Die polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnete für 2017 12.447 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen sowie 7.818 Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Kinder- und Jugendpornografie. - © picture alliance
Die polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnete für 2017 12.447 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen sowie 7.818 Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung von Kinder- und Jugendpornografie. | © picture alliance

Bielefeld Kinderschutz: Studie offenbart schwere Defizite in Jugendämtern

Probleme: Der Schutz von Kindern krankt laut der Untersuchung an einer Überforderung der unterfinanzierten Behörden, weil das Personal schlecht ausgebildet und überlastet ist.

Bielefeld. Im Fall des tausendfachen Kindesmissbrauchs im lippischen Lügde werden immer neue Missstände öffentlich, die vor allem die Arbeit der Jugendämter in Frage stellen. Viele Jugendämter in OWL nehmen den Fall aktuell zum Anlass, um die eigene Arbeit und insbesondere die Pflegeverhältnisse zu prüfen. Doch das reicht nach Einschätzung der Koblenzer Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann im Kampf gegen die Misshandlung von Kindern nicht aus. Beckmann offenbart in ihrer Studie zu den Allgemeinen Sozialen Diensten der Jugendämter in Deutschland eklatante Defizite in der Einarbeitung der Fachkräfte und der Finanzierung der Ämter. Für die Studie im Auftrag des Jugendamts Berlin-Mitte wurden 652 Mitarbeiter aus 175 Jugendämtern befragt. Die Ergebnisse der repräsentativen Untersuchung machen deutlich, dass es bundesweit zu wenig Personal für zu viele Fälle gibt. „Der Schutz von Kindern krankt an mangelnder personeller Ausstattung", kritisiert Beckmann. „Es gibt Ämter, in denen eine Fachkraft 100 Fälle bearbeiten muss." In hohem Maße verantwortlich dafür, dass Jugendämter in Deutschland Gewalt gegen Kinder immer wieder übersehen, sind laut Beckmann Defizite in der Ausbildung sozialpädagogischer Fachkräfte. „Das Studium soziale Arbeit ist eine Breitbandausbildung, die das gesamte Spektrum der sozialen Arbeit von Kindern über Senioren abdeckt, jedoch ohne Spezialisierungen." Vom Studium ohne Einführung direkt in die Praxis Ein weiteres Problem ist laut Beckmann der Wegfall des Anerkennungsjahres durch die Bologna-Reform. „Die verpflichtende Hospitanz in Jugendämtern und anderen Institutionen ist für Absolventen nicht mehr vorgesehen", erklärt Beckmann. „Absolventen werden in vielen Fällen deshalb direkt nach dem Studium als Fachkräfte eingesetzt, auch in der Arbeit gegen die Misshandlung von Kindern." Zudem werden viele Absolventen laut Beckmann nicht eingearbeitet. Ein Drittel der Behörden hat der Studie zufolge nicht mal ein Einarbeitungsmodell. Die Übrigen haben zwar eines, bei 56 Prozent von ihnen beträgt die Einarbeitungszeit aber weniger als drei Monate. „Danach kann ich gut in einer Cocktailbar arbeiten, aber nicht Verantwortung für den Schutz von Kindern übernehmen", moniert Beckmann. Aufgrund der Defizite in der Ausbildung können sich laut Beckmann viele Fachkräfte schlicht nicht vorstellen, dass Gewalt und organisierte sexuelle Kriminalität gegen Kinder auch in ihrem Einzugsbereich vorkommt. „Sie nehmen Hinweise, wie es sie auch im Fall in Lügde gegeben hat, nicht ernst." Diese strukturellen Probleme sorgen laut Beckmann bundesweit dafür, dass Hinweise, die auf Kindesmissbrauch hindeuten, in vielen Fällen nicht ernst genommen werden. „Dabei offenbaren diverse Statistiken das Ausmaß von Gewalt gegen Kinder in Deutschland." Sozialwissenschaftlerin fordert eine Systemreform Der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann geht bundesweit von jährlich 80.000 Kindern aus, deren Wohl durch häusliche Gewaltsituationen bedroht ist. „Es gibt in Deutschland zudem jeden Tag 37 Anzeigen wegen sexueller Gewalt gegen Kinder und zwölf Diagnosen von Ärzten, die Gewalt gegen Kinder dokumentieren", ergänzt Beckmann. Zudem sind 2017 in Deutschland 143 Kinder an den Folgen häuslicher Gewalt gestorben. „Diese Zahlen zeigen, dass Missbrauchsfälle wie in Lügde nicht überraschen dürften. Insbesondere nicht Fachkräfte wie Polizisten oder Jugendamtsmitarbeiter", sagt Beckmann. „Die Arbeit der Fachkräfte in Jugendämtern ist herausfordernd und verantwortungsvoll, deshalb ist es so wichtig, dass sie sich spezialisieren, um Alarmsignale zu erkennen. Doch genau das ist aktuell in der Ausbildung nicht vorgesehen", moniert Beckmann. Missbrauch passiert in allen sozialen Schichten Deshalb fordert die Sozialwissenschaftlerin nicht nur eine Reform der Ausbildung sozialpädagogischer Fachkräfte sowie der Finanzierung von Jugendämtern, sondern auch die Einführung einer Fachaufsicht und bundeseinheitliche Standards für die fachliche Arbeit in Jugendämtern, insbesondere bei der Auswahl von Pflegestellen. „Wichtig ist auch ein gesellschaftlicher Wandel in der Einstellung zur Gewalt gegen Kinder, die in allen sozialen Schichten vorkommt und von Männern und Frauen begangen wird." Auch die Einstellung in Bezug auf Pflegestellen und Heimen müsse sich ändern. „Für viele traumatisierte Kinder ist es besser, wenn sie nicht in einer Pflegefamilie untergebracht werden, sondern von Fachkräften in Wohngruppen begleitet werden, um erneute Beziehungsabbrüche zu vermeiden."

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