Willkommenskultur: Die Zustimmung ist wieder gewachsen. - © picture alliance / dpa
Willkommenskultur: Die Zustimmung ist wieder gewachsen. | © picture alliance / dpa

Bielefeld Rechtsruck? Von wegen: Deutschland nicht so gespalten wie vermutet

Studie des Bielefelder Gewaltforschers Andreas Zick zeigt: Die politische Debatte ist sehr viel polarisierter als die Haltung der Bevölkerung

Bielefeld/Berlin. Die deutsche Bevölkerung ist in Sachen Migration offenbar weniger tief gespalten als es die oft aufgeregte öffentliche Debatte vermuten lässt. Eine Langzeitstudie des Bielefelder Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung zeigt: Zuwanderung wird in der deutschen Bevölkerung heute positiver eingeschätzt als noch vor zwei Jahren. Institutsleiter Andreas Zick und sein Team befragen, gefördert von der Mercator-Stiftung, seit 2014 alle zwei Jahre eine repräsentative Zahl von Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund zu ihrer Haltung zu Integration und Zuwanderung. Die Ergebnisse der Studie "Zugleich" sind überraschend: Trotz der jüngsten Wahlerfolge von Rechtspopulisten und der extrem kontroversen politischen Debatte um die Flüchtlingspolitik werden Fremde in Deutschland keineswegs immer stärker abgelehnt: "Die gesellschaftliche Willkommenskultur findet wieder mehr Zuspruch", heißt es in der Studie, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde, und: "Weniger Menschen fordern Vorrechte für Alteingesessene ein". Klima entspannt sich "Das gesellschaftliche Klima hat sich entspannt", sagt Zick, Vielfalt sei offenbar im Alltag vieler Menschen "zur Normalität geworden". Die Wissenschaftler hatten Sätze in der Umfrage  vorgelegt wie "Ich freue mich darüber, wenn sich immer mehr Migranten in Deutschland zuhause fühlen", oder "Es gefällt mir, dass sich so viele Migranten für Deutschland als neue Heimat entscheiden". Die Befragten sollten Zustimmung oder Ablehnung bekunden. Ergebnis: 2016 hatten sich noch 32,3 Prozent der Deutschen klar gegen eine Willkommenskultur positioniert, in der aktuellen Befragung sind es nur noch 27,5 Prozent - allerdings immer noch ein Viertel der Bevölkerung. Umgekehrt sagen heute 36,9 Prozent der Deutschen, sie begrüßten die Willkommenskultur - 4,5 Prozent mehr als noch vor zwei Jahren. Fast die Hälfte der Befragten stimmte dem Satz zu "Ich freue mich, dass Deutschland noch vielfältiger und bunter wird". Massive Verschlechterung nach Kölner Silvesternacht Allerdings sind die Zustimmungswerte noch immer deutlich unter denen des Jahres 2014 - vor der großen Fluchtbewegung 2015 und den Ereignissen der Kölner Silvesternacht. In deren Folge waren die Werte massiv eingebrochen. Dass sie sich nun wieder erholen, zeugt Zick zufolge auch davon, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen der emotional aufgeladenen politischen Debatte über Migration und der Lebensrealität der Menschen. Die Politik meine offenbar, der rechtspopulistische Diskurs sei der Mehrheitsdiskurs. "Aber das ist er nicht", so Zick. Insgesamt, so heißt es in der Studie, Politik und Zivilgesellschaft könnten sich beim Thema Integration "auf eine gegenüber Vielfalt positiv oder neutral eingestellte Mehrheit der Bevölkerung stützen". Keine Entwarnung Entwarnung geben die Bielefelder Forscher allerdings nicht. Immerhin 20 Prozent der Befragten hätten "klare und feste Ressentiments gegen die Zuwanderung". Co-Autorin Madlen Preuß sagt: „Trotz der positiven Tendenzen zeigt die Studie auch, dass Teile der Bevölkerung nach wie vor Vorbehalte gegenüber sogenannten „Neuen" haben und ihnen gleiche Rechte absprechen." Diese Vorbehalte stellen die Forscher nicht nur bei Deutschen ohne Migrationshintergrund fest, sondern zunehmend auch bei Zuwanderern, die schon länger in Deutschland leben, und bei ihren Nachkommen. Die Forderung, die die Wissenschaftler aus ihren Daten plakativ ableiten: "Mehr Integration wagen!" Die Mehrheit der Bevölkerung lebe längst in einer multikulturellen Alltagswelt. Nun komme es darauf an, zu investieren: in Sprachkurse, Ausbildung, Integration auf dem Arbeitsmarkt, ins kommunale Leben.

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