Selbstkritik: Ronald Pofalla, Vorstand Infrastruktur der Deutschen Bahn AG, sieht sich in der Verantwortung. Foto: dpa - © picture alliance / Marius Becker
Selbstkritik: Ronald Pofalla, Vorstand Infrastruktur der Deutschen Bahn AG, sieht sich in der Verantwortung. Foto: dpa | © picture alliance / Marius Becker

Ronald Pofalla im Interview Warum es bei der Bahn immer wieder hakt

Ronald Pofalla war früher Kanzleramtsminister. Jetzt ist er Vorstand für Infrastruktur bei der Deutschen Bahn AG - und räumt Schwächen des Unternehmens ein

Thomas Seim
01.01.2019 | Stand 01.01.2019, 17:15 Uhr

Herr Pofalla, sind Sie von der Kritik aus der Bundesregierung an den Leistungen der Bahn und deren Vorstand überrascht worden? Ronald Pofalla: Wir stehen ja im ständigen Austausch mit der Bundesregierung und diskutieren die anstehenden Fragen. Die Ministerien entsenden Vertreter in den Aufsichtsrat der Bahn und wir haben zwei sehr intensive, aber auch konstruktive Sitzungen des Aufsichtsrates hinter uns. Es gibt noch Fragen, die wir klären müssen: Wie wir die Bahn effektiver steuern und dadurch besser machen können und wie wir gemeinsam die massiven Investitionen in die Zukunft der Bahn schultern können. Darüber werden wir im neuen Jahr sprechen. Die Kritik trifft den Vorstand. Auch Sie selbst? Pofalla: Natürlich fühle ich mich angesprochen. Und ich nehme Kritik sehr ernst. Wir tragen alle gemeinsam im Vorstand die Verantwortung und arbeiten mit vereinten Kräften. Positiv ist, dass die Maßnahmen anfangen zu greifen. Der Dezember war von der Pünktlichkeit der beste Monat seit Februar. Um den Eisenbahnverkehr in Deutschland jedoch grundlegend auf neue Beine zu stellen, müssen wir allerdings auf die Digitalisierung der Schiene setzen. Daran führt kein Weg vorbei. Gleichzeitig arbeiten wir weiter an kurzfristigen Maßnahmen, damit die Kunden schneller profitieren. Seit Beginn dieses Jahrzehnts haben wir an die 60 Mrd. Euro in die Erneuerung des Netzes gesteckt. Ein riesiger Kraftakt. Dabei sorgen die täglich bis zu 800 Baustellen für immer weniger Störungen. Was werden dann aus Ihrer Sicht die wichtigsten Projekte für 2019 und danach sein? Pofalla: Eine umfassende Kapazitätssteuerung und die Digitale Schiene Deutschland sind die Stichworte. Wir brauchen schlicht mehr Kapazität bei Zügen und im Netz und müssen mehr Mitarbeiter einstellen. Und ich muss es betonen: Wir müssen die Digitalisierung in Angriff nehmen. Nur so werden wir den Eisenbahnsektor zukunftsfest machen. Nur so schaffen wir den Platz im Netz, um den großen Ansturm auf die Schiene zu bewerkstelligen. Und nur so werden wir die Klimaschutzziele hierzulande erreichen können. Mit der Digitalen Schiene Deutschland fahren bis zu 20 Prozent mehr Züge auf dem bestehenden Netz. Das wäre mit einem klassischen Gleisausbau überhaupt nicht zu schaffen und um vieles teurer. Ich bin zuversichtlich, dass in den anstehenden Beratungen zum Haushalt 2020 die Mittel bereitgestellt werden, um die nächsten Schritte bei der Digitalen Schiene Deutschland zu machen. Sie sind für Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit nicht selbst verantwortlich, aber gibt es überhaupt keine Chance, dieses Thema zur Zufriedenheit der Bahnfahrer abzuräumen? Pofalla:Natürlich bin ich auch für die Pünktlichkeit mitverantwortlich. Natürlich sind es auch die Kollegen vom Personenverkehr. Im Netz drehen wir an vielen Stellschrauben, haben aber auch noch Hausaufgaben zu erfüllen. Ich sehe mittel- und langfristig aber nur die Möglichkeit, mit der Digitalen Schiene Deutschland ein neues Hightech-Netz aufzubauen, mit der Ausstattung aller Züge. Dieses Netz wird viel stabiler, weil weniger störungsanfällig, viel flexibler, weil leichter steuerbar und viel mehr Menschen befördern, weil schlicht zusätzliche Züge fahren werden können. Warum ist die Pünktlichkeit eigentlich so ein Problem heute? Früher galt: Alle Wetter – die Bahn. Pofalla: Da kommen einige Faktoren zusammen. Wir fahren so viele Züge wie nie und jagen von einem Passagierrekord zum nächsten. Da wird es langsam eng auf dem Netz. Es sind ca. fünf Prozent vom Schienennetz, die uns von der Kapazität Sorgen bereiten. Hier wird uns die Digitalisierung auf längerer Sicht helfen. Aktuell haben wir „Plankorridore" in diesem Engpassnetz eingerichtet, wie zum Beispiel zwischen Köln und Dortmund sowie zwischen Mannheim und Fulda. Hier wollen wir durch eine intensivere Steuerung kurzfristig eine Reduzierung von Verspätungen und Fehlern erreichen, um pünktlicher im Gesamtnetz zu werden. In 2019 werden wir weitere „Plankorridore" im Engpassnetz einrichten. Wenn wir dann noch die Züge besser in Griff kriegen, bei der Wartung und dem Service zulegen und mehr Personal haben, werden wir große Schritte voranmachen. Entsprechende Maßnahmenpakete sind in der „Agenda für eine bessere Bahn" enthalten. Im vergangenen Jahr haben wir bereits weit über 20.000 Mitarbeiter eingestellt. Vermutlich sind Sie auch häufig mit der Bahn als mobilem Büro unterwegs. Können Sie erklären, warum man nicht überall die gleichen hochwertigen digitalen Anbindungen in ICE und anderen Zügen hat? Pofalla: Ich fahre wirklich viel Bahn. Wo können Sie sonst bequem bei der Fahrt arbeiten, gleichzeitig einen Kaffee trinken, anschließend einen guten Film schauen? Das WLAN in den ICE hat uns über 100 Mio. Euro gekostet. Aber Probleme machen die weißen Flecken bei der Mobilfunkversorgung. Wo keine Funkmasten stehen, können wir auch kein Signal in unsere Züge kriegen. Deshalb haben wir bei der Ausschreibung der 5-G-Frequenzen darauf gedrungen, dass auch Bahnstrecken bedacht werden. Bielefeld-Berlin soll in ein paar Jahren in zwei Stunden möglich sein. Was ist Ihre Vision: Wie schnell wird ein ICE dereinst fahren und Städte miteinander verbinden können? Pofalla: Wir brauchen einen optimalen Fahrplan mit dem die Menschen öfter, schneller und umweltschonend überall an ihr Ziel kommen. Für einen solchen Deutschland-Takt ist ein hochleistungsfähiges Schienennetz für den Personen- und Güterverkehr notwendig. Der Ausbau der Knoten wird der Schlüssel zu einem leistungsfähigen Schienennetz. Dabei sind die Metropolregionen besonders wichtig.

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