Steinhagen Akte Balsam nun geschlossen

Konkursverfahren über Vermögen des einstigen Sportbodenherstellers aufgehoben

VON NICOLE DONATH
Akte Balsam nun geschlossen - © Wirtschaft
Akte Balsam nun geschlossen | © Wirtschaft

Steinhagen. Der Fall Balsam zählt zu den spektakulärsten Fällen deutscher Wirtschaftskriminalität. 20 Jahre ist es her, dass der Betrug des weltweit agierenden Steinhagener Sportbodenherstellers durch eine anonyme Anzeige an die Öffentlichkeit kam.

Der Skandal, der sich entwickelte, war an Dramatik nicht zu überbieten: Es ging um Milliarden und Manipulationen. Um verschleppte Ermittlungen und einen zeitweise verschollenen Finanzchef. Und um persönliche Dramen, als sich ausgerechnet der ermittelnde Kriminalhauptkommissar, ausgezeichnet mit dem Preis für Business Crime Control, auf eine Liaison mit der Ehefrau des Hauptbeschuldigten, des Balsam-Finanzchefs, einließ.

Die Urteile sind längst gesprochen, selbst die Haftstrafen schon verbüßt. Erst jetzt ist auch das Konkursverfahren aufgehoben worden. Als es 2009 eröffnet wurde, standen Forderungen von 1,98 Milliarden Euro einem Vermögen von zehn Millionen Euro gegenüber. Geplant war, das verbliebene Vermögen des früheren Firmenchefs Friedel Balsam noch vor Jahresfrist zu verteilen. Letztlich dauerte das fast fünf Jahre. Erst hatten die Forderungen von Arbeitnehmern und Finanzämtern Vorrang, dann mussten 700 weitere Gläubiger bedacht werden – ein großer Aufwand.

Mit dem Slogan "Wir bereiten dem Sport den Boden" warb die weltweit agierende Balsam AG. - © FOTO: NICOLE DONATH
Mit dem Slogan "Wir bereiten dem Sport den Boden" warb die weltweit agierende Balsam AG. | © FOTO: NICOLE DONATH

Die Geschichte begann in den 60er Jahren. Mit einer Schreibmaschine, einem kleinen Laster und 7.000 Mark, die sich Friedel Balsam geliehen hatte. Dabei ging es für den Jungunternehmer zunächst steil bergauf, das Unternehmen stattete Sportstätten mit Kunstrasen und Belägen aus und avancierte in den 1980er Jahren zum globalen Marktführer. Selbst namhafte Banken, geblendet von den Erfolgen, waren als stille Teilhaber bei der Balsam AG eingestiegen. Die Kosten, sagte Balsam während des Prozesses vor dem Bielefelder Landgericht später aus, habe er irgendwann nicht mehr im Blick gehabt. Und sein Finanzchef Klaus Schlienkamp ergänzte: "Das Unternehmen war auf Sand gebaut."

Kapital in gigantischem Ausmaß

Mit Hilfe des sogenannten Factoring, das die Balsam AG mit Europas größter Vorfinanzierungsfirma Procedo (Wiesbaden) praktizierte, besorgte sich der Sportbodenhersteller Kapital in gigantischem Ausmaß. Das funktionierte so: Erhielt die Balsam AG einen Auftrag, wurden dafür am Ende zwei Rechnungen geschrieben. Die korrekte Rechnung ging an den Kunden, eine zweite (gefälschte) Rechnung mit gigantisch erhöhtem Auftragswert erhielt die Procedo.

Teilweise wurden die Originalrechnungen dilettantisch mit Tipp-Ex verändert und oftmals nur per Fax nach Wiesbaden übermittelt! Im Gegenzug erhielt die Balsam AG von der Procedo einen Kredit über eine Summe, die der Scheinrechnung sehr nahe kam. Balsam nahm dieses Geld, um mit der Differenz zwischen echter und gefälschter Auftragssumme an den Devisen- und Wertpapiermärkten zu spekulieren. Und Finanzchef Klaus Schlienkamp war damit immerhin so erfolgreich, dass die weltweit 1.600 Mitarbeiter bezahlt werden konnten und für die vier Vorstandsbosse Balsam, Schlienkamp, Horst Bert Schultes und Dietmar Ortlieb Gehälter in Millionenhöhe übrigblieben.

Bis zu dem Augenblick, als ein Generalbevollmächtigter aus dem Geschäft aussteigen wollte und – anonym – Anzeige erstattete. Der Mitarbeiter, der später zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde, setzte die Staatsanwaltschaft Bielefeld, Schwerpunkt Wirtschaftskriminalität, von den Akten in Kenntnis. Doch die reagierte genauso wenig wie die ebenfalls informierten Magazine Stern und Spiegel. Etwa neun Monate später wandte sich der Informant im Herbst 1993 direkt an die Bielefelder Kriminalpolizei. Der zuständige Ermittler ließ fortan nicht mehr locker. Immer wieder sprach er bei der Staatsanwaltschaft vor, recherchierte – teils auf eigene Faust – und deckte immer mehr Ungereimtheiten auf.

NW macht den Fall öffentlich

Im Juni 1994 wurde im ZDF anonymisiert über den Fall berichtet, zwei Tage später machte die Neue Westfälische den Fall öffentlich: Plötzlich ließ der zuständige Oberstaatsanwalt, der noch im selben Jahr vom Dienst suspendiert wurde, die Firma durchsuchen. Schlienkamp, Balsam und die Vorstände Schultes und Ortlieb wurden festgenommen. Die Balsam AG meldete Konkurs an.

Der Vorwurf, der später in einer 875-seitigen Anklageschrift konkretisiert wurde: Schädigung von 45 Banken durch das Factoring von Phantomgeschäften in einem Umfang von rund 1,7 Milliarden Mark. Schlienkamp legte als einziger Beschuldigter ein Geständnis ab. Ende 1998 tauchte er unter, nach fast eineinhalbjähriger Flucht wurde er 2000 auf den Philippinen aufgestöbert. Da war er bereits zu zehn Jahren Haft verurteilt worden, Friedel Balsam zu acht Jahren. Das letzte Kapitel ist nun geschlossen.

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