Für ein Honorar sollen Ärzte gesunde Patienten so krankgeschrieben haben, dass sie frühverrentet wurden.  - © Pixabay (Symbolbild)
Für ein Honorar sollen Ärzte gesunde Patienten so krankgeschrieben haben, dass sie frühverrentet wurden.  | © Pixabay (Symbolbild)

Bielefeld Kriminelle Ärzte verhelfen Patienten zur Frührente

Die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Bielefeld ermittelt in Hunderten Fällen

Bielefeld. Es geht um Sozialbetrug in Millionenhöhe. Kriminelle Ärzte schreiben für ein Honorar von wenigen Tausend Euro gesunde Patienten so krank, dass sie frühverrentet werden. Die Deutsche Rentenversicherung (DRV) Westfalen überprüft seit 2014 akribisch Akten. Die Zahl der von ihr angezeigten Fälle ist inzwischen so hoch, dass neben der Staatsanwaltschaft Bochum auch die Staatsanwaltschaft Bielefeld ermittelt. Verfahren gegen mehrere Ärzte und Patienten Überprüft werden Fälle in ganz Westfalen – darunter auch in Ostwestfalen und Lippe. Das Verfahren richtet sich gegen mehrere Ärzte, zahlreiche Patienten und Vermittler insbesondere aus dem Ruhrgebiet, aber auch aus dem restlichen Westfalen, wie der Bielefelder Oberstaatsanwalt Gerald Rübsam bestätigt. Allein die Bielefelder Schwerpunktstaatsanwaltschaft ermittelt in mehr als 700 „Tatkomplexen". Es gehe um den Verdacht der unrechtmäßigen Erlangung von Erwerbsminderungs- und Berufsunfähigkeitsrenten, Pflegegeld und Krankengeld. „Die Höhe des Schadens kann zurzeit aufgrund der Vielzahl der Fälle noch nicht benannt und auch nicht prognostiziert werden", sagt Rübsam. Pro Fall gehe es um monatliche Beträge im drei- bis vierstelligen Bereich. Erste Angeklagte bereits verurteilt Das Landgericht Bochum verurteilte in einem Fall erste Angeklagte zu mehrjährigen Haftstrafen. Von 2009 bis 2014 hatten drei türkischstämmige Komplizen aus dem Ruhrgebiet an der Betrugsmasche mitgewirkt und dem Hauptangeklagten, einem Bochumer Psychiater und Neurologen, immer weitere Patienten gegen ein Honorar in dreistelliger Höhe zugeführt. Insgesamt waren es Hunderte Patienten. Der Psychiater, der schon der ersten Verhandlung krankheitsbedingt fernblieb und inzwischen verstorben ist, hatte jahrelang einen schwunghaften Handel mit gefälschten Gutachten, Krankschreibungen und Rezepten betrieben. Bei den aufgedeckten Betrugsfällen geht es fast ausschließlich um türkischstämmige Versicherte, die sich „kaputtschreiben" lassen wollten. Die Vermittler begleiteten die „psychisch kranken Patienten" als Dolmetscher zu Behandlungsterminen. Bis 7.500 Euro pro Patient Etwa 1.500 bis 7.500 Euro kassiere ein krimineller Arzt in diesen Fällen pro Patient, wie Insider sagen. Die illegale Frührente belaufe sich auf rund 1.000 Euro. Die DRV Westfalen hat nach den aufgedeckten Fällen vielen die unrechtmäßige Erwerbsminderungsrente entzogen. „Ein zukünftiger Schaden in Höhe von 29 Millionen Euro konnte dadurch vermieden werden", teilte die DRV Westfalen mit. Dabei sei erst ein Teil aller Verdachtsfälle abgeschlossen.

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