spaß. Jan Kurth muss sich um Strategie und Struktur kümmern Im Alltag danach wird Diplom-Volkswirt Kurth, der bereits 2001 zum VDM kam, sich mit alten und neuen Problemen befassen müssen. Mit der weiteren Entwicklung der Branchen-Strategie zum Beispiel, in der „Made in Germany", Exportoffensive und Online-Ausbau die Pfeiler sind. Kurth wird sich mit der weiter wachsenden Macht weniger großer Handelsketten und Einkaufsverbände auseinandersetzen („die Händler machen sich mit immer höheren Rabatten untereinander selbst das Leben schwer"). Und Kurth soll sich auch um die Neustrukturierung der Möbelverbände kümmern. Lucas Heumann, der Chef der Möbelfachverbände in Herford, sagt, dass er Ende 2019 in Ruhestand geht. Die Verbands-Standorte in Bad Honnef und Herford bleiben beide erhalten, so Heumann – aber sie sollen enger zusammenarbeiten. Als Denkmodell gilt, dass der VDM zwei Standorte erhält – Beschlüsse gibt es noch nicht.

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