Unbeliebt: Weil sich immer mehr Eltern alle Bildungsoptionen für ihre Kinder offen halten möchten, gehen die Schülerzahlen an Haupt- und Realschulen stark zurück. - © picture alliance
Unbeliebt: Weil sich immer mehr Eltern alle Bildungsoptionen für ihre Kinder offen halten möchten, gehen die Schülerzahlen an Haupt- und Realschulen stark zurück. | © picture alliance

Düsseldorf/Bielefeld Weniger Interesse an Haupt- und Realschulen: Eltern wählen das Schulsystem ab

Trend: Das Interesse an Haupt- und Realschulen sinkt in NRW weiter dramatisch. Erziehungswissenschaftler Heinz Günter Holtappels sieht darin ein Scheitern des dreigliedrigen Systems und fordert eine Reform.

Carolin Nieder-Entgelmeier

Düsseldorf/Bielefeld. Mit dem Start in das Schuljahr 2018/19 wird mit Blick auf die Anmeldezahlen der Schüler deutlich, dass das Interesse an Haupt- und Realschulen weiter dramatisch sinkt. Für den Dortmunder Erziehungswissenschaftler Heinz Günter Holtappels ist das ein klares Zeichen dafür, dass das traditionelle dreigliedrige Schulsystem gescheitert ist. „Die Eltern haben das System abgewählt, weil sie sich höhere Abschlüsse für ihre Kinder wünschen", erklärt Holtappels vom Institut für Schulentwicklungsforschung der technischen Universität Dortmund. „Zudem möchten sich Eltern möglichst alle Bildungsverläufe offenhalten, weil Kinder sich während der Schulzeit unterschiedlich entwickeln." Die Folge: Eltern wählen für ihre Kinder Schulformen, die alle Optionen für verschiedene Bildungsgänge und Abschlüsse beinhalten – Gesamtschulen und Gymnasien. Mit Beginn des neuen Schuljahres wird der Strukturwandel der Schullandschaft auch in OWL deutlich: Nach Angaben der Bezirksregierung Detmold wurden zum Ende des Schuljahres 2017/18 33 Schulen geschlossen, darunter 17 Hauptschulen und 12 Realschulen. „In der Regel gehen die Haupt- und Realschulen in neu gegründete Sekundar- oder Gesamtschulen auf", erklärt Sprecher Andreas Moseke. Mit Blick auf das Schuljahr 2014/15 wird der Schwund noch deutlicher: Vor vier Jahren gab es noch 100 öffentliche Schulen mehr in OWL. Geschlossen wurden hauptsächlich Hauptschulen, Realschulen, Förderschulen und Grundschulen. Interesse an Haupt- und Realschulen sinkt seit Jahren Holtappels beobachtet seit Jahrzehnten, dass das Interesse an Haupt- und Realschulen landesweit sinkt. „Bei der Hinwendung zu höheren Abschlüssen sind die Großstädte vorausgegangen, in ländlichen Regionen wie in Westfalen tritt das zeitversetzt, aber ähnlich stark ein", erklärt der Schulentwicklungsforscher. „Bildungsbewusste Eltern lösen stärker als früher die Grundschulempfehlungen für höhere Schulformen ein." Schlauer als vor 10 oder 20 Jahren sind die Kinder laut Holtappels jedoch nicht. „In der Intelligenzentwicklung gibt es wenig Bewegung. Aber die Begabungen werden besser ausgeschöpft." Zum Beispiel durch bewusstere Lernunterstützung in Elternhäusern oder durch wirksamere Lernmethoden und Förderung der Schulen. Eltern reagieren mit ihrem wachsenden Interesse an höheren Abschlüssen laut Holtappels auch auf die gestiegenen Anforderungen im Arbeitsmarkt und orientieren sich an ihren eigenen Abschlüssen. „Der mittlere Abschluss ist so faktisch zur Mindestnorm geworden. Kein oder ein niedriger Schulabschluss birgt das Risiko schlechter Zukunftschancen." Eltern kritisieren Auslese nach Grundschule  Grundschüler, die mit ihrem Leistungsspektrum früher zu Haupt- und Realschulen wechselten, sind in den vergangenen 20 Jahren verstärkt auf Gesamtschulen und seit Kurzem auch auf Sekundar- und Gemeinschaftsschulen übergegangen. „Es gibt deutliche Umverteilungen", erklärt Holtappels. „Das zeigt, dass Eltern das traditionelle dreigliedrige Schulsystem mit der Auslese nach der Grundschule abgewählt haben." Holtappels rät der Politik in NRW deshalb zu einem Umbau der Schullandschaft: „Entweder nach der Grundschule nur eine Schulform für alle, so wie in den weltweit erfolgreichsten Staaten, oder zumindest eine Lösung, die auf Zweigleisigkeit von Gymnasien und einer integrierten Schulform hinausläuft, wie in mehreren anderen Bundesländern schon vollzogen." Beide Wege müssen laut Holtappels jedoch gleichwertig sein, zu allen Schulabschlüssen führen und auf die Leistungsauslese in der Grundschule verzichten. „Sonst hätten wir wieder eine Hierarchie im Schulsystem, weil eine Schulform dann die Leistungsstarken und die andere die -schwachen erhält." Aktuell sei das Nebeneinander von fünf Schulformen in NRW, die teilweise sogar ähnlich pädagogisch arbeiten, ein Beispiel für die Ängstlichkeit der Politik vor einer Lösung, die klare Verhältnisse schafft. „Die Sekundarschulen sind bestenfalls eine Übergangslösung. Der Schulkompromiss 2011 zwischen der damaligen Minderheitsregierung unter Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und der Opposition war von Beginn an keine überzeugende Dauerlösung für das Schulsystem."

realisiert durch evolver group