Hamm. Mängel im Kraftwerk Hamm: RWE droht Milliardenverlust

Fertigstellung des Neubaus ungewiss / Zahlreiche Kommunen zittern

VON HUBERTUS GÄRTNER

RWE droht Milliardenverlust - © Wirtschaft
RWE droht Milliardenverlust | © Wirtschaft

Hamm. Der Essener Konzern RWE, eines der größten Energieunternehmen in Europa, steht vor einem peinlichen und finanziell folgenreichen Desaster. Weil beim Bau des neuen Steinkohle-Großkraftwerks in Hamm erneut Schäden und technische Probleme festgestellt worden sind, ist die Fertigstellung des Projekts in weite Ferne gerückt.

Man könne "zum jetzigen Zeitpunkt 400 Millionen Euro Mehrkosten prognostizieren", aber "keinen Termin für eine Fertigstellung" mehr nennen, sagte ein RWE-Sprecher dieser Zeitung. Angesichts neu festgestellter Schäden habe das mit dem Bau beauftragte Unternehmen Alstom sein "Reparaturkonzept zurückgezogen", hieß es weiter zur Begründung.

Der Energiekonzern RWE und ein Konsortium aus 23 Stadtwerken wollen in Hamm zwei neue 800-Megawatt-Kraft-werksblöcke installieren. Der 2008 begonnene Bau sollte ursprünglich 2012 ans Netz gehen, aber die Fertigstellung verzögerte sich immer wieder. Der erste neue Block nahm dann Anfang Juli dieses Jahres den Betrieb auf. Die Fertigstellung des zweiten Blocks war zuletzt für Mitte 2015 Jahres geplant.

"Neue Erkenntnisse bezüglich des Schadensumfangs"

Allerdings ist auch dieser Termin jetzt hinfällig. "Im Rahmen der weiteren Befundung des Dampfkessels wurden neue Erkenntnisse bezüglich des Schadensumfangs (...) identifiziert, so dass das zunächst in Erwägung gezogene Reparaturkonzept als nicht hinreichend zurückgezogen wurde", teilte Alstom-Sprecherin Beatrix Fon-tius auf Anfrage mit.

Die Kühltürme des RWE-Kohlekraftwerkes Westfalen fotografiert am 1. Juni 2012 in Hamm. - © ARCHIVFOTO: DPA
Die Kühltürme des RWE-Kohlekraftwerkes Westfalen fotografiert am 1. Juni 2012 in Hamm. | © ARCHIVFOTO: DPA

Laut RWE sind technische Probleme bei der Dampferzeugung aufgetreten, die auf "undichte Stellen" im neuen Leitungssystem zurückzuführen sind. "Die eigentliche Ursache für das Auftreten der Risse und Schäden" habe der TÜV Rheinland als von RWE und Alstom gemeinsam beauftragter Gutachter aber "noch nicht endgültig feststellen können", so Fontius.

Es sind nicht die ersten Pannen. So waren in Hamm im Herbst 2013 große Mengen Salzsäure in einen Kraftwerkskessel eingedrungen. "Themen, die mit dem Eintrag der Salzsäure zu tun haben, sind von der RWE zu vertreten", verteidigt sich Alstom. Dem Vernehmen nach streiten beide Konzerne bereits um Schadenersatz. Die Investitionskosten sind von 2 auf 2,4 Milliarden Euro geklettert. Laut Handelsblatt könnten sie wegen der neuerlichen Probleme sogar auf drei Milliarden Euro steigen.

Aussichten verdüstern sich

Auch den 23 Kommunen (dazu gehören etwa Osnabrück, Münster, Dortmund, Herne und Bochum), die insgesamt 23 Prozent der Anteile an den beiden Kraftwerksblöcken halten, drohen beträchtliche Verluste. Sie stehen zwar mit ihren Beteiligungen nur bis zu einer Gesamtinvestitionssumme von zwei Milliarden Euro gerade. Trotzdem verdüstern sich durch die aktuelle Entwicklung auch ihre Aussichten.

Nach der Energiewende sind die Strompreise infolge der vermehrten Einspeisung von Wind- und Solarenergie gesunken. Das gigantische neue Kohlekraftwerk in Hamm wird deshalb ohnehin kaum Rendite abwerfen. Auch die Aktien von RWE, die zahlreiche Kommunen noch in ihrem Besitz haben, verloren in den letzten Jahren stark an Wert. Teure Pannen an einem nagelneuen Kraftwerk können daher alle Beteiligten nicht gebrauchen.

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